Ein 63-Jähriger aus dem Landkreis Kronach stand am Donnerstag vor dem Amtsrichter. Wegen sexueller Nötigung in fünf Fällen wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Rentner muss 70 Tagessätze zu jeweils 45 Euro zahlen - insgesamt also 3150 Euro.

Dem Urteil war eine Verständigung zwischen Richter, Staatsanwaltschaft und Strafverteidiger vorausgegangen, bei dem sich alle Parteien auf die Beendigung des Verfahrens geeinigt hatten. Der ursprüngliche Einspruch des Angeklagten gegen den Strafbefehl wurde im Laufe der Verhandlung auf die Höhe der Tagessätze begrenzt. Der Strafverteidiger des 63-Jährigen sah zwar grundsätzlich noch Bedarf an Ermittlungen, um die Verurteilung zu vermeiden, wollte aber letzten Endes den "Spießrutenlauf für seinen Mandanten" vorzeitig beenden.

Laut Anklageschrift soll der Mann während der Arbeit eine Auszubildende in mehreren Fällen sexuell genötigt haben.
Darunter seien körperliche Übergriffe und verbale Anzüglichkeiten gewesen. Die Vorfälle ereigneten sich zwischen September 2012 und April 2014 in einem Unternehmen im Landkreis Kronach. Im Mai 2014 erstattete die junge Frau (heute 19 Jahre) eine Anzeige bei der Polizei.


Thematik derzeit brisant

Schon vor der Einvernahme des Angeklagten wies Richter Hendrik Wich angesichts der jüngsten Ereignisse in der Silvester-Nacht in Köln auf die aktuelle Brisanz solcher Fälle hin. So gebe es in allen Verfahren dieser Art Überlegungen, das Strafmaß bei Verurteilungen etwas zu verschieben. "Eine zu verhängende Strafe kann 2016 anders ausfallen als es noch 2015 der Fall war", sagte der Strafrichter.

Im September 2012 begann die Geschädigte im Alter von 16 Jahren eine Ausbildung bei einem Unternehmen im Landkreis Kronach als Kauffrau. Der Angeklagte war zu dem Zeitpunkt Ausbildungsleiter und teilte sich die meiste Zeit ein Büro mit der jungen Frau. "Zu Beginn war das Verhältnis wie zu jedem anderen Azubi", sagte der Angeklagte, der nach eigener Aussage in seiner Berufslaufbahn rund 80 Auszubildende betreute."Nach ein paar Monaten hat sich aber herausgestellt, dass sie leicht abzulenken war und teilweise depressiv zur Arbeit erschienen ist."

In der Anklageschrift wurde dem 63-Jährigen vorgeworfen, dass er der Frau unter anderem an die Brust und an den Po gefasst und Reißverschlüsse an ihrer Hose aufgemacht hatte. Dies stritt er vor dem Gericht ab. "Ich habe ihr niemals an die Brust gefasst oder einen Reißverschluss geöffnet", sagte er. Körperkontakt habe es nur gegeben, als er die junge Frau in einigen Situationen trösten wollte. "Ich habe mal meinen Arm über ihre Schulter gelegt. Es kann sein, dass ich dabei an ihren Rücken gekommen bin, aber das war sicher nicht bewusst", erklärte der Angeklagte.

Sexuelle Übergriffe wären seiner Meinung gar nicht möglich gewesen, da das gemeinsame Büro durch eine Glasfront und eine ständig geöffnete Türe für viele Mitarbeiter und Kunden einsehbar gewesen wäre. "Da wäre das Risiko viel zu groß, da hätte ich bescheuert sein müssen", sagte der Angeklagte. Zugegeben hat der 63-Jährige indes einige anzügliche Bemerkungen. So habe er zur Auszubildenden einige Male gesagt, wie "heiß" oder "geil" sie mal wieder aussehe. "Aber ohne sexuellen Hintergedanken", sagte er. Auch verbale Aufforderungen nach Sex, die ihm in der Anklage zur Last gelegt wurden, stritt der Rentner ab.


"Korrekter Mitarbeiter"

Rückendeckung bekam der Angeklagte von einem seiner Vorgesetzten. "Ich kenne ihn seit fast 40 Jahren als korrekten Mitarbeiter. Mir ist nie etwas unter der Gürtellinie aufgefallen", sagte der Zeuge vor Gericht. Eine mögliche Entlassung des Angeklagten wäre für das Unternehmen erst bei einer Verurteilung ein Thema gewesen. Diese Entscheidung war im vergangenen Jahr hinfällig. Da ging der 63-Jährige, wie bereits länger geplant, in den Ruhestand.
Eine plausible Erklärung, warum ihm die junge Frau solch schwere Vorwürfe macht, hatte er vor Gericht keine. Bei seiner Polizeiaussage vermutete der 63-Jährige noch eine Art Racheakt, da er die Noten ihrer Zwischenprüfung - auf die er keinen Einfluss hatte - kritisierte. "Das waren mit die schlechtesten Ergebnisse, die ich je gesehen habe. Ich habe ihr gesagt, dass sie so keine Chance hat, die Gesellenprüfung zu bestehen", sagte der 63-Jährige.

Der Geschädigten fiel es im Amtsgericht anfangs sehr schwer, über die Vorfälle zu sprechen. Ein ursprünglicher Antrag, den Angeklagten während ihrer Einvernahme von der Verhandlung auszuschließen, wurde allerdings kurzfristig zurückgezogen. Trotzdem brach die 19-Jährige bereits nach einigen Sätzen in Tränen aus. Sie erzählte, dass die ersten Monate ihrer Ausbildung noch gut liefen, bevor es nach ihrer Probezeit im Dezember 2012 vermehrt zu den verbalen Anzüglichkeiten kam. "Ich war ziemlich verunsichert, wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte", sagte sie. Zwei Monate später sei es dann zur ersten sexuellen Nötigung gekommen. So soll der Angeklagte mehrmals ihren Po "getätschelt" haben, erklärte die junge Frau. Darüber hinaus hätte der Angeklagte immer wieder Reißverschlüsse und Knöpfe ihrer Hose aufgemacht, die Bluse aus der Hose gezogen und sei mit der Hand ihren Rücken hochgefahren, schilderte die 19-Jährige dem Richter. "Das Schlimmste für mich war, als er mich einmal im Brustbereich berührte", sagte sie. Mit der Zeit habe sie ihren Kleidungsstil verändert und versucht, mehr Distanz zum 63-Jährigen zu wahren. Anderen Menschen etwas von den Vorfällen zu erzählen, traute sie sich lange Zeit nicht. Fast täglich hätte der Angeklagte zu ihr gesagt, dass sie Eltern und Freund nichts erzählen solle, erklärte sie. Auch der Satz "Ich weiß, wo du wohnst", soll mehrmals gefallen sein. Der Angeklagte stritt dies jedoch ab.

Erst im Mai 2014, 18 Monate nach den ersten Vorfällen, zeigte die junge Frau den 63-Jährigen bei der Polizei an. Ermutigt wurde sie dazu von ihrem Freund und ihren Eltern, denen sie die sexuellen Übergriffe kurz vorher verraten hatte.

Die Monate zuvor gingen nicht spurlos an der 19-Jährigen vorbei. "Sie hatte Stimmungsschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten und hatte ständig Alpträume", schilderte ihre Mutter im Gericht. Deswegen steht die junge Frau seit 2013 auch in psychotherapeutischer Behandlung. Ihre Psychotherapeutin, die auch als Zeugin geladen war, diagnostizierte eine Posttraumatische Belastungsstörung. "Sie hatte massive Ängste, vor allem in der Dunkelheit rauszugehen", sagte die Therapeutin. Nach der Anzeige hatte die 19-Jährige ihre Ausbildung zur Kauffrau bei einem anderen Unternehmen fortgesetzt und diese auch erfolgreich abgeschlossen.
Beim abschließenden Urteil kam dem Angeklagten zugute, dass er nicht vorbestraft war. Dadurch konnte er einer möglichen Freiheitsstrafe entgehen. Die Höhe der 70 Tagessätze fiel mit 45 Euro verhältnismäßig moderat aus, da der 63-Jährige mittlerweile in Rente ist und lediglich über rund 1300 Euro im Monat verfügt. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.