„Rehkitz musste qualvoll sterben“: Das Entsetzen über den Tod eines Tieres durch eine Mähmaschine auf einem Feld bei Willanzheim dringt aus jeder Zeile einer Mail des Willanzheimer Jägers Henning Wiedenroth. Was ihn richtig wütend macht: Wären die Willanzheimer Revierpächter rechtzeitig über die Mäharbeiten informiert worden, würde das Kitz vermutlich noch leben.

Samstag, 21. Mai: Ein aufgebrachter Mann informiert die Jagdpächter Ruth und Rudolf Haupt über ein totes Reh. Die Jäger fahren raus zu dem Acker, wo das Kitz unter den Mähbalken kam. Ein schlimmes Ende, das Ruth Haupt mit dem Handy festhält.

Der Fahrer des Mähers, der als Lohnunternehmer für eine Biogasanlage in Gollhofen tätig ist, sieht keine Schuld bei sich. Er weiß aber laut Wiedenroth von einem Aktenvermerk, nach dem die Jäger vor dem Mähen informiert werden sollten, „aber geschehen ist nichts“.

Ein Sprecher der Gollhöfer Anlage weist ebenfalls die Verantwortung von sich. Der Lohnunternehmer hätte den Landwirt, dessen Feld er mähte, informieren sollen und der die Jäger, sagt der Mann. Wo alles versackte, weiß er nicht. Bisher habe die Vorwarnung immer funktioniert: „Das haben wir x-mal gemacht.“ Dem Kitz hat das nicht geholfen.

„Wir suchen jeden Tag, wenn es sein muss, und tragen die Tiere raus.“
Ruth Haupt Jägerin aus Willanzheim

Dessen Tod unterm Mähbalken ist kein Einzelfall. Aus diesem Grund hätten die Jagdpächter schon im Vorjahr mit Verantwortlichen der Biogasanlage vereinbart, die Mähtermine rechtzeitig anzukündigen. „Wir brauchen einen Tag vorher“, sagt Ruth Haupt. Dann zögen vier bis fünf Jäger mit einem Hund durch die Felder – auf der Suche nach den Tieren, die sich bewegungslos am Boden „ducken“.

Eine solche Suche sei am vergangenen Freitag von Erfolg gekrönt gewesen. Ein Landwirt habe die Jäger vom Mähtermin unterrichtet. Die seien vor Ort gewesen und hätten ein Kitz im Feld entdeckt: „Wir suchen jeden Tag, wenn es sein muss, und tragen die Tiere raus“, sagt Ruth Haupt. Da ist Vorsicht angesagt. Weil die Geiß ihr Junges nicht annimmt, wenn Fremdgeruch an ihm haftet, tragen die Jäger die Kitze mit Gras an den Händen aus dem Feld.

Das gerettete Tier ist ein Glücksfall. Zu oft noch geraten Kitze in die Messer der Maschinen, wie Klaus Damme, Vorsitzender der Kreisgruppe Kitzingen im Bayerischen Jagdverband erklärt. Der Grund: Die Information der Jäger „wird in vielen Fällen vergessen“. Und wenn die Maschinen im Einsatz seien, kriegen es die Fahrer meist nicht mit, wenn ihr Mähwerk die Kitze erfasst: „Die Maschinen sind zu schnell.“

Ein Problem neben der Vergesslichkeit oder Gedankenlosigkeit mancher Landwirte ist Mutter Natur. Die Kitze haben laut Damme eine ausgeprägte „Feindstrategie“. Sie sind praktisch geruchlos, auch für Hunde, und drücken sich bewegungslos in den Acker. Leichte „Beute“ für die Mähmaschinen.

Um den oft qualvollen Tod der Kitze zu verhindern, greift kaum etwas, so Damme. Es gebe Ansätze, die Geiß samt Kitz zu vergrämen und vom Feld wegzubringen. In der Erprobung seien auch Suchen per Drohne und Wärmebildkamera, was aber nicht immer möglich sei.

Strafrechtliche Sanktionen, wenn ein Tier totgemäht wurde, sind möglich – aber nur bei Vorsatz, wie der Kitzinger Forstamtsleiter Klaus Behr sagt. Ein Vorsatz könne aber nur dann angenommen werden, wenn der jeweilige Landwirt beim Mähen „mit Kitzen rechnen muss“, er also von deren Vorkommen in seinem Feld wusste. Kein einfacher Nachweis, wie Behr sagt. Er setzt auf die vorherige Information, die jetzt in Willanzheim fehlte und dem Kitz das Leben nahm. Wie schrieb Wiedenroth in seiner Mail: „Es starb einen sinnlos, qualvollen Tod.“