Wäre der Verpackungskünstler Christo nicht voriges Jahr gestorben, man könnte glauben, er mache sich gerade am Kitzinger Rathaus zu schaffen. Seit Monaten sind blaue und gelbe Netze vor die Fassade gespannt, und wenn das Gebäude die Hüllen fallen lässt, soll es in neuer Schönheit erstrahlen. Oder sollte man besser sagen: in altem Glanz? Eigentlich wollte der Stadtrat in seiner jüngsten Sitzung nur über den Farbanstrich für das Rathaus und die umliegenden Gebäude beraten, die derzeit hergerichtet und danach der aus allen Nähten platzenden Verwaltung zugeschlagen werden. Ein Routineakt. Dann aber fand der Rat mit einem Mal Gefallen an der Idee, das Stammhaus seiner politischen Vorfahren nach historischen Vorlagen zu gestalten – so, wie man es auf alten Aufnahmen noch gut besichtigen kann.

Für Mainfranken wäre es ein "Alleinstellungsmerkmal"

Das Gebäude nach alten Schönheitsidealen herzurichten wird die Stadt eine Stange Geld kosten, doch die Sache scheint es dem Stadtrat wert. Mit 30:0 Stimmen hat er sich dafür ausgesprochen, die Idee weiterzudrehen und sich die Fassadengestaltung in zwei Varianten vorstellen zu lassen: einmal in der Pflicht- und einmal in der Kürversion. Der Stadtrat und Künstler Klaus Christof hat die deutlich aufwendigere Sanierung ins Spiel gebracht – und offenbar einen Nerv getroffen. „Wenn wir das Rathaus nach Vorbild des Historismus gestalten, wird es ein doppelter Anziehungspunkt werden“, sagte er in der Sitzung. So sei es auch mit dem Rathaus in Lindau am Bodensee gewesen. Auf Nachfrage der Redaktion sagt er: „Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal in ganz Mainfranken und hätte große Anziehungskraft für Touristen.“

Was Christof anspricht, ist die alte Idee der Verherrlichung von Handwerk und Industrie. Auf dem prächtigen Giebel des 1561-63 im Stil der deutschen Renaissance erbauten Rathauses waren einst die Gewerke dargestellt, mit der die Bewohner seinerzeit ihr Geld verdienten. Bei der zweiten großen Restaurierung 1892 wurde der Giebel in der aus Italien stammenden Sgraffito-Technik gestaltet. Dabei handelt es sich um eine Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen. Nachdem verschiedenfarbige Putzschichten auf Wand oder Fassade aufgebracht sind, wird die obere Putzschicht teilweise abgekratzt und ein Teil der darunterliegenden Putzschicht freigelegt. Durch den Farbkontrast entsteht ein Bild. „Man wollte das schönste Rathaus in Unterfranken haben“, sagt Christof. Die große Landesausstellung stand an, und der Freiherr von Deuster gab einiges dafür, Kitzingen herauszuputzen. Bei der bislang letzten Sanierung des Rathauses 1934 wurden die Motive auf dem Giebel entfernt und der Giebel weiß getüncht.

Die Mehrkosten könnten bis zu 400 000 Euro betragen

1978, als es schon einmal um eine Renovierung des Kitzinger Rathauses ging, war Christof an der Gestaltung der Fassade beteiligt. Damals wurde die Sache aus Kostengründen gestoppt. Christof weiß, dass nicht jeder von der Idee des Historismus begeistert ist. Er schätzte die Mehrkosten für die aufwändige Fassadengestaltung im Stadtrat auf 200 000 bis 400 000 Euro. Dennoch sprachen sich die Räte dafür aus, sich intensiver mit der Idee zu befassen. „Wir würden gerne mal sehen, wie das ausschaut“, sagte Stephan Küntzer (CSU). Bauamtsleiter Oliver Graumann erklärte, die Fassadenarbeiten würden im Sommer beginnen und sollen Ende 2021 abgeschlossen sein. Erst dann werden wohl die Hüllen am Gebäude fallen, und der Blick wird wieder frei sein auf eines der Schmuckstücke in der Stadt.