Als Stefan Güntner vergangenen Freitag in den Zug nach Frankfurt stieg, begann für ihn eine Reise ins Ungewisse. Er wusste nicht, was ihn an seinem Ziel in der Mainmetropole erwarten würde. Als er am frühen Nachmittag wieder in Kitzingen eintraf und vom Bahnhof zurück in die Stadt lief, winkte ihm von einem Balkon aus eine Frau zu, freudig erregt, ja fast jubelnd. So hat es Güntner selbst berichtet. Der Kitzinger Oberbürgermeister, kaum ein Jahr im Amt, und schon ein Held? Man kann diese Geschichte auch nüchterner erzählen. Man kann sie auf ihren Kern verkürzen und feststellen: Der Kitzinger Bahnhof ist verkauft, und die Stadt hat den Zuschlag bekommen. Aber mit Nüchternheit wird man dem aufwühlenden, zähen, ungewöhnlichen Fall nicht gerecht. „Das Thema hat die Leute wahnsinnig bewegt“, sagt Güntner.

Wer die Geschichte des Bahnhofs kennt, wer die Irrungen und Wirrungen in diesem Possenstück verfolgt hat, wer den Stillstand jeden Tag selbst erlebt hat, der kann verstehen, warum man mit einer nüchternen Erzählung in dieser Sache nicht weiterkommt.

Bis zuletzt war unklar, ob der Deal zustande kommt

Erst am Abend vor Güntners Dienstreise hatte der Kitzinger Stadtrat die Signale auf grün gestellt und den Kauf einstimmig gebilligt. Und doch wusste der OB – ausgestattet mit einem klaren Mandat – bis zuletzt nicht, ob der Deal zustande kommen würde. Denn von der Frankfurter Immobiliengesellschaft Aedificia, die den Bahnhof Ende 2018 von der Bahn erworben und das Gebäude danach zwei Jahre in Tiefschlaf gehalten hatte, war nicht klar, ob sie zur notariellen Beurkundung wie vereinbart einen Bevollmächtigten schicken würde. Es gibt ein Foto vom Moment der Vertragsunterschrift: Ein lächelnder Stefan Güntner setzt seinen Namen auf ein Blatt Papier. Er hat das Foto selbst auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht.

An diesem 22. Januar 2021 endete eine zwei Jahre währende Hängepartie, in der es bis dahin nur Verlierer gab: die Stadt, die sich angesichts der Zustände am Bahnhof ernstlich um ihr Image sorgte, die Eigentümer, die mit ihrer Verzögerungstaktik immer tiefer ins Zwielicht gerieten, die lokalen Investoren, die um ihr eingesetztes Geld fürchten mussten, vor allem aber die Bahnreisenden, die im Besitzerwechsel eine Verheißung erkannt hatten und nach und nach feststellen mussten, dass sich nichts von dieser Hoffnung erfüllte. Sie mussten noch immer um das Gebäude herumlaufen, um zum Bahnsteig zu gelangen, noch immer am zugigen Bahnsteig ausharren, weil Wartehalle - und Toiletten - geschlossen blieben.

Spricht man Ulrich Siffert auf die Sache an, sieht er sich um seinen Erfolg gebracht. Viel Geld hat der Markt Einersheimer vor zwei Jahren in das Projekt Bahnhof gesteckt, aber nicht nur das: Siffert, 38 Jahre alt, hatte einen Traum. Er, der als Kind am Kitzinger Bahnhof Wassereis schleckte, wollte den Bahnhof 2018 selbst kaufen. Wäre ihm das gelungen, er ist überzeugt: Das Gebäude stünde heute anders da. Dass er sich von der Frankfurter Immobiliengesellschaft und dessen Geschäftsführer Stefan Steinert überreden ließ, das Geschäft besser mit ihnen gemeinsam zu machen, sieht er heute als großen Fehler. Damals ließ er sich blenden vom Umstand, dass die Aedificia auf den Ankauf von Bahnhöfen spezialisiert war und schon an die 40 solcher Gebäude in ganz Deutschland gekauft hatte. Was also sollte da passieren?

Es passierte: nichts. Die Aedificia war im Januar 2019 mit großen Versprechen angetreten. Innerhalb eines Jahres sollte der Bahnhof wieder geöffnet sein. Aber als sich selbst nach einem Jahr nichts an dem Objekt tat, wurde auch Siffert stutzig. Die Beteiligten hatten für das Vorhaben eine KG gegründet. Siffert hing als Kommanditist mit seinem Kapital drin, hatte aber – wie er später feststellte – keinen Einfluss auf die Geschäfte. Das Sagen hatte die Aedificia und dessen Geschäftsführer Steinert, ein ehemaliger Eisenbahner, der als Komplementär eingetragen war. Auch Jens Faras saß mit im Boot, ein Projektentwickler aus Rottweil, der in Sulz am Neckar schon einmal einen Bahnhof saniert hatte. Laut Siffert sollte er später als Kommanditist mit in die KG geholt werden.

Es waren Siffert und Faras, die mit Ideen für den Bahnhof vorpreschten, Pläne schmiedeten, sich um potenzielle Mieter kümmerten. So schildern es die beiden gegenüber der Redaktion. Von Steinert, ihrem eigentlichen Partner, sahen sie sich immer wieder ausgebremst und blockiert. Steinert sagte dazu auf Anfrage: „Ich könnte in Kitzingen auf Teufel-komm-raus etwas vermieten, aber das würde der Historie und dem Anspruch des Gebäudes nicht gerecht.“ Und er sagte auch einen Satz, der zum Programm geworden ist, nicht nur für den Standort Kitzingen: „Bahnhofsentwicklung kann sehr lange dauern.“

Die Verhandlungen glichen einem Kampf gegen Windmühlen 

Der Kitzinger Bahnhof – ein Fall für das Abstellgleis? So hatte es lange Zeit ausgesehen. Dann aber kam Dynamik in die Sache: Den Investoren riss der Geduldsfaden. Immer öfter standen sie in Frankfurt, der Zentrale der Aedificia, auf der Matte, redeten auf Steinert ein. Anfangs ging es noch darum, den Bahnhof gemeinsam zu entwickeln, nach geraumer Zeit dann nur noch, Steinert davon zu überzeugen, dass ein Verkauf die beste Lösung wäre. Doch lange schien auch diese Option wenig realistisch. „Es war eine Vollkatastrophe“, sagt Siffert, der sich fühlte wie in einem Kampf gegen Windmühlen. Anfragen der Redaktion in dieser Zeit an Siffert und Faras endeten stets mit dem Satz: „Es dauert noch. Rufen Sie in ein paar Wochen wieder an!“ Zugleich schaltete sich die Politik ein, der Kitzinger OB nahm den Faden auf.

Im Spätherbst 2020 wurde der Druck auf die Aedificia dann offenbar zu groß. Wieder stand eine Frist im Raum, bis zu der sich das Unternehmen erklären wollte: der 31.12. Und diesmal bahnte sich tatsächlich eine Lösung an. Nach zwei Jahren Stillstand am Bahnhof, nach Hunderten von E-Mails, Gesprächen und Telefonaten, nach etlichen verstrichenen Fristen, gegenseitigen Vorwürfen und geplatzten Versprechen war die Aedificia nun offenbar bereit zum Verkauf. Siffert und der OB sahen ihre Chance gekommen. Jetzt hieß es: rasch zugreifen, ehe die einen Spalt breit geöffnete Tür womöglich wieder zugeschlagen ist. „Der Preis für die Stadt lag nicht weit über unserem damaligen Einkaufspreis“, erklärt Siffert. Die Rede ist von 350 000 Euro. Bestätigen wollten diese Summe weder der OB noch Siffert.

Und nun? „Wir überlegen, wie wir möglichst schnell die Durchgangshalle und die Toiletten wieder öffnen können“, sagt Güntner. Für das weitläufige Grundstück, das Bestandteil des Kaufvertrags war, gebe es eine „Grobplanung“. Dort soll etwa der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) – bei der Stadt von langer Hand geplant – gebaut werden. Die Kreisgruppe Kitzingen des Verkehrsclubs Deutschland sieht noch deutlich mehr Potenzial und schreibt: „Wir freuen uns, dass OB Güntner hier die Zeichen der Zeit erkannt hat. Nun hoffen wir darauf, dass der Kitzinger Bahnhof sich rasch zu einem würdigen Tor zur Stadt wandelt, zu einer Mobilitätsdrehscheibe mit barrierefreien Zugängen, einem modernen Busbahnhof, Reisezentrum, Fahrradparkhaus, WLAN-Zugang und Parkplätzen mit Ladepunkten für E-Fahrzeuge.“

Ein benachbarter Unternehmer hat Interesse am Bahnhof

Tatsächlich soll der Bahnsteig barrierefrei ausgebaut werden, was aber in den Aufgabenbereich der Bahn fällt. Den Bahnhof selbst will die Stadt offenbar nicht behalten. Ein Unternehmer aus der Nachbarschaft hat starkes Interesse bekundet; dem Stadtrat sind, wie man aus informierten Kreisen hört, solche „Überlegungen“ bekannt. „Final ist aber noch nichts“, heißt es. Siffert hat der Stadt seine Hilfe angeboten, will Plan- sowie Konzeptskizzen, die er für das Objekt hat entwerfen lassen, weitergeben. So wären die bisherigen Anstrengungen doch nicht ganz vergebens gewesen. Als Käufer wird er nicht mehr auf den Plan treten. Er ist ernüchtert und erleichtert zugleich. Die Sache hat ihn Nerven gekostet und manches gelehrt. „Bahnhof“, sagt Siffert, „war in meiner Familie das Unwort des Jahres 2020.“