Im gesamten Landkreis Kitzingen bestimmt die Corona-Pandemie den Takt im gesellschaftlichen Leben und hebt in diesem Jahr die Kirchweih-Traditionen aus den Angeln. Durch die Corona-Beschränkungen wird das Brauchtum weitgehend abgewürgt. Da bleibt den nahezu arbeitslosen Kirchweihburschen kaum etwas anderes übrig, als zum Kirchweihessen in die Wirtshäuser zu gehen. In Etwashausen dürfen sich dabei manche über ein Jahrhundert zurückversetzt fühlen, galt die Ebshäuser Kerm doch bis zum Jahr 1903 als sogenannte Fresskerm.

Der Ursprung der Etwashäuser Kirchweih liegt im Jahr 1754, als die Kreuzkapelle geweiht wurde, die der damalige Fürstbischof Karl Friedrich von Schönborn vom bekannten Baumeister Balthasar Neumann erbauen ließ. Historischen Aufzeichnungen zufolge, soll damals eine Woche später eine Fresskerm in drei Wirtschaften stattgefunden haben. Das war auch so bis ins Jahr 1904, als die damalige Wirtin des Gasthauses Zur Goldenen Gans, Laura Pröschel, die Initiative ergriff zur Ausgrabung der Kirchweih und den Ständerle der Kirchweihburschen vor den Gasthäusern.

Der Ruf der Kirchweih hallte durch ganz Franken

Damit war die reine Fresskerm zu Grabe getragen. Dennoch nahmen die Menschen im vergangenen Jahrhundert die Kirchweih-Feste zum Anlass, ausgiebig zu schlemmen, und die Völlerei griff um sich. Wie der langjährige Stadtrat Hugo Weiglein sich erinnert, war die Etwashäuser Kirchweih in ganz Franken ein Begriff. Bis aus Nürnberg seien jährlich 2500 Menschen zur Ebshäuser Kerm angereist, um sich an den Leckereien in den Gastwirtschaften zu laben.

Im Jahr 1925 wandten sich die Etwashäuser Gastwirte an die Deutsche Reichsbahn, damit sie die Züge später nach Würzburg zurückfahren lassen sollten. Denn so sei den Gästen die Gelegenheit geboten, die Etwashäuser Kirchweih bis zur Neige auszukosten. In Absprache mit dem damaligen Oberbürgermeister, Hermann Schuster, hatten sich die elf Gastwirte in Etwashausen unter Leitung des Stadtrats und Gastwirts Georg Pröschel zur Übernahme der Garantieleistung von 150 Reichsmark für die Abstellung dieses Sonderzugs bereit erklärt. Und auch aus Nürnberg kam mancher Sonderzug mit 1200 Fahrgästen zur Etwashäuser Kirchweih.

Im Kitzinger Stadtarchiv finden sich Belege von Zeitungsannoncen, mit denen Gastwirte immer wieder zur Etwashäuser Kerm einluden. Die Etwashäuser feierten im Jahr 2004 stolz das 100-jährige Bestehen ihrer Brauchtumskirchweih unter dem Motto "So sind wir – seit 1904". Nie hätten sie es sich träumen lassen, dass es anno 2020 eine Wiederauferstehung der Fresskerm geben würde.

Alte Liste bezeugt den Umfang der Völlerei

In der Premieren-Ausgabe der Kirchweihzeitung "Generaler" im Jahr 1949 bezeichneten die Etwashäuser ihre Kerm als "die größte Fresskerm weit und breit". Der Gastwirt Georg Pröschel hat damals aufgelistet, was anlässlich der Kirchweihfeierlichkeiten in seiner Goldenen Gans so alles verzehrt wurde. Pröschels interessante Liste enthielt: sieben Schweine, ein Rind, zwei Kälber, jeweils zehn Pfund Beizbraten von jedem Kitzinger Metzger, 35 Gänse, 60 Enten, 80 Hähne, 80 Hasen sowie 150 Kilogramm Karpfen und Meefischli.

In diesem Jahr fallen Brauchtumsveranstaltungen, etwa das Aufstellen des Kirchweihbaums, der große Umzug mit Königin-Krönung oder der Burschenball, aus und die Kinder werden die Rummelplatz-Schausteller am Bleichwasen vermissen. Nach derzeitigem Stand wird es am dritten Oktoberwochenende nur im Gasthaus Walfisch eine Möglichkeit zum Kirchweihessen in Etwashausen geben.

Ansonsten wollen die Etwashäuser laut Kirchweihpräsident Markus Volbers nur am Kirchweih- und Erntedank-Gottesdienst am Montagabend, 19. Oktober, festhalten, aber wegen der Baustelle nicht in der Kreuzkapelle, sondern in der evangelischen Stadtkirche.