Laden...
Kitzingen

Warum Etwashausens Männer Krisengewinner sind

Der Tischtennis-Überflieger TV Etwashausen startet noch einmal durch.  Was das Team so stark macht und warum es auf Verstärkung verzichtet, erklärt Kapitän Christoph Sasse.
Artikel drucken Artikel einbetten
In Lauerstellung zur Regionalliga: Kapitän Christoph Sasse freut sich mit den Etwashäuser Tischtennisspielern auf das Abenteuer in der vierthöchsten deutschen Klasse. Foto: Hartmut Hess
+1 Bild

Es war ein ständiges Auf und Ab: Mal standen die Tischtennisspieler des TV Etwashausen in der Oberliga, mal in der Regionalliga. Inzwischen scheint klar, dass sie nächste Saison – wann immer die beginnen wird – in der vierthöchsten deutschen Klasse aufschlagen. Sie profitieren dabei offenbar von der auch in anderen Sportarten angewandten Quotientenregelung, bei der die Punkte mit der Zahl der Spiele verrechnet werden. Für den Kitzinger Klub wäre es der dritte Aufstieg binnen vier Jahren. Im Interview spricht Kapitän Christoph Sasse (26) über den Reiz der neuen Aufgabe, typische Journalistenfragen und darüber, warum der Verein bewusst auf Verstärkung von außen verzichtet.

Darf man Ihnen zum Aufstieg in die Regionalliga gratulieren?

Christoph Sasse: Es scheint so zu sein, dass wir es geschafft haben.

Heißt das, so genau wissen Sie es gar nicht?

Sasse: Wir haben erst vor wenigen Tagen die Nachricht bekommen, dass es Härtefallregelungen geben wird und dass die Quotientenberechnung gelten soll. Danach wären wir Regionalligist. Ich hoffe, dass dies auch vom Spielgruppenleiter bald so bestätigt wird.

Vom Verein ist doch auch noch eine Berufung beim Sportgericht anhängig, oder?

Sasse: Richtig. Wir hatten ja Beschwerde eingereicht gegen den Beschluss, dass wir nicht aufsteigen. Die wurde abgelehnt – mit für uns nicht nachvollziehbaren Gründen. Das führte dazu, dass für uns wie auch für weitere Klubs die Quotientenregelung angewendet wurde – und aus dieser Ansage schließen wir letztlich, dass wir aufgestiegen sind.

Da spricht der Optimist.

Sasse: Na ja, wenn es heißt, der Quotient sei maßgeblich – und ich halte uns alle für gute Mathematiker –, dann ist das eher Pragmatismus. Denn nach dem Quotienten sind wir definitiv besser als der vor uns stehende FC Bayern München II.

"Wir haben ja einige Aufstiege hinter uns. Und jedes Mal hieß: Seid ihr bereit?"
Christoph Sasse, Kapitän des TV Etwashausen
Wäre der TV Etwashausen denn für einen Aufstieg gerüstet?

Sasse: Wir hätten den Einspruch nicht eingereicht, wenn wir uns nicht als Regionalligist sehen würden. Mal dahingestellt, ob wir da mithalten können – ein Erlebnis ist es auf jeden Fall. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir die Frage, ob wir bereit seien, in den letzten Jahren gestellt wurde. Wir haben ja einige Aufstiege hinter uns: von der Landesliga in die Bayernliga, von dort in die Oberliga, jetzt von der Oberliga in die Regionalliga. Und jedes Mal hieß es: Seid ihr bereit?

Eine typische Journalistenfrage.

Sasse: Ja, ist ja auch verständlich. Aber ich habe volles Vertrauen in unsere Mannschaft und meine Mitspieler. Ich glaube aus Erfahrung sagen zu können, dass wir an der Aufgabe wachsen werden. Sie wird schwer, aber ich halte uns für kompetent und gut genug, dass wir das schaffen, auch ohne Verstärkung von außen. Die Prämisse war, in dieser personellen Konstellation weiterzumachen und unserer Linie treu bleiben. Wir waren bisher schon weit unter dem Durchschnittsbudget, was Spielergehälter angeht. Das hat uns noch nie davon abgehalten, gute Ergebnisse zu liefern.

Kann man das so deuten, dass sich der TVE nicht aktiv um neue Spieler bemüht, sie aber nicht ablehnen würde, wenn denn welche kämen?

Sasse: Wir haben schon abgelehnt. Es ist jetzt das letzte Jahr, in dem in der Regionalliga zu sechst gespielt wird. Und wir haben gesagt: Wir wollen das gemeinsam als Mannschaft durchziehen. Theoretisch müssten wir uns verstärken, andererseits war es immer der Mannschaftsgeist, der uns beflügelt hat, egal wie kritisch die Situation war. Ich wüsste nicht, ob jemand, der uns leistungstechnisch nach vorne bringt, auch mannschaftsintern eine Verstärkung wäre oder ob das nicht eher unser gewachsenes Gefüge und unseren herausragenden Teamgeist zerrütten würde.

Was glauben Sie, was die Regionalliga außer der sportlichen Herausforderung bringt?

Sasse: Wir alle sind – bis auf Bastian Herbert und Kamil Michalik – mehr oder minder ohne Trainer und ohne große Förderung nach oben gekommen, wir haben uns den Aufstieg mühselig selbst erarbeitet. Von uns hat keiner einen Gedanken daran verschwendet, irgendwann mal in der Regionalliga zu spielen. Wenn einem das Leben hin und wieder so eine Chance bietet, darf man die nicht liegenlassen. Wir werden – auch mit Blick auf unsere berufliche und familiäre Situation – nicht mehr oft in eine solche Verlegenheit kommen. Im Übrigen hatten wir die letzten Jahre dermaßen viel Pech, wurden einige Male auf den letzten Metern um die Meisterschaft beraubt. Das ist jetzt das Glück des Tüchtigen.

Sie sagen, die Förderung sei die letzten Jahre nicht ideal gewesen. Was wäre denn herausgekommen, wenn alles optimal gewesen wäre?

Sasse: Ich glaube, nichts Anderes. Vielleicht wäre der eine oder andere noch etwas besser geworden, wenn durchgehend ein Trainer dagewesen wäre. Man weiß aber nicht, ob es Abgänge gegeben hätte und ob der Zusammenhalt dann ebenso groß gewesen wäre. Wir sind mit der Regionalliga jetzt an der Spitze des Amateursports. Das ist auf dieser Ebene das Höchste der Gefühle.

Wird denn bei Ihnen schon wieder normal trainiert?

Sasse: Training ist möglich, aber unter sehr strengen Richtlinien. Wir dürfen nur eine Stunde miteinander trainieren, nicht die Seiten wechseln, müssen Bälle desinfizieren, uns in festen Gruppen und zu fixen Zeiten treffen. Das alles ist nicht schön.

"Unser Verein entwickelt sich diametral anders als viele andere Klubs."
Christoph Sasse über den hohen Zulauf in Etwashausen
Bietet diese Krise für Ihren Sport auch eine Chance? Check24, einer der großen Hersteller, teilte Anfang Mai mit, dass die Verkaufszahlen für Tischtennisplatten gegenüber der Vormonate um 298 Prozent gestiegen seien. Spüren Sie diesen Boom?

Sasse: Unser Verein entwickelt sich diametral anders als viele andere Klubs. Wir wachsen massiv, haben hohen Zulauf und bieten dreimal in der Woche Jugendtraining an, um Versäumnisse, die zu unserer Zeit passiert sind, zu egalisieren. Um massentauglicher zu werden und nachhaltig etwas zu bewegen, müssen sich aber andere Dinge ändern.

Woran denken Sie da?

Sasse: Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, die Regionalliga künftig auf vier Spieler zu begrenzen. Ein zeitliches Limit bei den Spielen würde vielleicht eher helfen, den Sport populärer zu machen. Außerdem dürften die Unterschiede zwischen den Spielklassen nicht so groß sein. Zwischen erster und zweiter Liga im Tischtennis liegt eine Welt, zwischen zweiter Liga und dem Rest ein ganzes Weltall.

Wissen Sie schon, wann die neue Saison beginnt?

Sasse: Nein. Ich hoffe, dass in spätestens einem Monat gewisse Normalität einkehrt. Dumm ist nur, wenn du ohne Zuschauer spielen sollst. Für mich gibt es nichts Schlimmeres. Die Zuschauer sind für unsere Mannschaft ein ganz wesentlicher Faktor.