Sommerach ist untrennbar mit dem Weinanbau verbunden. Egal ob man im Landkreis Kitzingen von Schwarzach oder Volkach aus in das idyllische Örtchen fährt, säumen zahlreiche Weingüter von mehr als 90 Winzerfamilien die Straßen. Schon seit dem 11. Jahrhundert ist der Wein die Lebensader des Dorfes. Und gleich hinter dem Ort, der bis heute zum Teil noch von der Wehrmauer umgeben ist, steigen sanft die Weinberge auf. Wobei vor allem die Lage "Katzenkopf" wohl allen Weinkennern ein Begriff ist.

Wenn man durch die Gassen schlendert, wird schnell klar, warum Sommerach in der Saison 2013/2014 nicht nur bundesweit, sondern sogar auf europäischer Ebene Gold beim Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden, unser Dorf hat Zukunft" gewann. 

Seit 1961 gibt es diesen bundesweiten Wettbewerb. Damals, in den Wiederaufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg, war es darum gegangen, die teils zerstörten Ortschaften mit ein bisschen Blumenschmuck und Dorfgrün freundlicher zu gestalten. Wegen des ursprünglichen Namens und der entsprechenden Bewertungskriterien bis Mitte der 1990er Jahre wurde der Wettstreit der kleinen schmucken Orte gelegentlich als "Blumenwettbewerb“ belächelt. Mittlerweile heißt er  nur noch "Unser Dorf hat Zukunft" – und es geht um weit mehr als blühende Geranien am Straßenrand. Auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene treten dabei Ortschaften mit bis zu 3000 Einwohnern an.

"Es geht darum, einen Ort attraktiv für die Zukunft zu machen", sagt Christine Bender, Landwirtschaftsrätin am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. Seit vielen Jahren kümmert sie sich um den Dorfwettbewerb. Tourismus zähle bei "Unser Dorf hat Zukunft" ebenso dazu wie das Angebot von Kitas und Schulen, eine lebendige Dorfgemeinschaft, soziale und kulturelle Initiativen, Bemühungen um Integration, Barrierefreiheit oder die Energiewende. Nicht nur in Sommerach: In den vergangenen Jahren haben viele Ortschaften in Unterfranken eine Auszeichnung erhalten. Da wir nicht alle Orte aufzählen können, stellen wir die Gewinner der letzten Jahre auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene näher vor: Fatschenbrunn (Lkr. Haßberge), Geldersheim (Lkr. Schweinfurt), Helmitzheim (Lkr. Kitzingen) und Großbardorf (Lkr. Rhön-Grabfeld). 

Bezirksentscheid um ein Jahr verschoben

Gerade wieder treten 155 bayerische Dörfer beim Landesentscheid gegeneinander an. Doch der Bezirksentscheid ist aufgrund der Coronakrise um ein Jahr auf das Jahr 2021 verschoben worden, entsprechend auch der Landesentscheid von 2021 auf das Jahr 2022. Die ermittelten bayerischen Landessieger werden dann am Bundesentscheid teilnehmen - und erst im Jahr 2023 von der Bundesbewertungskommission bereist. Die Auszeichnung der Siegerdörfer soll dann bei der Internationalen Grünen Woche 2024 in Berlin stattfinden. Genug Zeit also, ausgiebig einige der bisherigen Gold-, Silber- und Bronzedörfer in Unterfranken zu erkunden.

Europameister: Idylle in Sommerach

"Sommerach ist unser Star, der Ort hat Gold in Kreis, Bezirk, Land, Bund und sogar in Europa geholt", sagt Christine Bender. Das Rathaus, erbaut im venezianischen Klassizismus, ist ein guter Treffpunkt für einen Spaziergang durch das 1435-Einwohner-Örtchen am Main. Durch den Weinbau zu Wohlstand gekommene Familien ließen sich schon bald prächtige Häckeranwesen bauen. Zu sehen gibt es barocke Hausportale, aufwendiges Fachwerk und stattliche Tore. "Es ist immer wieder ein Erlebnis, wenn man im Weinberg steht und auf diesen besonderen Flecken Erde schaut und sieht, in welcher Weise sich die Häuser aneinanderfügen", schwärmt die Bürgermeisterin, Elisabeth Drescher.

In einem aufwendig restaurierten Winzerhof im Ortskern liegt die sogenannte Villa Sommerach. Heute kann man hier in schönem Ambiente Kaffee trinken und etwas Kleines essen. Ab und an finden dort auch Kulturveranstaltungen statt. "Sommerach ist für mich Heimat und daher ein ganz persönlicher Ort", sagt Villa-Wirtin Toni Müller. "Der Ort zeichnet sich für mich durch die einzigartige Lage aus – direkt am Main gelegen, umgeben von Weinbergen und viel unverbauter Natur." Das Gelände, auf dem das Haus steht, war bereits im Jahr 1295 von den Grafen zu Castell an das Kloster Münsterschwarzach verpfändet worden. Der Bau war wohl zunächst als Amtshaus genutzt worden, ehe man ihn in private Hände gab. 

Campingplatz, Baggerseen, Wanderwege, Altmain, Radwege – Sommerach habe von Anfang an auf sanften Tourismus mit Qualität gesetzt, sagt Christine Bender. Das habe dem Ort Punkte im Dorfwettbewerb eingebracht. "Man findet in Sommerach ein dynamisches Dorfleben, das die richtige Balance zwischen Tourismus und Einheimischen besitzt", sagt auch Toni Müller. Und: Der Ort sei bis in die hinterste Gasse gepflegt. 

Sehenswert: die Gadenanlage in Geldersheim

Weiter geht es auf der "Goldroute" in den Landkreis Schweinfurt, nach Geldersheim. Das sehenswerte Dörfchen, eines der ältesten in ganz Franken, gewann im Jahr 2015 bayerisches Gold. Anno 763 erstmals urkundlich erwähnt wurde, besitzt Geldersheim ein gut erhaltenes, typisch fränkisches Ortsbild mit giebelseitigen Häusern, Kirchenburg und Dorftor. Die sensibel restaurierte mittelalterliche Gadenanlage in der Kirchenburg bildet den Mittelpunkt. Die Gaden, früher zum Lagern von Lebensmitteln genutzt, beherbergen heute das Archäologische Museum und ein kleines Bauernmuseum, eine Bücherei, ein Atelier und den Jugendtreff. Sehenswert sind auch die Bauernhöfe im Ortskern mit ihren barocken Tor- und Pfortenanlagen aus Sandstein.

Das Hutzeldorf: Fatschenbrunn im Steigerwald

Fatschenbrunn (Lkr. Haßberge), das auf 442 Meter hochgelegene Dorf mit 274 Einwohnern im Steigerwald, ist besonders durch seine Hutzelbirnen bekannt. Das "Hutzeln", das Dörren der Birnen aus den reichen Streuobstbeständen, ist hier als Tradition aus dem 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit erhalten geblieben. Auf speziellen Gittern werden die Birnen bei 60 Grad vier bis sieben Tage lang in der Holzofendärre im traditionellen Verfahren getrocknet – mit Holz aus dem eigenen Wald. Die Streuobstfelder kann man um den Ort herum auf eigene Faust erkunden, dort gibt es auch seltene und alte Obstbäume zu sehen. Sehenswert sind im Hutzeldorf auch die Alte Schule, der ehemalige Landsitz der Grafen von Rieneck und die Sankt Michaelskirche mit der über 300 Jahre alten Kirchenlinde. Für so viel Charme gewann das Örtchen Bronze beim landesweiten Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" 2015.

Flatternde Bewohner: Hellmitzheim, das Fledermausdorf

Letztlich nicht Gold, aber immerhin Silber hat Hellmitzheim (Lkr. Kitzingen)  beim Bundeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" im vergangenen Jahr erhalten. Die Juroren des Wettbewerbs lobten vor allem den Zusammenhalt in der 400-Seelen-Gemeinde. So haben die Hellmitzheimer zum Beispiel ein leerstehendes Bauernhaus mitten im Ort zu einem echten Dorfmittelpunkt umgebaut– samt Jugendtreff und Probenraum für Musikschule und Chor. Außerdem kümmern sich die Bewohner um das wohl der heimischen Fledermaus. Im Flatterhaus können Besucher die  Lebensräume der verschiedenen Fledermausarten erkunden und erfahren, wo die Tiere im Landkreis Kitzingen unterwegs sind. Das Flatterhaus ist von März einschließlich Oktober geöffnet, immer Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

Brennholz und Haselnüsse: Bezirkssieger Großbardorf

Gold gab es beim Bezirksentscheid 2017 für Großbardorf (Lkr. Rhön-Grabfeld). Die Jury befand: "Alle Bürger haben sich zusammengetan, um Großbardorf voranzubringen. Das gilt für den Sport, die Musik, die Freizeit und die Gestaltung der Dorfplätze." Einzigartig sei auch die Initiative der Dorfgemeinschaft sich zum Bioenergiedorf zu entwickeln. Sehenswert sind der Dorfkern mit den vielen renovierten Fachwerkhäusern, der Kirchplatz und die Kirche selbst. Die Landschaft wird durch  die Laubholzkörperschaft geprägt - und die Haselnuss-Genossenschaft. Für den Dorfwettbewerb waren 600 Haselsträucher gepflanzt worden, als weiteres Standbein für die Landwirte im Ort.

Die altrechtliche Laubholzkörperschaft bestand schon vor 1900. Heute zählt der Großbardorfer  Wald zu den drei letzten bewirtschafteten Niederwäldern in Bayern. Wohl seit Jahrhunderten versorgte sich das Dorf auf diese Weise mit Brennholz, dickeres Holz wurde als Bauholz verwendet. Die Verjüngung im Niederwald erfolgt ausschließlich aus Stockausschlag - so entsteht eine lichte und inhomogene Fläche mit strauchartigen Bäumen. Bei einer Gold-Dörfer-Tour ist ein Besuch im Wald mit seinen  Eichen, Hainbuchen, Linden, Ahornen und Eschen also ein Muss.

Dorfwettbewerbe

"Unser Dorf hat Zukunft", bis 1997 "Unser Dorf soll schöner werden", ist ein Wettbewerb, der seit 1961 in fast allen Bundesländern durchgeführt wird. Teilnehmen können Orte mit bis zu 3000 Einwohnern. Kommissionen mit Vertretern verschiedener Institutionen bereisen das Land und begutachten die angemeldeten Dörfer. Der Ort bereitet dazu eine Führung und eine Präsentation vor. Auch das Engagement der Bürger und Vereine wird bewertet. Nach bestimmten Kriterien werden Punkte vergeben und Ranglisten erstellt. Entscheidend für die Auszeichnung mit Bronze-, Silber- und Goldmedaillen ist die erreichte Punktzahl. Vor dem Bundeswettbewerb erfolgt eine Auswahl auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene. Auf Bundesebene ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zuständig. Bundeswettbewerbe finden alle drei Jahre statt.
Die mit einer Goldmedaille bewerteten Orte dürfen sich „Golddorf“ nennen. In Abhängigkeit von der erreichten Wettbewerbsebene wird zwischen Landes- und Bundesgolddörfern unterschieden.
Auf europäischer Ebene heißt der Wettbewerb  Entente Florale Europe.   1977 als britisch-französische Initiative gegründet, nehmen mittlerweile zwölf europäische Staaten teil. Dabei sind nicht nur Dörfer, sondern auch Städte zugelassen. Gold gab es in Unterfranken bislang 2014 für Sommerach sowie für  Kitzingen und Bad Kissingen.
Quelle: clk