Michael Rühlemann (54) freut sich. Der Arzt, der seit 1985 in Neuses praktiziert, weint der Praxisgebühr keine Träne nach. "Für uns war das einfach ein Verwaltungsaufwand", sagt er. Trotzdem möchte der Mediziner nicht in das große Lamento einstimmen. "Wir sind ja eine kleine Praxis, da war das alles noch machbar", sagt Rühlemann.

Neun Jahre lang mussten Patienten einmal pro Quartal zehn Euro Praxisgebühr auf den Tisch legen. Hintergrund war: Die Kassen wollten die Zahl der Facharztbesuche eindämmen und den Hausärzten eine "Lenkungswirkung" zukommen lassen. Doch das ist gründlich schief gegangen, denn Statistiken belegen, dass die Deutschen deshalb keineswegs weniger zu den Ärzten gegangen sind. Auch nicht zu Fachärzten. Die Praxisgebühr hatte vor allem vielmehr den Effekt, dass Ärzte, Fachangestellte und Patienten genervt waren.

Als besonders ärgerlich empfand Michael Rühlemann die Diskussionen, die während der gesamten Laufzeit nicht abgeflacht sind. "Wenn man Notdienst leistet, dann mussten die Leute noch mal bezahlen. Und immer wieder gab es Diskussionen, dass sie doch schon beim Hausarzt bezahlt hätten. Das war wirklich lästig", so Rühlemann. Auch Gespräche und aufwendige Klärungen, ob Patienten befreit sind oder nicht, fallen in Zukunft weg.


Auch Patienten atmen auf

Die Patienten können wieder direkt zum Facharzt ihrer Wahl gehen. Sie können sich aber auch weiterhin eine Überweisung vom Hausarzt holen, so wie bisher. Die ersten Patienten atmen bereits erleichtert auf, hat der Neuses Arzt erfahren. Dies bestätigen auch weitere Ärzte in der Region.

Hannelore Volk (84) aus Weißenbrunn ist eine der Patientinnen, die regelmäßig zum Arzt geht und die richtig froh ist. Auch Lieselotte Endres (77) schimpft nur über die Praxisgebühr. "Ich habe immer gezahlt. Aber sollen sie doch mal bei den Großen anfangen und nicht immer nur die kleinen Leute zur Kasse bitten", sagt sie.
Der Arzt aus Neuses hat in den ersten Tagen im neuen Jahr die Erfahrung gemacht, dass viele Patienten auf die Abschaffung der Praxisgebühr gewartet haben. "Sie haben die Verordnung neuer Medikamente bis zur letzten Tablette hinaus gezögert, weil sie die zehn Euro sparen wollen", sagt Rühlemann.

Richtig froh ist Christina Stickler (40), die seit zehn Jahren als medizinische Fachangestellte tätig ist und in der Arztpraxis in Neuses für die Einziehung der Praxisgebühr zuständig war. "Am Anfang des Quartals gab es immer wieder Diskussionen. Ich bin richtig froh, wenn die Gebühr jetzt weg ist, denn das war einfach nur unangenehm und blöd", sagt sie.

Hin und wieder habe es auch Leute gegeben, die einfach nicht bezahlt haben, meistens jüngere oder solche, die ohnehin Probleme haben. "Ich muss ehrlich sagen, die Älteren haben immer brav bezahlt", sagt Stickler. "Aber wenn jemand wirklich nicht bezahlt hat, war das eigentlich ganz gut geregelt. Denn wir haben das dann einfach an die kassenärztliche Vereinigung weitergeleitet, und die haben sich dann um die Mahnungen und so gekümmert." Wie viel Zeit sie dafür aufgewandt hat, kann Christina Stickler nicht genau einschätzen.

Experten bezifferten den Aufwand auf durchschnittlich 120 Stunden im Jahrt. "Also bei uns freuen sich alle, dass die Praxisgebühr weg ist. Ich hoffe aber, das wir uns nicht zu früh freuen und irgend etwas anderes, irgendeine Zusatzgebühr oder so, eingeführt wird", sagt Stickler.


Beratungsbedarf besteht

Während die Praxisgebühr nun weggefallen ist, hat sich bei der Zuzahlung für Medikamente nichts geändert. Apothekerin Christine Punke aus Weißenbrunn muss nach wie vor immer wieder ältere Menschen beraten, ob es sich lohnt, eine Vorauszahlung zu leisten oder nicht. "Für ältere Leute, für Insulinpatienten oder Rheumapatienten, die regelmäßig Medikamente brauchen, kann sich solch eine Vorauszahlung schon rechnen, denn nicht alle, die regelmäßig Medikamente brauchen, sind auch automatisch befreit", erläutert sie das nicht ganz unkomplizierte Fachgebiet. Vor allem müsse man das jedes Jahr neu ausrechnen und beantragen.

"Ältere Menschen brauchen unbedingt Hilfe von jüngeren", weiß Christine Punke. Sie selbst hat die Erfahrung gemacht, dass rund ein Drittel aller Patienten, die regelmäßig Medikamente brauchen, mit einer Vorauszahlung besser fahren.