Zahlenreihen, die ein ganzes Buch füllen könnten. Seite um Seite geht sie Matthias Klar durch, erstellt Grafiken und Tabellen, die am Donnerstag veröffentlicht werden. Das ist für den Pressesprecher der Arbeitsagentur Bamberg-Coburg nichts Neues. Doch dieser Arbeitsmarktbericht ist anders. Seine Zahlen erzählen die Schicksale tausender Menschen.

Und leider haben die Geschichten - vorerst - kein Happy End. Steigende Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und dazwischen vereinzelt Stellenangebote in systemrelevanten Branchen: An diesen Faktoren - neben den Infektionszahlen - werden sich die Auswirkungen von Covid-19 messen.

Das Virus hat den Arbeitsmarkt infiziert. "Die aktuelle, durch Corona bedingte Situation, wird sich deutlich in den Arbeitslosenzahlen niederschlagen", prognostiziert Klar. "Wir müssen leider damit rechnen, dass die Arbeitslosenzahlen signifikant ansteigen."

Für gewöhnlich geht die Arbeitslosigkeit in dieser Jahreshälfte leicht zurück. Diesmal wird der Trend in die andere Richtung zeigen - vermutlich im zweistelligen Prozentbereich. Eine Entwicklung in diesem Ausmaß lässt selbst einen erfahrenen Mann der Zahlen emotional werden. "Was wir bei all den Statistiken nie vergessen dürfen: Es handelt sich hier um Menschen und persönliche Schicksale."

Um annähernd vergleichbare Tabellen zu finden, muss Klar in der Chronik weit zurückgehen. "Die Wirtschaftskrise 2009 hat vor allem größere Unternehmen getroffen, weil die Ursache da wirtschaftlicher Natur war. Doch diese Krise trifft alle Unternehmen gleich."

Kurzarbeit als Rettungsanker

Dabei hätte es noch viel schlimmer kommen können. Das zeigt ein Blick über den großen Teich: Noch im Februar dieses Jahres feierte die USA ihre niedrigste Arbeitslosenquote seit Jahrzehnten. Doch dann schlug auch dort das Corona-Virus mit voller Wucht ein: Innerhalb eines Monats verloren 26 Millionen Menschen ihre Jobs. So beunruhigend die Zahlen hierzulande auch aussehen werden: "In Deutschland wird vieles durch die Kurzarbeit abgemildert." Denn viele Betriebe, die ohne diese Option ihren Arbeitnehmern in diesen Wochen kündigen müssten, haben inzwischen Kurzarbeit angemeldet.

Das werden die Zahlen für den Kreis Kronach belegen: "Von Mitte März bis jetzt haben sich rund 3500 Unternehmen bei uns gemeldet, die Kurzarbeit anzeigen wollten." Das bedeute zwar noch nicht, dass jeder dieser Betriebe tatsächlich in Kurzarbeit geht. Doch zum Vergleich: "Im November letzten Jahres beispielsweise haben wir 26 Anzeigen auf Kurzarbeit von Betrieben bekommen."

Für den Pressesprecher der Arbeitsagentur wirkt die Kurzarbeit in der momentanen Situation wie Medizin: "Ohne das ins Lächerliche ziehen zu wollen, vergleiche ich das Corona-Virus gerne mit einer bösen Erkältung der Wirtschaft. Die Erkältung bleibt für einige Tage und geht dann wieder. In dieser Zeit lindert die Kurzarbeit die Symptome."

Von diesem sozialstaatlichen Instrument würden Arbeitgeber und -nehmer gleichermaßen profitieren. "Wenn die Unternehmen ihre Angestellten jetzt kündigen und die in der Zwischenzeit wo anders unterkommen, sind sie weg, wenn sich die wirtschaftliche Lage wieder bessert", erklärt Klar.

Neues Personal müsse dann erst einmal gefunden und angelernt werden. "So stehen dem Arbeitgeber die Arbeitskräfte aber sofort wieder zur Verfügung." Die Arbeitnehmer müssten sich während der Kurzarbeit nicht arbeitslos melden und würden weiter einen Großteil ihres Gehalts bekommen (siehe unten).

Sozialer Friede durch Sicherheit

Nicht zuletzt der psychologische Aspekt spiele bei den Arbeitnehmern eine entscheidende Rolle. "Natürlich freut sich niemand, wenn er in Kurzarbeit geschickt wird", weiß Klar. "Doch die Leute haben noch immer ihren Job. Das beruhigt auch ein Stück weit." Das sei einer der Gründe dafür, dass die Bürger die derzeit von der Regierung getroffenen Maßnahmen zum Schutz vor dem Covid-19-Virus so einvernehmlich akzeptieren. "Revolutionen wurden in der Vergangenheit immer durch Menschen ausgelöst, die nichts mehr zu verlieren hatten. Dass es jetzt in Deutschland nicht dazu kommt, liegt an unserem Sozialstaat. So sichern wir in dieser Krise den Frieden in unserem Land."

Mitarbeiter gesucht

Und auch, wenn die Wirtschaft derzeit am Stock geht: In einigen Branchen werden sogar noch Arbeitskräfte gesucht. "Neben dem Onlinegeschäft profitiert natürlich auch der Lebensmittelhandel. Dort werden Verkäufer gesucht, Kommissionierer und Metzger." Neben Speditionen wie Söllner aus Stockheim, die derzeit Kraftfahrer suchen, haben auch viele Baufirmen und Malerbetriebe weiterhin volle Auftragsbücher. Weiter fehlt es derzeit an Erntehelfern. "Je weniger Kundenkontakt, desto besser. Und bei diesen Tätigkeiten kann man sich gut aus dem Weg gehen und den Mindestabstand einhalten."

In einigen Unternehmen wird noch immer fleißig produziert, wie bei dem Ludwigsstädter Betrieb W.O.M. "Wir stellen unter anderem Schlauchsets im Bereich der minimalinvasiven Medizin her", erklärt Steffi Grau vom Personalbüro. "Dafür suchen wir nach wie vor Leute."

Auch der Kronacher dm-Drogeriemarkt benötigt Verstärkung. "In den vergangenen Wochen haben wir eine sehr hohe Nachfrage nach verschiedensten Produkten erlebt, verbunden mit einem sehr hohen Kundenaufkommen", berichtet Christian Harms, dm-Geschäftsführer und verantwortlich für das Ressort Mitarbeiter. Eine Übersicht mit aktuellen Stellenangeboten im Kreis Kronach gibt es online unter www.arbeitsagentur.de/vor-ort/bamberg-coburg/startseite.

Voraussetzungen wurden gelockert: Alle Infos zur Kurzarbeit

Für Unternehmen, die aufgrund des Corona-Virus in wirtschaftliche Schieflage geraten sind, stellt die Kurzarbeit eine kurzfristige, zeitlich begrenzte Entlastung da. "Was viele nicht wissen: Auch Unternehmen, die nur einen Angestellten haben, können Kurzarbeit beantragen", merkt Matthias Klar von der Arbeitsagentur Bamberg-Coburg an.

Die Agentur für Arbeit zahlt das Kurzarbeitergeld als teilweisen Ersatz für den entfallenen Lohn. Der Arbeitgeber wird dadurch bei den Kosten der Beschäftigung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entlastet. Aktuell hat die Regierung bei der Kurzarbeit Erleichterungen erlassen. Doch es gibt einiges zu beachten:

Welche Regelungen gelten derzeit für die Kurzarbeit?

"Für gewöhnlich müssen mindestens 30 Prozent der im Betrieb Beschäftigten von einem Arbeitsausfall betroffen sein, damit Kurzarbeit angezeigt werden kann", erklärt Klar. "Doch bis Ende des Jahres genügen bereits zehn Prozent der Belegschaft." Außerdem können nun auch Leiharbeiter in Kurzarbeit gehen. Die Sozialversicherungsbeiträge, die Arbeitgeber für ihre kurzarbeitenden Beschäftigten allein tragen müssen, werden durch die Bundesagentur für Arbeit in pauschalierter Form erstattet. Außerdem wurde die maximale Bezugszeit von Kurzarbeitergeld von zwölf auf 21 Monate verlängert.

Welche Rolle spielt dabei der Betriebsrat?

Voraussetzung für die Einführung von Kurzarbeit in einem Unternehmen ist, dass der Betriebsrat zustimmt. "Er kann zwar noch verhandeln, doch am Ende stimmt der Betriebsrat in der Regel zu", sagt Klar. "Denn die Alternative wären ja Kündigungen." Gilt in Betrieben ohne Betriebsrat kein Tarifvertrag mit einer sogenannten tarifvertraglichen Kurzarbeitsklausel, muss grundsätzlich der Arbeitnehmer zustimmen.

Wie hoch ist während der Kurzarbeit das Gehalt?

Das Kurzarbeitergeld berechnet sich nach dem Nettoentgeltausfall. Kurzarbeiter erhalten davon grundsätzlich 60 Prozent. Lebt mindestens ein Kind mit im Haushalt, beträgt das Kurzarbeitergeld 67 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts. Eine

Tabelle zur Orientierung gibt es auf der Website der Bundesagentur für Arbeit unter www.arbeitsagentur.de. Arbeitgeber können die Lohnlücke verkleinern, indem sie Aufzahlungen leisten. Die Arbeitsagentur Bamberg-Coburg hat kostenlose Hotlines zum Thema Kurzarbeit eingerichtet. Arbeitgeber wählen die Telefonnummer 0800/45 5 55 20, Arbeitnehmer die Telefonnummer 0800/4 55 55 00 oder die 09561/9 31 00.

Dürfen auch Auszubildende in Kurzarbeit geschickt werden?

Das ist grundsätzlich erlaubt. "Davor muss das Unternehmen aber nachweisen, dass wirklich alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft wurden", erklärt Klar. Auch in Teilzeit Beschäftigte eines Betriebs können in Kurzarbeit gehen.