Vor 30 Jahren war er Profiboxer. Heute ist er fünffacher Vater, dreifacher Opa und nach eigenen Angaben aus dem Alter raus, in dem man sich prügelt. Allerdings hat er im August 2019 noch einmal zugeschlagen und mit drei bis vier Faustschlägen einen gemütlichen Abend auf einem Campingplatz im Landkreis Kitzingen beendet. Dafür ist der Mann jetzt zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden. Dazu kommen 800 Euro Schmerzensgeld.

Es waren zwei völlig unterschiedliche Geschichten, die Amtsgerichtsdirektorin Helga Müller  in dem Verfahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung präsentiert bekam. Gemeinsam hatten sie den Anfang: Zwei Männer, zwei Frauen treffen sich beim Angeln auf einem Campingplatz. Man ist sich sympatisch, lädt sich zum Trinken und Essen ein. "Es war eine gemütliche Runde", waren sich beide Seiten einig. Man hat geredet, gelacht, gesungen und vor allem getrunken: Radler, Bier, Wein, Whisky und Wodka sollen es gewesen sein. Am Ende brachten es die beiden Herren in der Runde auf über 1,6 Promille.

Blutige Nase, Platzwunde und Beule

Das dürfte ein Grund sein, warum einer der Beteiligten mit einer blutigen Nase, einer Platzwunde und einer Beule im Krankenhaus landete. Da ist die Version des 54-jährigen Opfers und dessen Ex-Frau, die auf dem Campingplatz mitgefeiert hat. Danach war alles gut, bis der Mann zu später Stunde dem neuen Bekannten angeboten hatte, die Kräfte mal beim Armdrücken zu messen. Der Ex-Boxer versuchte es im Stehen und verschaffte sich so einen Vorteil. Den Vorwurf der Unfairness konterte er mit drei bis vier kurzen Faustschlägen. "Die kamen aus dem Nichts", sagte die Ex-Frau als Zeugin. Damit war der Abend  gelaufen. Der Notarzt und die Polizei wurden gerufen. Anzeige und Prozess folgten.

Der 49-jährige Angeklagte und seine Frau präsentierten eine ganz andere Geschichte, zumindest vom Ende der Veranstaltung. In der sei die Mutter des 54-Jährigen irgendwann einmal aufgetaucht und habe sich länger mit ihrem Sohn unterhalten. Danach habe ihn seine Ex mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei ein Muttersöhnchen. Das nahm der 49-Jährige auf. "Ach was, du bis also ein Muttersöhnchen", will er gesagt habe.

Zwei Versionen – ein Urteil

Daraufhin sei der 54-Jährige aufgesprungen,  gestürzt und mit dem Gesicht gegen den Wohnwagen geprallt. Als der Ex-Boxer ihm aufhelfen wollte, sei er zudem mit der Stirn gegen den Campingtisch gestoßen. "Ich schwöre bei Gott: Ich habe nichts gemacht", sagte er, und seine Frau bestätigte seine Version. Von Armdrücken sei nie die Rede gewesen. Nach dem Muttersöhnchen-Unfall sei man zu Bett gegangen und zwei Stunden später war die Polizei da.

Am Ende sah der Staatsanwalt die Anklage bestätigt.  Er foderte neun Monate Freiheitsstrafe  und im Blick auf eine noch offene Bewährung den Gang ins Gefängnis für den Angeklagten. "Völlig überzogen", sagte der Verteidiger dazu und plädierte nach dem Motto "im Zweifel für den Angeklagten" auf Freispruch.

Das sah das Gericht anders. Für Helga Müller war die Version des Opfers und seiner Ex-Frau die glaubhafte über den feucht-fröhlichen Abends. Sechs Monate und Bewährung hielt sie dafür angemessen, plus 800 Euro Schmerzensgeld für das Opfer. Der Angeklagte nahm das Urteil sofort an, gegen den ausdrücklichen Rat seines Verteidigers. "Ich will meine Ruhe haben", sagte der Ex-Boxer, und will die Sache mit dem Muttersöhnchen so schnell wie möglich vergessen.