Die Einheimischen sind stille Genießer. Wissend lächeln sie vor sich hin. Artur Baumann vom örtlichen Weinbauverein etwa. Oder Bürgermeister Jochen Kramer. Karl-Heinz Rebitzer vom Domänenamt sowieso. Sie alle kennen das, was die Weinhoheiten gestern in Superlativen priesen, von ihrer täglichen Arbeit. Und sie wissen, dass die Lobeshymnen stimmig sind. Castell hat die "schönste Weinsicht Frankens".
Vom Waldparkplatz an der Straße Richtung Wüstenfelden aus sind es nur rund 200 Schritte bis zu der Stele aus Metall, die die Deutsche und die Fränkische Weinkönigin gestern gemeinsam enthüllten. Man läuft erst ein Stückchen durch den Wald, Richtung Schlossberg. Sobald sich das Blätterdach der Bäume lichtet, breitet sich vor einem ein Teppich aus allerhand Grüntönen aus. In 300 Metern Entfernung erhebt sich der majestätische Kastanienhain auf dem Herrenberg. Über Weinberge und Felder schweift der Blick weiter bis zum sagenumwobenen Kugelspiel hinüber.

"Es ist ganz großartig hier, wunderschön idyllisch", klang Steffen Schindler, Marketingleiter des Deutschen Weininstituts DWI, wie ein echter Castell-Fan.

Das DWI und die regionalen Weinbauverbände zeichnen heuer in allen 13 deutschen Weinanbaugebieten die jeweils "Schönste Weinsicht" aus, also den spektakulärsten Punkt, von dem aus sich ein grandioser Ausblick in die Weinlandschaft bietet.
113 Vorschläge habe es für die 13 Anbaugebiete gegeben, berichtete Schindler. Diese wurden auf der Homepage des DWI vorgestellt, vier Wochen lang konnten die Besucher abstimmen. Für die rund 4 000 Teilnehmer war klar: In Franken ist der Schlossberg in Castell nicht zu toppen.
Die "Schönste Weinsicht in Franken 2012" ist nun durch eine Stele des Mainzer Künstlers Ulrich Schreiber gekennzeichnet, der einen eigens dafür ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat. Durch die eisernen "Beeren" der drei Meter hohen Weintraube kann man aus unterschiedlichen Höhen die verschiedenen Blickwinkel ins Land genießen.
Oder direkt vor Ort, wo der Wein wächst, ein Gläschen davon probieren. Dazu regte Annika Strebel an, die Deutsche Weinkönigin, die sich - begleitet von der Fränkischen Weinkönigin Melanie Dietrich - derzeit auf Franken-Tour befindet. Melanie Dietrich zeigte sich von der "Weinsicht" regelrecht begeistert und ließ vergessen, dass die Sonne ausgerechnet gestern hinter den Wolken verborgen blieb. "Die Weinberge und die Landschaft hier lächeln einen an", meinte sie und strahlte selbst übers ganze Gesicht.
"Die Menschen, die zu uns kommen, wollen etwas erleben", machte Frankens Weinhoheit deutlich. Am Casteller Aussichtsplatz, mit den großen Silvaner- und Riesling-Steillagen zu ihren Füßen, seien sie den Winzern und ihrer täglichen Arbeit besonders nahe.
"Der Winzer ist ein Allrounder - er stärkt und belebt den ländlichen Raum, pflegt und erhält die Kulturlandschaft, setzt regionale Kreisläufe in Gang und macht außerdem noch ein tolles Produkt", hob Artur Steinmann, Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes, die Bedeutung der Weinbauern hervor.

Der Charme des Casteller Aussichtsplatzes liege im Dreiklang von Wald, Landwirtschaft beziehungsweise Ackerbau und Weinbau, fand Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell, dessen Familie sich schon seit 800 Jahren dem Weinbau widmet.

Die "Weinsicht" sei eine Einladung an alle, zu entdecken, "wie schön es hier ist". Bei einem Spaziergang am Schlossberg bedürfe es gar nicht vieler Worte, "vieles erklärt sich von ganz allein."
Artur Baumann, Jochen Kramer und Karl-Heinz Rebitzer sahen das offenbar ähnlich - und blieben stille "Szene-Kenner". Was muss man auch groß sagen, angesichts solch eines malerischen Panoramas?