Den Start ins Berufsleben hatte sich Jonas Baumann* anders vorgestellt. Der 16-Jährige aus dem Landkreis Kronach will Schreiner werden - für den jungen Mann aus dem Landkreis Kronach ein Traumberuf. Im Nachbarlandkreis Kulmbach hat er einen Betrieb gefunden, der ihn ausbilden möchte. Doch um ein Haar wäre sein Traum zerplatzt, noch bevor er den Hobel auch nur in die Hand genommen hat.

Jonas' Mutter Katrin Baumann ist sauer. "Mein Sohn möchte eine handwerkliche Ausbildung in Angriff nehmen. Ich verstehe nicht, warum uns solche Steine in den Weg gelegt werden." In den vergangenen Wochen hat sie viel Zeit und Mühe darauf verwendet, die Regierung Oberfranken davon zu überzeugen, dass Jonas die Berufsschule in Kulmbach besuchen kann. Was erst einmal logisch klingt, da sich der Ausbildungsbetrieb ebenfalls im Kulmbacher Landkreis befindet, ist es aber nicht. Tischler zählen zu den Ausbildungsberufen, die ein Berufsgrundschuljahr absolvieren müssen. Das bedeutet, dass die Lehrlinge das erste Jahr ihrer Ausbildung komplett in der Berufsschule verbringen. Und auf welche Schule der Auszubildende geht, richtet sich in diesen Fällen nicht nach dem Betrieb, sondern nach dem Wohnort des Azubis (siehe unten für weitere Infos).

"Das Sprengelgebiet der Staatlichen Berufsschule I Coburg umfasst für die angehenden Schreiner auch den Landkreis Kronach", erklärt der stellvertretende Pressesprecher der Regierung Oberfranken Martin Steiner. "Die Sprengelbindung ist verbindlich. Nur aus wichtigen Gründen kann der Besuch einer anderen Berufsschule genehmigt werden."

Fast zwei Stunden unterwegs

Auf dem Holzweg wähnt sich Katrin Baumann jedoch nicht: Diese wichtigen Gründe liegen aus ihrer Sicht vor. Fußweg, Bus, Zugfahrt und noch einmal Bus - "nach meiner Berechnung wäre mein Sohn jeden Morgen fast zwei Stunden unterwegs, bis er die Berufsschule in Coburg erreichen würde." Das Gleiche gelte für den Nachhauseweg. "Mein Sohn wäre damit fast zwölf Stunden unterwegs."

Anders sehe es dagegen aus, wenn Jonas die Kulmbacher Schule besuchen würde: Katrin Baumann arbeitet in Burgkunstadt und könnte ihren Sohn jeden Morgen bis dorthin mitnehmen. "Eine Zugfahrt von Burgkunstadt nach Kulmbach dagegen dauert zwischen neun bis 12 Minuten." Hinzu käme lediglich noch ein anschließender Fußweg von 15 Minuten zur Berufsschule in Kulmbach.

Darum hat Katrin Baumann einen Gastschulantrag bei der Kulmbacher Berufsschule gestellt. Die war zwar einverstanden. Weil aber die Coburger Berufsschule abgelehnt hat, musste letztendlich die Regierung Oberfranken über den Fall entscheiden und hat den Antrag abgelehnt. Als wichtiger Grund gilt, wenn die Zeitersparnis beim Besuch der anderen Schule zwei Stunden beträgt - und das ist bei Jonas Baumann nicht der Fall. "Zur Sprengelschule besteht eine zeitgerechte und zumutbare Verkehrsverbindung. Eine Zeitersparnis bei den Abwesenheitszeiten vom Wohnort von mehr als zwei Stunden ergibt sich im Vergleich zum Gastschulbesuch in keinem Fall", heißt es in der Begründung.

Da nützt es auch nichts, dass die tägliche Fahrt in die Kulmbacher Schule nur halb so teuer wäre wie in die Coburger Ausbildungsstätte. Katrin Baumann hat es ausgerechnet: 1480 Euro würde es kosten, wenn ihr Sohn fünf Mal pro Woche mit dem Zug von Burgkunstadt nach Kulmbach fährt und zurück. Die diversen Bus- und Bahntickets, die Jonas Baumann lösen müsste, um die Berufsschule Coburg zu erreichen, würden 2960 Euro für das komplette Schuljahr kosten - Geld, das die Alleinerziehende nur schwer aufbringen kann. "Mir werden die Fahrtkosten am Ende des Schuljahres vom Landkreis zwar erstattet. Aber erst einmal muss ich in Vorkasse gehen."

Katrin Baumann hat kein Verständnis dafür, dass Steuergelder unnütz verschwendet werden und ihr Sohn von der Regierung im Wald stehengelassen wird.

Dann wäre da noch die Sache mit der Sprengelpflicht. Da sich Jonas Baumanns Ausbildungsstätte im Landkreis Kulmbach befindet, wird er ab dem zweiten Ausbildungsjahr sowieso auch dort die Berufsschule besuchen. Dann beginnt nämlich die Phase, in der die Lehrlinge auch in ihren Betrieben arbeiten - und dann zählt wiederum der Ort der Ausbildungsstätte. "Mein Sohn würde also im zweiten Schuljahr an eine neue Schule kommen, wo sich seine Klasse schon gefunden hat." Auch das möchte sie ihrem Sohn gerne ersparen.

Die Argumente der Mutter laufen bei der Regierung jedoch ins Leere. "Weiterführend gilt

die Klassenbildung der Berufsschule in Coburg als gefährdet, wodurch ebenfalls die Ablehnung des beantragten Gastschulverhältnisses begründet wird", heißt es ebenfalls in der Ablehnung.

Was dahinter steckt, erklärt der Obermeister der Schreinerinnung des Landkreises Kulmbach, Jürgen Bodenschlägel: "Damit man eine vollzählige Berufsschulklasse hat, muss man 16 Schüler haben." Und genau das sei heutzutage nicht mehr so einfach.

"Wir haben nur noch etwa die Hälfte an Azubis aus den Grund- und Mittelschulen, die wir noch vor zehn Jahren hatten." Bekommt eine Berufsschule zwei Jahre in Folge ihre Klasse nicht voll, wird der Ausbildungsberuf vom Lehrplan gestrichen. So erging es, was die holzverarbeitenden Berufe angeht, bereits den Berufsschulen in Kronach und Lichtenfels. "Die Berufsschulen kämpfen um jeden Schüler."

Dicke Bretter für den Gesetzgeber

Dem Sachbearbeiter, der den Gastschulantrag von Familie Baumann abgelehnt hat, macht

der Schreiner-Obermeister keinen Vorwurf: "Die Regierung Oberfranken ist da auch angehalten, sich an die bestehenden Richtlinien zu halten." Denn am Ende wolle niemand schuld sein, wenn der Ausbildungszweig an einer Berufsschule aufgelöst wird.

Dennoch findet der Schreinermeister, dass dickere Bretter gebohrt werden und die Gesetze flexibler formuliert werden müssten, um in Fällen wie diesem den Auszubildenden keine Steine in den Weg zu legen . Seine Schreiner-Innung sowie der Kreishandwerks- und Obermeister Heinrich Schneider aus Kronach überlegen, wie sich im Verbund mit den anderen Innungen, den Berufsschulen und den zuständigen Landratsämtern hier eine für die Beteiligten bessere Lösung finden ließe. "Wir möchten erreichen, dass die starre Sprengelpflicht in solchen Härtefällen aufgehoben wird, wenn Lehrling und Ausbildungsbetrieb das wünschen." Auch wenn das erste Jahr ein reines Berufsschuljahr ist, sei es wichtig, dass sich Lehrling und Ausbildungsbetrieb in dieser Zeit bereits annähern - und das sei nur schwer möglich, wenn sich die Berufsschule in einem anderen Landkreis befindet.

Jürgen Bodenschlägel hofft sehr, dass die Gesetzgeber mehr den Blick auf die Wünsche der Auszubildenden richten: "Wir brauchen diese jungen Leute, denn wir brauchen das Handwerk." Sollte hier kein Umdenken stattfinden, müssten die Menschen in naher Zukunft für eine Handwerkerstunde so viel wie für einen IT-Fachmann bezahlen.

Familie Baumann hat inzwischen den Kampf mit der Regierung aufgegeben. Jonas besucht

seit einer Woche die Berufsschule - allerdings in Kulmbach. "Mein Sohn ist nun bei Verwandten im Landkreis Kulmbach untergekommen und dort gemeldet", erklärt seine Mutter. Somit darf er nun auch offiziell die Kulmbacher Berufsschule besuchen. Eine astreine Lösung ist das für Katrin Baumann dennoch nicht: "Wozu gibt es diese Gastschulanträge, wenn sie eh nicht genehmigt werden?"

Jonas' künftiger Chef freut sich in jedem Fall, dass dank der unorthodoxen Lösung der Ausbildung seines Lehrlings nun nichts mehr im Weg steht. "Wir müssen schauen, dass wir Mitarbeiter für die Zukunft bekommen. Es gibt diese gesetzlichen Rahmenbedingungen - es ist gut, dass Familie Baumann noch kurzfristig einen Wohnortwechsel möglich machen konnte." So steht Jonas' Weg zu seinem Traumberuf nun wirklich nichts mehr im Weg.

* Namen wurden von der Redaktion geändert

Infos zur Sprengelpflicht:

Für den Besuch öffentlicher Schulen gilt die Sprengelpflicht. Diese stammt noch aus der Weimarer Republik.

Weil die Berufsschule in Kronach keine holzverarbeitenden Berufe mehr ausbildet, müssen die Lehrlinge aus dem Landkreis Kronach die Berufsschule in Coburg besuchen.

Möchte ein Auszubildender stattdessen eine andere Berufsschule besuchen, müssen sowohl die abgebende Schule als die auch die Gastschule zustimmen. Lehnt eine Schule ab, entscheidet die Regierung Oberfranken. Die akzeptiert ein Abweichen von der Sprengelpflicht aber nur in absoluten Ausnahmefällen.