Giovanni Trapattonis legendäre Wutrede jährt sich am Samstag (10. März 2018) zum 20. Mal. Der ehemalige Trainer des FC Bayern München hatte sich 1998 vor lauter Verdruss über die schwache Leistung einiger Spieler bei einer Pressekonferenz derart in Rage geredet, dass einige Aussprüche noch heute munter zitiert werden. Wir haben uns im Landkreis einmal umgehört, um zu erfahren, welche Erinnerungen ein Satz wie "Was erlaube Struuunz?" auslöst - und wie unsere Gesprächspartner selbst mit dem Thema Wut umgehen.
 


Stefan Rose (Lehrer und Fußballtrainer)

Eingeschlagen wie eine Bombe ist die Rede ja vor allem deshalb, weil Giovanni Trapattoni den Nagel auf den Kopf getroffen hat: Er wollte sich nicht länger von Profis verarschen lassen, die halbherzig auf dem Trainingsplatz oder sogar dem Spielfeld herumlaufen. Das war total menschlich und absolut nachvollziehbar.

Lustig wurde sie natürlich durch die "False friends", die Übersetzung von Sprichworten aus der Muttersprache, sowas wirkt dann immer unfreiwillig komisch. Es war sehr mutig von ihm, dass er die Rede damals auf Deutsch gehalten hat. Trotz seiner damals noch geringen Sprachkenntnissen. Denn gerade wenn man emotional so geladen ist, ist es ja schon schwierig genug, die passenden Worte in der Muttersprache zu finden. Aber er hat die Sprache bewusst gewählt, um die Leute auch zu erreichen.

Wenn man ein emotionaler Mensch ist, werden solche Momente nicht ausbleiben. Gerade beim Fußball muss man manchmal Klartext reden, damit es auch bei jedem ankommt. Man versucht es solange wie möglich im guten Ton, aber manchmal muss man auch mal platzen.


Thomas Mattes (Schiedsrichter)

Als ich die Pressekonferenz abends im Fernsehen gesehen habe, musste ich schon stark schmunzeln - und habe als Club-Fan die nächsten Tage natürlich die Bayern-Fans in meinem Umfeld etwas aufgezwickt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich Trapattoni gut verstehen konnte - wie wahrscheinlich jeder, der mal Fußball gespielt hat. Wenn die Leistung nicht passt, ist es fast logisch, dass ein Trainer auch mal ausflippt.

Auch als Schiedsrichter werden die Nerven gerne mal auf die Probe gestellt. Da teilt man dann einen Kollegen für ein Spiel ein, zwei Tage später kommt der dann aber auf mich zu und sagt, dass er an diesem Tag doch gar nicht kann. Dabei gibt es im System extra eine Funktion, mit der man freie Tage eintragen kann. Die zu nutzen, dauert vielleicht 30 Sekunden und der Planer weiß Bescheid. Genutzt wird sie trotzdem nicht. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich eine patzige Mail zurückschreibe. Eigentlich bin ich ja ein sehr geduldiger Mensch, aber irgendwann reißt auch mir mal die Hutschnur. So richtig geknallt wie bei Trapattoni hat es dann aber doch nicht.


Eckhard Joey Schneider (Betriebsseelsorger)

Für Wutreden habe ich großes Verständnis. Mir ist es schon oft genauso gegangen wie Trapattoni und habe mich von meinen Emotionen leiten lassen. Wir leben ja eigentlich in einer Welt, in der immer die Etikette zu wahren ist. Da bin ich aber anderer Meinung - auch ich habe mit dem Alter gelernt, eine Nacht über eine Sache zu schlafen.

Als Betriebsseelsorger habe ich einmal eine Wutrede bei einer Betriebsversammlung gehalten, weil ich mich von der Geschäftsführung - und wie sie mit Leuten umgegangen ist - habe provozieren lassen. Deren Verhalten war unterirdisch und hat mich dazu gebracht, dass ich fast ausgetickt bin. Natürlich war der Applaus, den ich von den Beschäftigten dafür erhalten habe, groß, aber schon kurz danach habe ich mir gedacht, dass mit so etwas eigentlich nicht passieren darf.

Aber ich bin halt ein emotionaler Typ. Beim Fußball war das kein Problem, da bin ich fast regelmäßig in der Kabine wegen Disziplinlosigkeiten ausgerastet. Im Job oder meiner Vorstandsarbeit bei den Jägern muss ich allerdings sehr professionell arbeiten. Auch wenn es mich da zugegebenermaßen manchmal in den Fingern juckt und ich gerne eine Wutrede halten würde.


Klaus Löffler (Kronacher Landrat)

Trapattonis Wutrede ist einfach legendär. Nicht nur bei Fans des FC Bayern wie mir, sondern bei allen Fußballinteressierten. Wenn ich mich richtig erinnere, war das kurz nach einer 0:1-Niederlage auf Schalke und damit in einer Phase, in der nicht nur über eine möglicherweise zu defensive Spielweise diskutiert wurde, sondern sich auch Spieler wie Mario Basler oder Mehmet Scholl öffentlich über Entscheidungen ihres Trainers beklagten.

Trapattonis Rede wurde so zu einer schonungslosen Abrechnung mit den Spielern und er hat mal Klartext geredet. Ich nehme an, dass es ihm vorkam, als wären die Spieler ihm in den Rücken gefallen. Eine solche Reaktion kann ich daher gut nachvollziehen. Gerade, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt.

Parallelen gibt es da natürlich auch zur Politik. Ich bin zum Beispiel jemand, der seine Werte hat und diese auch von anderen einfordert. Grundsätzlich sehe ich mich als einen Menschen, der sich da dennoch im Griff hat. Aber wenn gewisse Grenzen überschritten werden, ist es in der Tat so, dass ich auch mal anders kann. Das muss dann auch einfach mal sein.


Anna-Lena Deuerling (Volontärin)

Ok, jetzt haben die wohl restlos den Verstand verloren. Als Trapattonis Wutrede vor einigen Wochen zum Thema in der Redaktion wurde, ließ es sich mein geehrter Kollege Hamacher natürlich nicht nehmen, seine Version der bekanntesten Zitate aus der Pressekonferenz (mehr als einmal) zum Besten zu geben.

Wie bei fast allen Gesprächen rund um den Lieblingssport meiner Kollegen blieb mir nur Verwunderung, Augenrollen und die Flucht in die Teeküche. Mit Jahrgang 1991 falle ich definitiv nicht in die Zielgruppe, die sich noch lebhaft an den Tag im März 1998 erinnert, an dem eine Legende geboren und der deutsche Sprachschatz um Zitate erweitert wurde, die ebenso gut von Verona Feldbusch hätten stammen können.

Doch selbst mir - die zudem noch seit Jahren strikt den Konsum jeglicher Fußballübertragungen verweigert - sind natürlich die fast schon inflationär verwendeten Sprüche ein Begriff. Schon faszinierend, wie sich Dank einer ordentlichen Portion Wahnsinn und Wut ein banaler Anlass wie eine Pressekonferenz noch zwei Jahrzehnte später im kollektiven Gedächtnis hält.


Martin Gundermann (Pfarrer)

Meine erste Wutrede habe ich gerade erst von der Kanzel gehalten. Allerdings eine inszenierte, um das Thema der Predigt einzuleiten. Eingegangen bin ich darin nämlich auf die Wutrede einer Mutter an ihren Sohn. Der hatte sein fast noch neues Handy geschrottet, weil er zu fahrlässig damit umgegangen ist.

Es ging mir um die mangelnde Wertschätzung gegenüber dem, was die Mutter leisten muss, damit sie es sich leisten kann, ihrem Sohn zu Weihnachten dieses Handy zu schenken.
Generell kann man ja sagen, dass Wut nicht gleich Wut ist. Wut aus einer Emotion heraus, weil einem der andere wichtig ist, man Angst um ihn hat, kann ich sehr gut verstehen. Trapattonis Ziel war ja auch, die Mannschaft aufzurütteln und etwas zu bewegen. Es hing sein Herzblut daran. Das ist etwas völlig anderes, als wenn ein sogenannter Wutbürger ohne besseren Lösungsansatz auf alles und jeden schimpft.

Ich selbst bin jemand, der lange braucht, ehe er mal in Rage gerät. Und wenn mir das mal passiert, liegt das wohl daran, dass ich schlecht geschlafen habe oder aus einem anderen Grund schlecht drauf bin. Da rege ich mich dann über Sachen auf, über die ich normalerweise lächeln würde.

Die berühmte Rede im Wortlaut:

"Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh, einige Spieler vergessen ihnen Profi was sie sind. Ich lese nicht sehr viele Zeitungen, aber ich habe gehört viele Situationen: Wir haben nicht offensiv gespielt. Es gibt keine deutsche Mannschaft spielt offensiv und die Namen offensiv wie Bayern.

Letzte Spiel hatten wir in Platz drei Spitzen: Elber, Jancker und dann Zickler. Wir mussen nicht vergessen Zickler. Zickler ist eine Spitzen mehr Mehmet e mehr Basler. Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was ich hab' gesagt? Danke. Offensiv, offensiv ist wie machen in Platz.

Ich habe erklärt mit diese zwei Spieler: Nach Dortmund brauchen vielleicht Halbzeit Pause. Ich habe auch andere Mannschaften gesehen in Europa nach diese Mittwoch. Ich habe gesehen auch zwei Tage de Training. Ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen was passieren in Platz. In diese Spiel es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!

Haben Sie gesehen Mittwoch, welche Mannschaft hat gespielt Mittwoch? Hat gespielt Mehmet, oder gespielt Basler, oder gespielt Trapattoni? Diese Spieler beklagen mehr als spielen! Wissen Sie, warum die Italien-Mannschaften kaufen nicht diese Spieler? Weil wir haben gesehen viele Male solche Spiel. Haben gesagt, sind nicht Spieler für die italienische Meisters.

Strunz! Strunz ist zwei Jahre hier, hat gespielt zehn Spiele, ist immer verletzt. Was erlaube Strunz? Letzte Jahre Meister geworden mit Hamann, eh... Nerlinger. Diese Spieler waren Spieler und waren Meister geworden. Ist immer verletzt! Hat gespielt 25 Spiele in diese Mannschaft, in diesem Verein! Muss respektieren die andere Kollegen! Haben viel nette Kollegen, stellen sie die Kollegen in Frage! Haben keinen Mut an Worten, aber ich weiß, was denken über diese Spieler!

Mussen zeigen jetzt, ich will, Samstag, diese Spieler mussen zeigen mich, seine Fans, mussen allein die Spiel gewinnen. Ich bin müde jetzt, Vater diese Spieler, eh, verteidige immer diese Spieler! Ich habe immer die Schulde über diese Spieler. Einer ist Mario, einer, ein anderer ist Mehmet! Strunz dagegen egal, hat nur gespielt 25 Prozent diese Spiel!

Ich habe fertig!"