Wer wie Claudia Bellanti den Tourismus in Iphofen seit knapp 20 Jahren von entscheidender Warte aus begleitet, den trifft die aktuelle Krise mit Wucht. Die Leiterin der städtischen Touristinfo kam Mitte März nicht umhin, auch für ihren Sektor den Notstand auszurufen. Ausgangsbeschränkung und Reiseverbot hätten auch in Iphofen deutliche Spuren hinterlassen. „Die Übernachtungszahlen sind auf ein nie gekanntes Niveau in den Keller gerauscht“, sagte sie nun vor dem Stadtrat. Doch Bellanti und ihr Team waren entschlossen, das Beste aus dieser Krise zu machen. Als das Land zum Stillstand kam, suchten sie im stillen Kämmerlein nach Lösungen für die Zeit danach. Das könnte Iphofen nun zugutekommen.

Übernachtungsbilanz gleicht der Wirecard-Aktie

Im Vergleich zum Vorjahr erinnert die Übernachtungsbilanz des Monats April an den jüngsten Kursverlauf der Wirecard-Aktie, die heute nur noch einen winzigen Bruchteil ihres einzigen Wertes hat. Für Mai liegen zwar noch keine Vergleichszahlen vor, doch Bellanti machte im Stadtrat klar: „Da sieht es nicht wesentlich besser aus.“ Erst seitdem die Staatsregierung Reisen ab Pfingstsamstag wieder erlaubt hat, läuft der Betrieb in Iphofen so langsam wieder an. Es ist ein erstes Luftholen der Gäste und ein zartes Aufatmen von Hoteliers, Pensionswirten und Gastronomen. Ein Wachstum auf niedrigem Niveau, aber immerhin ein Ruck, der nach Wochen und Monaten des Stillstands durch die Beherbergungsbranche geht.

Noch ist nicht klar, ob sich dahinter ein längerfristiger Trend verbirgt. Wobei Bellanti für Iphofen gute Chancen sieht. Iphofen strahle in der Krise Ruhe, Sauberkeit und Sicherheit aus – genau das, was der Gast in diesen Tagen sucht. Bellanti ist überzeugt: „Kleine Orte sind näher an die Kunden herangerückt.“ Jetzt bestehe die Gelegenheit, Heimat neu zu entdecken. Deshalb hat die Touristinfo auf allen möglichen Kanälen Tipps gestreut, wie man sich in Iphofen wohlfühlen könne. Die Stadt und alle Akteure könnten sich bei den Gästen jetzt durch ihre Herzlichkeit nachhaltig empfehlen.

Große Ungewissheit um Feste und Veranstaltungen

Bellanti sieht das Tourismusbüro nicht nur als kompetenten Dienstleister, der nach außen auftritt, sondern auch als vertrauensvollen Partner, der nach innen wirkt, auf die Betriebe innerhalb der Stadt. Diese habe man versucht, in der Krise mitzunehmen, aktiv zu begleiten und nach bestem Wissen zu informieren. Mit Sorge betrachtet Bellanti die Ungewissheit um Feste und Veranstaltungen in der Region. Sie sind für beide Seiten – Gäste und Gastgeber – ein wichtiger Faktor. Klar ist: Für jede einzelne Veranstaltung brauche es ein vom Landratsamt genehmigtes Hygienekonzept.

Ein Format wie in Würzburg, wo es anstelle des großen Kiliani-Volksfests kleine Buden auf dem Marktplatz geben soll, sei in Iphofen kaum denkbar, sagte Bellanti auf eine Frage von Stadtrat Jürgen Adler. „Man muss immer die Menge im Blick haben und notfalls abriegeln.“ Auch der Wunsch Peggy Knauers, so etwas wie den Volkacher Kabarettsommer nach Iphofen zu holen, lasse sich schwer erfüllen. Das Tourismusbudget sei in Volkach einfach höher.

Warum die Mainschleife mehr Touristen anlockt

Was die „Kollegen an der Mainschleife“ denn anders machten als Iphofen, wollte Otto Kolesch wissen. Der Andrang an Touristen sei dort vor allem unter der Woche wesentlich stärker als in Iphofen. Bellanti erklärte den Kontrast mit anderen Strukturen und Betriebsgrößen, mit einer deutlich höheren Zahl an Gästebetten und Gasthäusern und mit mehr Geld für den Tourismussektor. Letztlich sei es auch eine Frage der Haltung. „Vor 20 Jahren wurde mir gesagt, Iphofen wolle den Massentourismus nicht. Wir haben hier keine Schifffahrt und keinen Main. Ich finde es aber nicht schlimm, dass wir die Massen durch die Flussschifffahrten nicht haben.“ Was Iphofen derzeit fehle, seien die Geschäftsreisenden.

Kolesch vermutete, dass es auch an der „mangelnden Gemütlichkeit am Marktplatz liege“, und warnte davor, dass Iphofen beim Tourismus „abgehängt“ werde. Dass der Marktplatz ungemütlich sei, so Bellanti, sei ein „subjektives Empfinden“. Statt des von Kolesch vermissten Klientels aus Würzburg habe man nun deutlich mehr Gäste aus dem Raum Nürnberg.