Er hat ein 16 Jahre altes Mädchen auf dem Kronacher LGS-Gelände begrapscht und sexuell genötigt. Das Opfer glaubt, dass der Asylbewerber aus Syrien (25) sie vergewaltigt hätte, wenn ihre Freundin nicht zu Hilfe gekommen wäre. Nach langem Hin und Her hatte der Angeklagte die Vorwürfe im Prozess am Kronacher Amtsgericht im vergangenen Juli eingeräumt. Doch die Konsequenzen für seine Tat will er nicht tragen.

Von Richter Jürgen Fehn war I. damals zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden (wir berichteten) - aus Sicht des "Handyreparateurs", wie dieser als Beruf angibt, unverhältnismäßig. Seit der Festnahme kurz nach der Tat im Mai sitzt I. im Gefängnis. "Eine Zeit, die ihn extrem geprägt hat, wie Sie sehen können", beteuert sein Verteidiger Michael Linke am Donnerstag im Sitzungssaal des Coburger Landgerichts und deutet auf I., der laut schluchzend zu Boden blickt. "Wir wollen nicht den Sachverhalt an sich anzweifeln, sondern eine Strafe unter zwei Jahren erreichen, die noch bewährungsfähig ist." Nun soll sich die zweite große Jugendkammer noch einmal mit dem Fall befassen.

Der vorsitzende Richter macht jedoch gleich zu Beginn deutlich, dass die Bemühungen des Angeklagten um eine mildere Strafe wenig erfolgversprechend sind. Noch einmal lässt Klaus Halves die Tat Revue passieren: So habe der Angeklagte die 16-Jährige auf dem LGS-Gelände in die Falle gelockt, indem er vorgab, sein Handy verloren zu haben. "Ich war nicht unfreundlich, ich wollte ihm helfen", erklärte das Opfer bereits im ersten Prozess. Im Pavillon habe er sie dann festgehalten, ihr mehrfach - über und unter dem Pullover - an die Brust gefasst und sich mit der Hand in ihrem Schritt zu Schaffen gemacht.

Die Jugendliche wehrte sich lautstark und körperlich mit allem, was sie zur Verfügung hatte, konnte sich jedoch nicht befreien. Selbst als ihre Freundin zu Hilfe kam und I. aufforderte, die 16-Jährige gehen zu lassen, habe er nicht reagiert. Schließlich konnte die Zeugin ihre Freundin von dem verheirateten Vater von zwei Kindern los reißen. Aufgrund der detaillierten Täterbeschreibung wurde er wenig später festgenommen.

"Das Opfer leidet noch heute. Es hat Alpträume, in denen es von Unbekannten verfolgt wird, und nach Eintritt der Dämmerung traut es sich nicht mehr aus dem Haus", erinnert der Richter. Aufgrund ihrer Verfolgungsängste wird die Jugendliche inzwischen psychologisch betreut.

Tat vor der Ehefrau geleugnet

Der Angeklagte dagegen habe sich an der 16-Jährigen vergriffen, während seine Frau mit den gemeinsamen Kindern ein paar Kilometer vom Tatort entfernt zuhause auf ihn gewartet hat. "Bis zur Haftprüfung, wo man ihm klar gemacht hat, was da auf dem Spiel steht, hat er alles abgestritten und die Tat vor seiner Frau geleugnet." Davon zeugen auch diverse Briefe, die er der Mutter seiner Kinder aus dem Gefängnis geschickt hat.

Auch wenn er laut eigener Aussage nicht die Karte mit den kulturellen Unterschieden spielen will, merkt I.s Verteidiger an, dass die syrische Erziehung es Männern verbiete, sich vor ihren Ehefrauen kleinzumachen - ein Argument, das Richter Halves nicht gelten lässt. "Wenn die Ehefrau hier im Unklaren darüber gelassen wird, warum ihr Mann im Gefängnis sitzt, ist das kein vorbildliches Nach-Tat-Verhalten."

I. habe sein Opfer vor dem Haftrichter sogar noch selbst einer Straftat bezichtigt. "Man hätte auch schweigen können." Und obwohl I. während der ersten Verhandlung eingeräumt hat, dass er die Tat begangen hatte: "Es geht darum, ob der Täter die Ursachen anschließend auch nur ansatzweise herausgearbeitet hat oder sich dem Ganzen verschließt und sagt, er habe zu viel Alkohol getrunken und kann sich nicht mehr erinnern." Berufliche und soziale Integration, ein Umfeld, das eventuell weitere Straftaten verhindert - alle diese Argumente könne I. nicht vorweisen.

Wie soll der Angeklagte im Fall einer Bewährungsstrafe fachpsychiatrische Hilfe bekommen oder mit einem Bewährungshelfer zusammenarbeiten, wenn er auch nach fünf Jahren kaum ein Wort deutsch spricht? "Klar muss der Staat dafür die Voraussetzungen schaffen", betont Halves. "Aber es ist die Frage, ob er denn überhaupt mitarbeiten würde."

Noch immer fixiert der 25-Jährige den Boden des Sitzungssaals, wischt sich hier und da die Tränen weg. "Sie können mich auch gerne mal anschauen. Das alles sage ich Ihnen auch ins Gesicht", fordert Richter Halves den Angeklagten hörbar genervt auf, unbeeindruckt von seinem Dauerschluchzen: "Wir können hier bei Gericht nicht einfach sagen: ,Ach ja, der kommt uns jetzt gerade sehr geläutert vor.‘"

Nachdem der Vorsitzende seine Standpauke beendet hat, warnt er I.: "Überlegen Sie mit ihrem Verteidiger gut, wie viel Sinn das macht, dieses Verfahren fortzuführen und die Nebenklägerin noch mal einer Befragung auszusetzen." Die Sitzung wird für zehn Minuten unterbrochen.

Der gut gemeinte Rat kommt offensichtlich an: "Wir nehmen die Berufung zurück, um dem Opfer eine erneute Aussage zu ersparen", teilt sein Verteidiger mit.