Robert Scheller hat die beiden Deutschland-Fans schnell enttarnt. Das grüne Auswärtstrikot und die rot-schwarz-goldenen Socken lassen allerdings auch keine andere Deutung zu: Es muss sich um Anhänger der deutschen Nationalmannschaft handeln. Ungewöhnlich ist vielleicht nur, dass es sich bei Trikot-Liebhaber (Hubert Hering) und Söckchen-Trägerin (Brigitte Feldlin-Hansel) um Lehrkräfte handelt. "Fußball spielt bei uns eine große Rolle. Im Kollegium gibt es selbstverständlich auch ein Tippspiel", sagt Scheller, der Rektor des Egbert-Gymnasiums Münsterschwarzach (EGM). Eingerahmt werden Hering und Feldlin-Hansel an diesem Vormittag, kurz nach der großen Pause, von 30 Schülern im Fan-Outfit: Trikots, Schals, Fahnen, Schminke auf den Backen - alles, was irgendwie mit schwarz-rot-gold zu tun hat, wird rausgeholt. Das war am Donnerstag. vor dem verlorenen Halbfinale gegen Italien (1:2). Mittlerweile ist auch die Stimmung wieder etwas abgekühlt.
"Manche Schüler wirken schon etwas geknickt. Andere sind aber trotzdem im Deutschland-Dress in die Schule gekommen, wohl aus Trotz", sagte Hubert Hering, Mitarbeiter im Direktorat des EGM

Die Fußball-EM trifft derzeit auf den Schul-Betrieb, es ist eine Mischung, die auf den ersten Blick nicht zusammenpasst: Spaß contra Ernst, Kunstprodukt gegen Realität, lange Abende statt früher Nachtruhe.

Und doch gelingt es, beide Welten miteinander zu verbinden. So gut es eben geht. "Aus der Schulaufgaben-Zeit sind wir weitgehend raus, das ist natürlich ein Vorteil", sagt Scheller. Eine Vorgabe an die Lehrer, ob Arbeiten nach Deutschland-Spielen geschrieben werden oder nicht, gebe es keine. Weder von der Schulleitung noch von einer übergeordneten Stelle. Zwar bestehe grundsätzlich die Gefahr einer benoteten Arbeit, viele Lehrer würden aber Rücksicht auf die Schüler nehmen - und verzichten auf einen Test. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass die Schule einen Bildungsauftrag habe - und diesen auch verfolge, Fußball-EM hin oder her.
"Ich bin auch ein großer Fußball-Fan, man sollte aber immer die Prioritäten im Kopf haben", sagt Hering. Soll heißen: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

So sieht es auch Barbara Ertl, Rektorin an der Grundschule St. Hedwig in Kitzingen: "Es ist aber eine Gratwanderung: für uns, die Schüler und die Eltern."

Ob Kinder - gleich welchen Alters - die Spiele am Abend schauen oder nicht, reglementieren könne man dies sowieso nicht: "Letztlich liegt es in der Verantwortung der Eltern. Geht ein Kind aber zu spät ins Bett und verpasst am nächsten Tag etwas, sollte es Aufgabe der Eltern sein, dies nachzuholen", appelliert Ertl. Böse Überraschungen dürfte es in der Grundschule aber sowieso nicht gegeben haben. Alle Probearbeiten der vierten Klassen werden schon Wochen im Voraus angesagt.
Irma Amrehn, Schulamtsdirektorin und verantwortlich für Grund- und Mittelschulen, bestätigt, dass es keine Anweisung an die Schulen seitens des Ministerium oder der Regierung gebe, wie mit Tests verfahren werde. Das sei auch gar nicht nötig. "Es gab bislang nie Probleme. Außerdem sind die Lehrerinnen und Lehrer sensibel bei diesem Thema", sagt Amrehn. Letztlich liege es aber im pädagogischen Ermessen der Lehrkräfte , ob Arbeiten geschrieben werden.
Keine Auffälligkeiten gebe es bei den Anwesenheitszahlen. Ein plötzlicher Schülerschwund nach Deutschland-Spielen sei nicht festzustellen: "Hier gibt es keine Besonderheiten. Mir liegen zwar keine exakten Zahlen vor, in die Höhe schnellen die Abwesenheitszahlen aber nicht", sagte Amrehn.