„Gänsehaut pur!“ Tim Wedlich schaudert es immer noch wohlig, wenn er an das WM-Endspiel im Maracana-Stadion denkt. „Als Götze das entscheidende 1:0 geschossen hat, war natürlich Ausnahmezustand. Das war einfach der Wahnsinn, was da abging. Jeder ist sich nur noch um den Hals gefallen und hat geschrien und ist rumgehüpft.“ Das Erlebnis mit der deutschen Nationalmannschaft dann nach dem Schlusspfiff den Titel zu feiern, wird für den 25-jährigen defensiven Mittelfeldspieler des Landesligisten FT Schweinfurt ein Erlebnis für die Ewigkeit bleiben. „Das letzte Mal, als wir den Pokal geholt haben, habe ich noch in die Windeln gemacht“, grinst er. Der Rest geht dann in einem Meer von Caipirinha an der Copacabana unter. „Wir haben einige ältere deutsche Fans getroffen, die schon bei einigen Welt-WM und Europameisterschaften dabei waren, und sie haben uns gesagt, dass das auch für sie bisher das größte war: Weltmeister in Brasilien, im Maracana.“

Klettern statt Seilbahnfahren

Dass der Lehramtsstudent aus Schonungen, seine beiden Schweinfurter Kumpels Quirin Deutz und Andreas Fuß sowie sein Vater Stefan überhaupt beim Endspiel dabei waren, war irgendwie ein Geschenk des Himmels. Denn eigentlich sollte es nur eine Urlaubsreise mit ein bisschen WM-Garnierung werden. „Wir hatten zu Hause noch Karten für das Achtelfinale in Brasilia und das Halbfinale in Belo Horizonte ergattert.“ So sahen die vier Schweinfurter also erst mal das 2:0 von Frankreich gegen Nigeria. „Nicht das Top-Spiel, aber ab da hatte uns die WM fest im Griff. Jetzt war uns klar, dass wir in Rio unbedingt das Viertelfinale sehen wollten.“ Also 21 Stunden mit dem Bus von Brasilia nach Rio de Janeiro. Zum Glück war Tims Onkel vor 13 Jahren an die Copacabana ausgewandert. „Da konnten wir umsonst wohnen. Sonst hätten wir uns das nicht leisten können, die Kosten für Hotel und Leben sind vor der WM explodiert.“ Und die Unterfranken hatten die Chance, direkt mit den Brasilianern in Kontakt zu kommen und an Plätze zu kommen, die normalen Touristen vorenthalten bleiben. „Zum Beispiel sind wir den Zuckerhut hoch geklettert und nicht wie alle anderen mit der Seilbahn hoch gefahren.“

Doch das war noch nichts, verglichen mit der Herausforderung, Karten fürs Viertelfinale der Deutschen gegen Frankreich zu bekommen. „Kartenwahnsinn“, nennt Wedlich das. „WM-Tickets waren in Brasilien quasi offizielles Zahlungsmittel.“ Irgendwie muss der Fußball-Gott die Hand nicht nur über das deutsche Team, sondern auch über die Schweinfurter Fans gehalten haben. „Drei Stunden vor Spielbeginn haben wir noch Tickets bekommen – von Karim Benzema persönlich.“ Die Jungs hatten zufällig ein in Rio lebendes französisches Model kennen gelernt, die mit dem französischen Nationalstürmer befreundet ist und von ihm Karten gekommen hatte, diese aber nicht nutzen konnte. „Wir sind sogar noch im Spielerhotel vorbei, haben die Tickets abgeholt.“ Also saßen die Jungs in der ersten Halbzeit mitten unter den französischen Spielerfrauen. „Nach der Pause haben wir uns dann aber in den deutschen Fanblock geschmuggelt.“

Weiter ging also die Reise zum Halbfinale nach Belo Horizonte. Dort konnten die vier wieder bei der diesmal angeheirateten brasilianischen Verwandtschaft wohnen. „Das Halbfinale war ein Traum. Nach dem 7:1 haben wir uns erst gar nicht nach Hause getraut. Doch an der Tür hing schon ein Schild 'Glückwunsch, liebe Freunde, Ihr verdient es.' Die Familie ist sogar extra noch mal aufgestanden und hat mit uns gefeiert. Die Mutter hat sogar mit uns gebetet.“ Die Brasilianer seien unheimlich faire Verlierer gewesen. „Sie haben dann nur gesagt, 'lasst Argentinien bloß nicht gewinnen.' Diese Rivalität, dagegen ist Deutschland-Holland eine Kindergarten.“

Abenteuerliche Kartensuche

Natürlich war klar, dass es nun das Finale auch noch sein musste. „Doch dass wir als Lehramts-Studenten aus finanziellen Gründen nicht auf normalem Weg ins Stadion kommen, war uns klar.“ Um die 4000 Euro seien die Tickets gehandelt worden, berichtet Wedlich. Wie genau, sie dann an Karten kamen, darüber schweigt der 25-Jährige sich aus. „Es war abenteuerlich. Man kann es zusammen fassend so sagen: Sehr viel Aufwand, eine gewisse Portion Risikobereitschaft, ein paar Runden gutes Pokern aber vor allem Glück und zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Das Spiel selbst sein dann „ein richtiger Endspielkrimi gewesen. Wenn die Argentinier noch losgelegt haben, war es ein ohrenbetäubender Lärm. Es war einfach geil, da dabei gewesen zu sein, so was machst du vielleicht nur einmal im Leben mit.“

Am Freitag flogen Wedlich und seine Reisebegleiter wieder nach Hause. „Natürlich möchte ich möglichst schnell wieder bei der FTS kicken, ich muss halt sehen, dass ich schnell wieder fit werde, ich habe ja die ganze Vorbereitung verpasst.“ Für sein eigenes Spiel bei den Turnern will sich der Fan des FC Bayern und von Mainz 05 (weil sein Cousin Johannes Geis dort spielt) den Kampfgeist von Bastian Schweinsteiger rausziehen. „Unglaublich, wie der gerannt ist und um jeden Ball gekämpft hat. Die Argentinier haben ihn zusammen getreten, aber er ist immer wieder aufgestanden. Einfach nur Respekt für diesen Typen.“