Es braucht schon einen Juristen, um zu erklären, warum das deutsche Recht dieses Verbrechen Totschlag nennt. Doch Mordmerkmale - Heimtücke, niedere Beweggründe oder Grausamkeit - konnte das Landgericht Coburg dem Angeklagten nach drei Verhandlungstagen schlicht nicht nachweisen. "Was wir haben, reicht nicht aus. Aber wir sind in diesem Fall sehr nahe dran." Ein Umstand, den Staatsanwalt Christopher Rosenbusch hörbar bedauert, bevor er für H. 14 Jahre und 9 Monate Gefängnis fordert und damit den Strafrahmen von 15 Jahren fast ausreizen will.

Hat das 23 Jahre alte Opfer die tödliche Messerattacke in der Kronacher Asylunterkunft kommen sehen? War es tatsächlich arg- und wehrlos? Und was hat den afghanischen Landsmann zu der Bluttat getrieben? Nur zwei Menschen kennen die Antworten auf diese Fragen. Der eine ist tot, der andere hat bis zuletzt geschwiegen.

Doch um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Qualen das Opfer in seinen letzten Minuten durchlitten hat, braucht es den Angeklagten nicht. Was er am 4. April in der Gemeinschaftsküche hinterlassen hat, spricht auch ohne Worte Bände. "Als wir in die Küche kamen, steckte noch ein großes Küchenmesser in der Brust des Opfers, im Bereich des Herzens", schildert der junge Polizeibeamte, der vier Minuten nach der Alarmierung zuerst am Tatort eintraf. Dutzende Schnitte, Stiche und all das Blut hätten keinen Zweifel daran zugelassen, dass der Mann auf dem Fußboden tot war. Verletzungen, die nicht mit dem Leben vereinbar sind, heißt es emotionslos auf dem Totenschein.

Der Befund kann dem minutenlangen Todeskampf, in dem der junge Afghane wild mit den Beinen gestrampelt, Blut ein- und spuckend wieder ausgeatmet hat, nicht ansatzweise gerecht werden. "Der Angeklagte handelte mit absolutem Tötungswillen", ist der Oberstaatsanwalt überzeugt. "Das Opfer wurde regelrecht niedergemetzelt." Nachdem er sich sicher sein konnte, dass sein Opfer tot war, flüchtete H. vom Tatort und hinterließ etwas von seinem Blut. Im Kampf hatte er sich eine Schnittverletzung zugezogen. Er ließ sie später im Ankerzentrum in Bamberg von der Ehefrau eines Mitbewohners verarzten. Nicht zuletzt dieser Beweis, seine DNA am Tatort und am Opfer, überführen H. am Ende zweifelsfrei als Täter.

Nachdem er die Nacht noch im Ankerzentrum verbracht hatte, floh H. am darauffolgenden Morgen mitten im Corona-Lockdown mit dem Zug nach Frankreich. Obwohl die Augenzeugen direkt nach der Tat Hinweise darauf gegeben haben, wer ihren Mitbewohner umgebracht hatte, trafen die Ermittler erst im Ankerzentrum ein, als H. bereits das Land verlassen hatte. Wie diese Verzögerung zu erklären sei, wollte Richter Christoph Gillot vom sachbearbeitenden Kripo-Beamten wissen. "Wir hatten zuerst die falschen Daten und haben unter einem anderen Namen nach ihm gefahndet", erklärt dieser. Später kam heraus, dass H. unter vier verschiedenen Identitäten in Deutschland bekannt war. Mal war sein Name anders geschrieben, mal passte das Geburtsdatum nicht. "Im Laufe der Ermittlungen hat sich herausgestellt, dass es sich immer um die gleiche Person gehandelt hat."

Keine Spur von Reue

Der Angeklagte bleibt bis zur Urteilsverkündung bei dem bizarren Verhalten, dass er bereits an den ersten beiden Verhandlungstagen zur Schau gestellt hat. Als ihn der Richter darauf hinweist, dass er das letzte Wort hat, lässt er den Übersetzer nachfragen: "Was soll ich mich äußern? Was sagst du überhaupt?" Immer wieder hatte H. auf seine angeblichen Angstzustände und Psychosen hingewiesen. Ein Sachverständiger fand dafür jedoch keine Hinweise, und auch der Richter kauft dem 28-Jährigen eine mögliche Schuldunfähigkeit nicht ab: "Wir begehen keinen großen Fehler, wenn wir auf das auffällige Verhalten des Angeklagten in der Hauptverhandlung nicht reagieren."

Zwölf Jahre Gefängnis lautet das Urteil, das H. gähnend zur Kenntnis nimmt. Daran konnte auch Strafverteidiger Albrecht von Imhoff, der im Verhalten seines Mandanten den "fürchterlichen Druck der Schuld" vermutete und um Milde bat, nicht viel ausrichten.

H. verbringt die nächsten zwölf Jahre in einem deutschen Gefängnis. Die Zeit in Untersuchungshaft hat er sich bislang mit nächtelangem Fernsehen vertrieben.