Richter Marc Betz hatte den Verhandlungstag kaum eröffnet, da musste er die erste Verhandlung wegen schwerer Körperverletzung auch schon wieder unterbrechen. Der Grund: Die Angeklagte ließ telefonisch eine voraussichtlich 20-minütige Verspätung mitteilen. Dann aber hielt die Staatsanwaltschaft der Frau vor, einen ehemaligen Freund mit einer metallenen Wasserwaage attackiert und Verletzungen billigend in Kauf genommen zu haben.

Die Angeklagte bestätigte die Vorhaltungen in vollem Umfang, legte aber gehörig nach. Sie sei mit ihrem als Zeugen geladenen Freund im Wohnzimmer gesessen, als der verflossene Freund sich wegen einer defekten Klingel mit Steinen am Fenster bemerkbar machte. Einer der Steine jedoch zertrümmerte die Scheibe. Nachdem der Exfreund immer wieder mit unflätigen Bemerkungen und herabwürdigenden Belästigungen neuen Kontakt zu der Frau herzustellen suchte, ging der neue Freund vor das Haus, um zu schlichten.

Als einige Zeit vergangen war, wollte die Angeklagte nach dem Rechten sehen und bewaffnete sich vorsichtshalber mit einer Wasserwaage, die sie dann auch einsetzte.

Nicht einmal Aua


Der Ex-Freund duckte den Schlag jedoch ab und wurde "nur am Schulterblatt gestreichelt". "Er hat nicht einmal Aua geschrien", betonte der neue Freund, 42 Jahre und derzeit arbeitslos.

Sein Vorgänger räumte ein, in angetrunkenem Zustand "den anderen Typen" in der Wohnung gesehen zu haben. Dabei sei "ein Schalter umgelegt" worden. Die Steine habe er aus innerer Erregung auf die Scheibe geworfen.
Die Angeklagte indes hatte von den Verfolgungen ihres Ex genug und erstattete Anzeige wegen der zu Bruch gegangenen Glasscheibe. Dabei schilderte sie auch den vor Gericht eingeräumten Vorgang mit der Wasserwaage. Was sie nicht wusste: Körperverletzung muss als so genanntes Offizialdelikt von der Polizei angezeigt und von der Staatsanwaltschaft verfolgt werden. Und jetzt kommt es: Die Angeklagte war erst vor vier Wochen an gleicher Stelle zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Wegen einer langen Vorstrafenliste ohne Bewährung. Gegen das nicht rechtskräftige Urteil war Berufung eingelegt. Weil sie jetzt aber wieder vor Gericht erscheinen musste, blieb dem Gericht keine Wahl. Die Frau musste verurteilt werden.

Unter Tränen schilderte die Angeklagte, dass ihr eine Drogentherapie bevorstehe nach der sie einen Ortswechsel plane, um neu anfangen zu können. "Ich habe Angst in die JVA zu müssen", sagte sie und ließ den Tränen entsetzt über die Ent-wicklung der Verhandlung freien Lauf. Sie wolle nicht die Therapie absolvieren, um anschließend in den Knast zu müssen.

Angst habe sie auch vor den finanziellen Folgen, denn die Therapie werde nur zeitlich begrenzt gefördert. Sie bat zudem wegen ihrer 14-jährigen Tochter um eine Option, denn ihr klares Konzept für ein besseres Leben breche soeben zusammen.

Doch Richter Betz waren die Hände gebunden. Nachdem Verteidigung und Anklage die Rücknahme der Berufung erklärten war zwar die Körperverletzung vom Tisch, gleichzeitig aber wurde die frühere Entscheidung des Gerichtes rechtskräftig. "Eigentlich müsste ich mich darüber freuen, aber ich kann es nicht", bekannte die Blondine tränenüberströmt. Denn auch wenn alle Kosten der Staatskasse auferlegt wurden wird sie bei Therapieende einrücken müssen.