Es war eine Nacht wie viele andere auch. Der 46-Jährige hatte die Aufsicht über eine Baustelle am Kitzinger Bahnhof. Größere Kabelarbeiten standen entlang der Gleise an, weshalb in den Nächten die Strecke gesperrt wurde und die Bagger auf Schienen zum Einsatz kamen. Waren die Arbeiten am frühen Morgen beendet und die Strecke wieder frei, meldete das der 46-Jährige an den Fahrdienstleiter und wenig später rollten auch schon die Züge wieder.

Auch in der Nacht zum 14. März vergangenen Jahres sah es nach Alltagsroutine aus. Es war die fünfte Nachtschicht in Folge. Gegen 4.40 Uhr waren die Arbeiten vorbei, die Baggerzüge rollten auf ein Nebengleis, um dort auf die nächste Nacht und den nächsten Einsatz zu warten.

„Ein Augenblicksversagen – wie wenn man über eine rote Ampel fährt.“
Der Verteidiger versucht den Unfall einzuordnen

Der 46-Jährige sieht, wie sich der Baggerzug auf den letzten Metern befindet. Für den Mann ist klar: In ein paar Sekunden hat der Zug seine „Parkposition“ erreicht und die Strecke ist wieder frei. Der Fahrdienstleiter bekommt von ihm grünes Licht, der Zugverkehr kann also wieder anrollen.

Diese Geht-los-Info erreicht auch den Lokführer eines Güterzuges, der vor Kitzingen gewartet hatte und nun endlich wieder Fahrt aufnehmen kann. Der Zug setzt sich in Bewegung und erreicht kurz darauf den Kitzinger Bahnhof.

Dort ahnen die Gleisbauarbeiter nichts von der Freigabe. Der letzte Baggerzug war noch längst nicht an seinem „Parkplatz“ angekommen, sondern hatte kurz angehalten, um noch etwas aufzuladen. Ein Vorgang, den der 46-Jährige nicht mehr mitbekommen hatte. Er hatte schlicht nicht mit dem Halt gerechnet und die Strecke zu früh freigegeben.

Die Folge: Der anrollende Güterzug erfasste einen Gleisbauarbeiter, der nach hinten weggeschleudert wurde und dabei einen weiteren Kollegen erfasste. Was leicht in einer Katastrophe hätte enden können, ging letztlich glimpflich über die Bühne: Bei einem Arbeiter wurde ein Finger so verletzt, dass ihm später eine zehnprozentige Erwerbsminderung attestiert wurde. Der zweite Arbeiter überstand den Sturz unverletzt. Während der verletzte Mitarbeiter zivilrechtlich bereits entschädigt wurde, stand nun die strafrechtliche Aufarbeitung jener verhängnisvollen Nacht an. Der Verteidiger des bisher nicht vorgeahndeten Angeklagten wirbt um Verständnis für seinen Mandanten.

Es habe sich um ein „Augenblicksversagen“ gehandelt, ähnlich wie im Straßenverkehr, wenn man abgelenkt ist und eine rote Ampel überfährt.

Der Bahnmitarbeiter ist auch anderthalb Jahre nach dem Vorfall noch nicht wieder der Alte. „Mental beeinträchtigt“ nennt der Verteidiger den Zustand und berichtet darüber, wie seinerzeit ein Häufchen Elend in seiner Kanzlei erschienen sei, das er erst einmal „aufbauen“ musste.

Die Sache geht dem 46-Jährigen immer noch nach, er schüttelt heute noch den Kopf über sich. Ausgerechnet ihm, der für sich in Anspruch nimmt, gewissenhaft seine Arbeit zu verrichten und der von seinem Arbeitgeber in den höchsten Tönen gelobt wurde, musste das passieren. Wie angegriffen er heute noch ist und wie wenig er sich das verzeihen kann, zeigt der häufige Griff zum Taschentuch während der Verhandlung.

Einen Moment nicht aufgepasst – und schon ist nichts mehr wie vorher. Der 46-Jährige weiß inzwischen nur zu gut, wie schnell das gehen kann. Wie plötzlich alles ganz anders ist. Mehrere Monate konnte er nicht mehr zur Arbeit gehen, nahm Urlaub und feierte Überstunden ab, um irgendwie über die Sache hinwegzukommen. Dass dies noch nicht ganz gelungen ist, zeigt die Verhandlung vor Strafrichter Bernhard Böhm deutlich.

Womöglich – so zumindest die Andeutungen der Verteidigung in der Verhandlung – will der gebeutelte Mann versuchen, trotz zuletzt erfolgter Nachschulungen und Lehrgänge innerhalb der Bahn auf einen anderen Posten zu wechseln, um irgendwann mit der Sache abschließen zu können.

Ein glimpflicher Unfall und ein Verursacher, der schwer an seinem Versagen zu kauen hat – diese Gemengelage lassen Staatsanwaltschaft und Gericht zu einem klaren Entschluss kommen: Eine weitere Bestrafung des Angeklagten ist hier nicht zwingend angebracht. Das Verfahren wird deshalb gegen eine Geldauflage von 1250 Euro eingestellt. Über die Zahlung freuen darf sich die Ambulante Jugendhilfe der Aktionsgemeinschaft Sozialstationen Würzburg.