Es sieht aus wie auf einem großen Abenteuerspielplatz. Hier ein Loch, dort ein Erdhügel, hier ein paar lose Bruchsteine, dort Schaufel und Eimer. Das ganze Gelände ist durchzogen von geheimnisvollen Gruben und Gräben. An einem kalten Novembermittag steht Reiner Burkard in schneegeschwängerter Luft, wallende graue Locken, breites Lächeln und im Gesicht die kindliche Freude eines Entdeckers. Spricht man ihn auf seine Arbeit an, sagt er: „Das ist, wie wenn Sie eine Riesen-Sandburg bauen, sich Mühe geben, dann kommt die große Welle – und das Ding ist weg.“

Die große Welle also, sie ist in diesem Fall der Bagger, der alles platt machen wird, was hier gerade zu sehen ist. Der Gräben zuschüttet, die Burkard aufgerissen hat. Der alles wegspült, die Löcher im Boden und die Spuren im Sand. Sie werden nur noch in der Erinnerung leben und in manchem Fundstück: einer 7000 Jahre alten Keramikscherbe zum Beispiel.

Archäologen sind seit Mitte der 90er-Jahre Dauergäste

Elf Wochen haben der Archäologe Burkard und sein Team im Umfeld der alten Mönchsondheimer Dorfwirtschaft gebuddelt und geschürft. Sie haben das Gelände „geputzt“, wie es im Fachjargon heißt, also auf historische Funde hin durchpflügt und untersucht. So ist es mittlerweile üblich in Bayern, wenn irgendwo etwas Neues entstehen soll: Ehe die Zukunft beginnen kann, muss zunächst die Vergangenheit aufgearbeitet werden.

In Mönchsondheim, dem 160-Seelen-Ort, in dem Geschichte nicht nur wegen des dortigen Kirchenburgmuseums greifbar wird, ist das gang und gäbe. Seit Mitte der 1990er-Jahre sind die Archäologen Dauergäste im Dorf. Mehr als zwei Dutzend Grabungen hat es im Umkreis der Kirchenburg gegeben. „Wir sind der Hotspot in der bayerischen Dorfarchäologie“, sagt Museumsleiter Reinhard Hüßner. „Ein bayernweites Alleinstellungsmerkmal“ bescheinigt der erfahrene Archäologe Burkard dem Ort.

Die jüngste Grabungsstätte, ein etwa 800 Quadratmeter großes Areal am Fuß der Kirchenburg, war bis zum Sommer noch mit rumpeligen Scheunen verstellt. Keine Chance, die Geheimnisse im Boden zu lüften. Bald schon soll dort ein neues, modernes Gebäude für die Museumspädagogik entstehen, das ebenfalls museumsreife Gasthaus Goldene Krone wird um- und angebaut.

Die Zeit dazwischen gehört den Archäologen. Sie dringen ein in eine Welt, die vor ihnen in Trümmern liegt und die sie erst einmal ordnen und schlichten müssen. Was hat es mit einem halbrunden dunklen Keramikring auf sich, was mit glasierten bunten Splittern? Und was ist mit den Gebeinen eines Rindes, das da irgendwann im Boden verscharrt wurde – ohne Kopf. Ein Fall für Reiner Burkard und sein Scherbengericht.

Die oft mit Dreck behafteten Bruchstücke mögen auf den Laien unscheinbar und wenig glanzvoll wirken, für Burkard sind sie das Fenster, durch das er in längst vergangene Epochen blicken kann. Keramikscherben aus dem 7. Jahrhundert, die Teile hochwertigen Tafelgeschirrs waren, produziert im Rheinland auf einem Drehteller, der in Franken erst 500 Jahre später die Runde machte. „Es sind Banalitäten des Alltags, die in Schriftquellen sonst nicht auftauchen“, sagt der Archäologe. Tief blicken lassen auch die freigelegten Wasserrinnen, Gruben und Keller. Sie zeigen, wie sorgfältig und hochwertig solche Bauwerke schon in frühen Zeiten angelegt waren. „Lebensbilder“ entstünden aus diesen Fragmenten.

Nach wochenlangen Feldstudien hat der freischaffende Archäologe den „klaren Beweis“ gefunden, dass der ganze Untergrund in Mönchsondheim wohl Relikte einer steinzeitlichen Siedlung birgt, die er auf die Zeit zwischen 5500 und 4900 vor Christus datiert.

In dieser Epoche der ältesten Jungsteinzeit begann der Mensch, sesshaft zu werden und zu siedeln, normalerweise eher auf fruchtbaren Ebenen, im Falle Mönchsondheims aber in einem engen Talkessel. Warum? „Weil es hier sehr guten Boden und eine Versorgung mit Wasser gibt.“ Während zwischen Steinzeit und Frühmittelalter immer wieder Lücken in der Ortsgeschichte klaffen, gibt es Hinweise, dass das Dorf vom frühen bis zum späten Mittelalter durchgängig besiedelt war, also bereits ab dem Jahr 500 nach Christus. „Das zeigt, dass Mönchsondheim deutlich älter ist als in der schriftlichen Überlieferung“, sagt Burkard. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Suntheim um 1100.

Ein alter Keller lässt das Expertenherz höher schlagen

Fragt man Burkard, was ihn bei seinen Ausgrabungen am meisten begeistert habe, hält er nur kurz inne, um dann wieder in die Rolle des emsigen Wissenschaftlers zu schlüpfen, der auch nach einem Vierteljahrhundert in diesem Beruf von Neugier getrieben ist und das Staunen nicht verlernt hat. „Dieser Keller“, sagt er und deutet auf eine etwa drei mal sechs Meter große Grube, „lässt mein fachliches Herz höher schlagen.“

Je mehr Erdreich die Archäologen mit ihrem Minibagger und ihren Schaufeln wegkratzten, umso deutlicher schälte sich ein Bauwerk heraus, das der dichte Boden über Jahrhunderte konserviert hatte; entstanden um 1700 aus grobem Bruchstein, erschlossen über sechs Treppenstufen und nahezu vollständig erhalten – sogar die Struktur des Plattenbodens ist noch erkennbar. Burkard scheint selbst überrascht zu sein vom „imposanten Zustand“ des hochmittelalterlichen Kellers, für ihn ein Glücksfall.

An dieser Stelle ist für Reiner Burkard und seine vier Kollegen die Zeitreise zu Ende. Sie haben sich durch mehrere Jahrtausende Ortsgeschichte gebuddelt, wochenlang, und ihre Erkenntnisse dokumentiert, eine Auftragsarbeit des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Mehr können sie nicht tun. Bezahlen wird das Ganze laut Gesetz die Stadt Iphofen als Bauherrin – alles schon veranschlagt in der Bausumme von drei Millionen Euro, wie Bürgermeister Dieter Lenzer sagt. Nach dem Wintereinbruch zu Wochenbeginn ruht die Baustelle gerade, leichter Firn liegt über dem Gelände, bald schon wird er Schnee von gestern sein. Burkard lächelt und sagt: „Das ist unser Dilemma. Aber so ist unser Beruf.“ Wenn das Wetter mitspielt, soll das verlassene Schlachtfeld der Historiker im Frühjahr eingeebnet werden. Etwas Neues wird darauf wachsen. Wer weiß schon, was die Nachwelt in 500 Jahren darüber sagen wird?