"Urmelchen" sieht man auf den ersten Blick nicht an, was für ein Vollprofi da durch die Wohnung huscht. Freundlich legt sie sich auf den Rücken und will gestreichelt werden. Zwei niedliche Dackelaugen suchen Blickkontakt und wenn man sich zu tief zu ihr herunter beugt, kann es schnell mal passieren, dass die junge Dame einem ein reichlich feuchtes Bussi verpasst.
Ernst macht die ein Jahr und acht Monate junge Rauhaardackel-Hündin erst, wenn "Schweiß" im Spiel ist. "Schweiß" heißt in der Jägersprache "Blut". Und dafür hat sie eine Nase wie sonst kein zweiter Dackel in Deutschland. Nahezu konkurrenzlos hat sie sich durch alle Qualifikationen zur Europameisterschaft der Vollgebrauchshunde im ungarischen Kaszo durchgespielt. Und plötzlich standen sie da inmitten weitaus erfahrenerer Jäger und deren vierbeiniger Jagdhelfer: Die jüngste Hündin und der jüngste Hundeführer vertraten auf einmal Deutschland auf internationalem Parkett. "Das war ein Gefühl wie im Abi", gesteht ihr Herrchen, der 31-jährige Magnus Latzel. Es war erst die 13. Prüfung für den jungen Hund und zugleich die wohl bedeutendste in seinem Leben. Rund 5000 Euro Ausbildungskosten und hunderte Stunden Training steckten da in den noch jungen Hundeknochen. Zwei Jahre hatte Latzel auf diesen Hund gewartet. Er kannte den Züchter, wusste um die guten Anlagen, die Urmels Mama vererben würde. Eine Hündin sollte es sein. Dass die aber dermaßen gut war, freut Latzel sehr: "Sie ist ein absolutes Ausnahmetalent".

Respekt vor dem Wild


Urmel vom Waldesgraben - so der komplette Name der adeligen Jägerin - brilliert auf vielen Gebieten. Sie stöbert Füchse im Bau auf oder fischt abgeschossene Enten aus dem Wasser. Und sie beherrscht den Klassiker aller Jagdhunde-Prüfungen, die "Spur-Laut-Prüfung". Dabei rennt ein Hase vornweg. Ist er außer Sicht, wird der Dackel auf die Fährte angesetzt. Jetzt entscheidet sich, wie sauber der Hund die Spur trifft, wie weit er sie verfolgt und wie laut er dabei bellt. Die Situation, die sich nach sportlichem Wettkampf anhört, stellt sich in der Realität dann, wenn ein angeschossenes oder nach einem Verkehrsunfall verletztes Wild sich noch aus dem Staub macht. "Ein angeschossenes Tier kann noch Kilometer weit laufen. Oder es liegt zwei Meter neben dir im Wald und du siehst es nicht", erklärt Magnus Latzel. Genau das ist auch der Grund für ihn, warum er sich einen Jäger ohne Hund nicht vorstellen kann. In dem Punkt wird er richtig ernst. "Das Wild ist in unserer Gesellschaft nichts mehr wert", schimpft er. "Es gibt Jäger, die bloß noch schießen wollen. Ein respektvoller Umgang mit dem Wild sieht anders aus". Und er legt nach und kritisiert die vielen Biogas-Anlagen. "Wir brauchen Mais dafür. Mais fördert aber größere Schwarzwild-Populationen". Dieser muss der Jäger dann wieder Herr werden. "Wir führen einen Genozid gegen das Schwarzwild", so Latzel.
Mit Schwarzwild, also mit Wildschweinen, geht Urmel vorsichtiger um als mit Hasen, Enten oder einem Fuchs. Sie kennt die Fährten und hat sich auch in Ungarn auf einem riesigen Areal nicht von der eigentlich zu verfolgenden Spur ablenken lassen. Neun Konkurrenten konnte sie gleich im ersten Durchgang abschütteln. Am Ende waren nur noch fünf Dackel im Wettbewerb. Urmel wurde Dritte hinter den beiden Vertretern aus der Schweiz.
Auf Wettbewerbe soll sie auch weiterhin noch gehen. Aber nach dem großen Erfolg wartet jetzt erst mal etwas anderes auf die treue Dackelhündin: Ein ähnlich talentierter Rüde nahe der holländischen Grenze. Magnus Latzel ist jetzt schon gespannt darauf, was für ein Nachfolge-Talent Urmel aus dem Ei zaubert.