Die Frage, ob man mit einer kompletten Gärtnerei umziehen kann, wurde Ende Dezember vergangenen Jahres beantwortet. 95 000 Pflanzen – verteilt auf sechs Laster – machten sich in Südhessen auf den Weg nach Unterfranken. Ein bisschen war es eine Fahrt ins Ungewisse. Mit Sack und Pack und Hoffen und Bangen. Klar, es gab einen Plan. Was es nicht gab, waren Erfahrungswerte: Wie siedelt man eine Gärtnerei bei laufendem Betrieb um?

Besenreine Übergabe

Wald-Michelbach, Ortsteil Affolterbach, Dezember 2016. Die letzten Stauden sind verladen. Die kleine Gärtnerei im Odenwald ist für die Übergabe „besenrein“. Man könnte auch sagen: eingepackt. Seit 2000 haben Till Hofmann und Fine Molz hier mit Begeisterung und Herzblut ihren Gärtnerei-Traum gelebt. Aus Nürnberg waren sie nach Südhessen gekommen, um – im Nebenerwerb – eine Staudengärtnerei zu übernehmen. Der Traum hatte jedoch – wie sich schon bald zeigen sollte – einen entscheidenden Schönheitsfehler: die räumliche Enge. Expansion und damit Haupterwerb unmöglich. Um alles so zu machen, wie es sich das Paar vorstellte, um in der ersten Liga der Stauden-Gärtnereien mitmischen zu können, war eine gewisse Betriebsgröße unabdingbar.

Alternativen mit mehr Fläche

Und so begann man, nach Alternativen Ausschau zu halten. Blickrichtung: Großraum Würzburg, nahe der alten Heimat. Lange Zeit wollte sich jedoch so gar nichts auftun. Dann kam der Zufall ins Spiel. Die Suche hatte sich 2014 über fünf Ecken zu Rödelsees Bürgermeister Burkhard Klein herumgesprochen. „Den Leuten kann geholfen werden!“, sagte sich der Bürgermeister mit Blick auf ein freies 1,1 Hektar großes Gelände am Ende der Alten Iphöfer Straße am Ortsrand – samt allerbestem Schwanberg-Blick.

Oktober 2016. Die Dinge sind geregelt. Das Grundstück hat den Besitzer gewechselt. Es geht gleich in die Vollen: Baubeginn für das Gewächshaus. Die neue Heimat für die 95 000 Pflanzen hat absoluten Vorrang.

Ein neues Jahr beginnt – in Unterfranken

Januar 2017. Für das Gärtnerpaar und die zweijährige Tochter beginnt das neue Jahr erstmals in Unterfranken – in einer kleinen Pension in Rödelsee. Der eigene Hausstand ist derweil zwischengelagert.

Premiere auch für die Stauden: Sie halten ihren ersten Winterschlaf am Fuß des Schwanbergs. Der neue Folientunnel steht und bietet den empfindlicheren Stauden neben Schutz vor allem eines: reichlich Platz. Frühlingsanfang. Man könnte auch sagen: Saisonbeginn. Erste Erdlieferungen kommen an. Die Vermehrung der Stauden beginnt. Parallel wird am neuen Haus und an den Wegen gearbeitet. Am 10. März wird zum ersten Mal gesät. Am 23. März treffen die Gehölze – darunter 16 Kirschbäume – ein, die der neuen Gärtnerei in Zukunft Schatten spenden und Flair verleihen sollen.

1500 verschiedene Stauden-Arten

Ende März. Das warme Wetter lässt die Jungpflanzen gedeihen, die „Kinderstube“ wird täglich größer. Um die 1500 verschiedenen Arten sollen es später einmal sein.

Anfang April: Ungewöhnlich warme Temperaturen erhöhen den Druck, die neue Bewässerungsanlage schnell in Gang zu bringen. Gut, dass die Zisterne fast fertig ist.

Mitte April: Langsam sieht es aus wie in einer Gärtnerei – und nicht wie auf einem Acker. Die Wege nehmen Form an. Inzwischen läuft die Versandabwicklung wie am Schnürchen. Bestellungen über das Internet sind im Moment die Haupteinnahmequelle. Ohne den Online-Shop als finanzielles Standbein wäre das alles nicht möglich gewesen.

19. April. Der nächste große Schritt. Die Gärtnerei öffnet für Besucher und Kunden. Umsehen, beraten lassen und einkaufen – das geht ab sofort. Ein weiterer Schritt in Richtung Normalität.

Vorbereitet für den Frühlingsmarkt

21. April: Alles ist vollständig etikettiert, neue Flyer sind angekommen. Für den Frühlingsmarkt am Wochenende in Rödelsee ist alles vorbereitet, am Tor hängen neue Banner.

Anfang Mai: Erst war es zu trocken – jetzt ist es zu nass. Ein bisschen Land unter. Das Gärtnerehepaar nimmt es gelassen: Wenigstens ist klar, wo die Drainage noch verbessert werden muss. Und: Die feuchtigkeitsliebenden Stauden freut's.

10. Mai: Die neue Scheune wird geliefert. Noch in Einzelteilen, aber immerhin. Hier sollen die künftigen Arbeitsräume entstehen.

Bei der Pflanzenbörse präsentiert

21. Mai: Die Gärtnerei nimmt an der 12. Pflanzenbörse in Würzburg teil. Eine gute Gelegenheit, sich und die eigenen Ideen vorzustellen.

Till Hofmann ist Staudengärtnermeister, Fine Molz gelernte Staudengärtnerin und Landschaftsarchitektin. Zwei, die für ihre Arbeit brennen. Das zeigt sich auch an anderen Dingen: Veröffentlichungen in Fachpublikationen sowie Vorträge und Seminare gehören wie selbstverständlich dazu. Von 2003 bis 2016 unterrichtete der 50-Jährige zudem an der Fachschule LVG Heidelberg die Staudengärtner-Meister-Aspiranten. Bereits einige Preise eingeheimst

Bei Teilnahmen an verschiedenen Bundesgartenschauen gab es die Bestätigung für ihre Arbeit. In Schwerin heimste man zwei Goldmedaillen ein, in Koblenz zwei Silbermedaillen und zuletzt 2013 bei der Internationalen Gartenschau in Hamburg eine Goldmedaille. Auf der Internationalen Gartenausstellung dieses Jahr in Berlin startet der nächste Anlauf. In Rödelsee soll der Neuanfang genutzt werden, um „gestalterische Leidenschaft auszuleben und etwas Neues, Besonderes zu schaffen“.

Kein leichter Schritt: „Extrem viel Optimismus“ brauche es schon, betont das Paar. Vor allem die vergangenen fünf Monate waren nicht ohne, Plan hin oder her: „Ein Provisorium jagt das nächste“, fassten beide den Start in der neuen Heimat zusammen.

Projekte in Luxemburg und Berlin

„Mehr bieten als nur Pflanzen“, regelrechte „Landschaftsbilder erschaffen“ – mit diesem Anspruch soll es in die Zukunft gehen. Auf einige Vorzeige-Projekte kann man schon verweisen: In Luxemburg wird ein ganzer Ort von der Staudengärtnerei versorgt und gestaltet, in Berlin gibt es ebenfalls mehrere Projekte. Zuletzt durfte man in Iphofen einige Verkehrsinseln gestalten.

Mehr Mitarbeiter

Auch personell wird aufgerüstet: Zwei Mitarbeiter hat die Gärtnerei bereits, aktuell ist man auf der Suche nach einem Auszubildenden. Der Fortschritt zeigt sich jeden Tag ein bisschen mehr. Dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben, steht trotz des ungeheuren Kraftaktes außer Frage. Wenn das Paar dann doch mal ein paar Minuten verschnaufen und den Blick auf den Schwanberg genießen kann, sind sie sich einig: „Im Kitzinger Land ist es besser als im Odenwald!“

Till Hofmann und Fine Molz sind angekommen.