Unterm Dach steht noch die Aktionsware. Ein Karton voller „Feinstrumpfhosen im Mehrfachpack, top-preisgünstig“ zum Sonderpreis von 2,49 Euro. Letzte Überbleibsel einer vergangenen Epoche, die hier im November 2018 nach mehr als fünf Jahrzehnten endete. Das Kaufhaus Stöhr am Iphöfer Marktplatz war eine Institution, doch seit anderthalb Jahren wird es abgewickelt. Das Erdgeschoss ist komplett leergeräumt, hier soll im Frühjahr 2021 ein neues Kaufhaus eröffnen, eines, das die regionalen Genusssinne anspricht. Aber jetzt, da der Laden so leer und nackt dasteht, da er die Hosen runtergelassen und alle Hüllen hat fallen lassen, ist das Innenleben, die Seele dieses Hauses mit Händen zu greifen. Der Architekt, Roland Breunig, steht an diesem Abend – wie Bürgermeister Dieter Lenzer und 15 Stadträte – im gleißenden Neonlicht und sagt: „Wir hatten schon Schlimmeres in der Hand.“

Decken und Wände sind zum Teil geöffnet, Kabel- und Rohrschächte freigelegt. Ersichtlich wird: Die Installation ist ein Fall fürs Museum, und nicht nur die. Alles hier scheint aus der Zeit gefallen. Breunig gibt sich wenig überrascht; routiniert wie ein Arzt stellt er seine Diagnose. Der Zustand sei so, wie man es von einem Gebäude aus den 1960er Jahren erwarte, an dem in all der Zeit wenig gemacht wurde. „Die Statik ist in Ordnung, die Haustechnik nichts mehr wert.“ Der Stadtrat Otto Kolesch wird später sagen, die jetzt angestellten Untersuchungen hätte es damals gebraucht. Soll heißen: zu der Zeit, als die Stadt das Anwesen samt Hinterhaus erworben hat. Eine Million Euro hat sie dem Besitzer bezahlt und sich dafür eine „Schrottimmobilie“ andrehen lassen, wie Dritter Bürgermeister Jörg Schanow neulich erklärte. „Von Schrottimmobilie“, beschwichtigt Breunig, „würde ich nicht reden.“

Es war nicht der einzige Widerspruch in der knirschenden Beziehung zwischen Planern und Stadt – und vermutlich ist deshalb an diesem Abend der Chef persönlich mitgekommen. Roland Breunig, Geschäftsführer des Würzburger Planungsbüros Archicult, spricht mit Blick auf die verbalen Verwerfungen der jüngeren Zeit von „hitzigen Diskussionen“, was eine hübsche Umschreibung ist für die Kritik, die sein Büro aus den Reihen des Stadtrats und auch seitens der Verwaltung erfahren hat. Selbst Bürgermeister Lenzer war angesichts der Massen- und Kostenmehrung bei dem Projekt angesäuert. Stadtrat Kolesch hatte gleich ganz die Qualifikation der Planer in Zweifel gezogen und die vom Büro entsandte Architektin Julia Dillamar in die Enge zu treiben versucht, die sich aber schlagfertig zu wehren wusste.

Aus rund 200 000 werden 1,9 Millionen Euro

Und nun? Hat es die Stadt binnen weniger Monate geschafft, aus einem verzwergten Projekt eine Riesensache zu machen, und alle Beteiligten erfreuen sich an dieser Verwandlung. Die Architekten, weil es ihnen gelungen ist, den offenen Streit zu befrieden; der Stadtrat, weil er weiß, woran er ist; und der künftige Pächter des Genuss-Kaufhauses, der an diesem Abend unter den Zuhörern sitzt und die Gewissheit erhält, dass er spätestens am 1. Mai 2021 öffnen kann. Das ist zwar Monate später als gedacht, aber nach den jüngsten Differenzen immer noch besser als gar keine Nachricht. Nicht mehr wirklich überraschen konnte es nach der Entwicklung der letzten Wochen, dass statt der anfangs veranschlagten 200 000 Euro nun die Luxusvariante mit einer Zielsumme von 1,9 Millionen Euro im Raum steht. Aus den Plänen für einen notdürftigen Umbau des Erdgeschosses ist ein Konzept für die Generalsanierung des Anwesens gewachsen.

In den oberen Etagen könnten Wohnungen entstehen

Der Stadtrat hat am Montag zunächst nur die 590 000 Euro freigegeben, die in den Umbau des 210 Quadratmeter großen Erdgeschosses fließen sollen. Dieser erste Bauabschnitt könnte nach Angaben der Planer im September beginnen. „Ziel ist es, dass wir an Ostern den Laden eröffnen können“, so Roland Breunig. Idealerweise werde die Sanierung danach mit dem zweiten Bauabschnitt fortgesetzt.

Julia Dillamar stellt an diesem Abend zwei Varianten dafür vor: Die eine sieht zwei Wohnungen im Obergeschoss vor, 118 und 64 Quadratmeter groß, die andere eine Aufteilung in Wohnraum und Gewerbefläche. Das Dachgeschoss soll in beiden Varianten zu Wohnraum ausgebaut werden und ergäbe ebenfalls zwei Einheiten (55 und 94 Quadratmeter). Dieser zweite Bauabschnitt, in dem auch ein neuer Aufzug und eine Lüftungsanlage enthalten sind, kostet nach ersten Schätzungen 1,3 Millionen Euro.

Von einem „sympathischen Sanierungskonzept“ sprach daraufhin auch Generalkritiker Kolesch, der jedoch noch einmal auf den hohen Kaufpreis der Immobilie verwies (eine Million Euro) und diesen in Relation zum Zustand des Hauses brachte (intakter Rohbau, „alles andere ist Schrott“). Sein Fazit: „Das war kein gutes Geschäft.“ Für Bürgermeister Lenzer, gelernter Bankfachwirt, ist das Objekt „nicht der Renditebringer“, aber bei kalkulierten Gesamtmieteinnahmen von jährlich 42 000 Euro „verbrennen wir auch kein Geld“. Das sah auch Architekt Breunig so: „Man muss nicht mit dem Bagger kommen. Es lohnt sich, hier anzupacken.“