Es ist etwas mehr als zwei Jahre her, da diskutierte man in Deutschland über die Einführung einer Impfpflicht. Für Masern wohlgemerkt. Seit über einem Jahr ist sie gültig: Seit dem 1. März 2020 müssen alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr beim Eintritt in die Schule oder den Kindergarten gegen die Masern geimpft sein. Insofern wirkt es zumindest etwas seltsam, wenn die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) eine Corona-Impfpflicht mit dem Hinweis ausschließt, eine solche sei in Deutschland rechtlich nicht möglich. 

Aber wäre eine solche Impfpflicht auch sinnvoll? Sollte man beim Thema Corona die persönliche Freiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht höher gewichten als den gesellschaftlichen Infektionsschutz? Die kurze Antwort lautet: Nein. 

Egozentrische Sichtweise

Vor zwei Jahren schrieb ich einen Kommentar zum Thema Impfpflicht. Damals war meine – zugegebene provokante – These, dass Impfverweigerer sich asozial verhalten. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert – die damals von mir dargelegten Argumente kann man 1 zu 1 auf die heutige Diskussion übertragen.

Impfgegner*innen sind darauf aus, ihr eigenes Risiko zu minimieren - und zwar auf Kosten eines höheren Risikos für ihre Mitmenschen. Sie betrachten die Unsicherheiten, die mit einer Corona-Impfung einhergehen, aus einer rein egoistischen Perspektive. Was ihre Entscheidung für andere Menschen bedeutet, ist ihnen egal.

Was ist mit den Menschen, die nicht geimpft werden können? Beispielweise Kinder unter 12 Jahren? Experten prognostizieren schon jetzt Chaos nach dem Ende der Schulferien. Wenn sich das Coronavirus dank der Reiserückkehrenden in den Schulen ausbreitet, dürfen sich Schüler*innen wohl auf weitere Monate Distanzunterricht "freuen". Jede geimpfte Person senkt die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios.

Die Diskussion ist zwecklos 

Doch jedes Argument ist zwecklos. Eine Diskussion ergibt nur dann Sinn, wenn alle beteiligten Seiten bereit sind, sich zumindest prinzipiell von guten Argumenten überzeugen zu lassen. Doch ihre egozentrische Perspektive rechtfertigen Impfverweigerende mit pseudowissenschaftlichen Studien, teils hanebüchenen Behauptungen zu möglichen Impfschäden und einer verqueren Vorstellung von Moral. Ihnen geht es nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Impfen. Es geht ihnen nicht darum, sich eingehend mit dem Thema zu beschäftigen, pro und kontra abzuwägen und am Ende zu einer reflektierten Entscheidung zu gelangen. Sie haben ihre Entscheidung bereits vor langer Zeit getroffen.

Deshalb ist es auch Unsinn, auf die Einsicht dieser Menschen zu hoffen. Sie mit wissenschaftlichen Argumenten oder einem Appell an ihre Solidarität überzeugen zu wollen, ist wohl aussichtslos. 

Ob es in Deutschland wirklich eine Impfpflicht gegen Corona braucht, kann man bisher noch nicht abschließend beantworten. Sicherlich wäre es besser, genügend Menschen würden sich freiwillig zu einer Impfung entscheiden. Sicherlich sollten zunächst andere Formen der Infektionsbekämpfung ausgeschöpft werden. Wenn dies aber nicht gelingt und die bisherigen Maßnahmen nicht reichen, muss eine Impfpflicht als Möglichkeit politisch und wissenschaftlich diskutiert werden. Auf eine Impfpflicht zu verzichten, nur um auf die Befindlichkeiten der Impfgegner*innen Rücksicht zu nehmen, ist kompletter Unsinn.