Dienstagnacht ist beim Fußball-Landesligisten Bayern Kitzingen der Trainer Wolfgang Schneider (53) zurückgetreten. Von der Vereinsspitze gab es zu dem Vorgang keine offizielle Meinung, obwohl der Vorstand ziemlich unverhohlen attackiert worden war. Schneider vermisste zum Schluss den Rückhalt und zog die Konsequenzen. Mit ihm ging der erst sechs Monate zuvor ins Amt gekommene Teammanager Jan Hinrichs. Donnerstagnachmittag äußert sich Vorsitzender Hans Schardt zu unseren Fragen. Aber dem Reporter geht es am Ende dieses Gesprächs wie Goethes Faust: Da steht er nun, der arme Tor, und ist so klug als wie zuvor.

Frage: In seiner Rücktrittserklärung als Trainer sprach Wolfgang Schneider von unterschiedlichen Ansichten mit Teilen der Vereinsspitze über die Führung einer Landesliga-Mannschaft. Was meinte er denn damit?

Hans Schardt: Der Erfolg war nicht da – und wir hatten keine Zeit, miteinander zu reden.

Aber um zu unterschiedlichen Ansichten zu gelangen, muss man doch miteinander geredet haben.

Schardt: Es haben Gespräche stattgefunden, ja.

Und worin bestanden die unterschiedlichen Ansichten?

Schardt: Wünsche des Ausschusses in puncto Auswechslungen und so etwas. Da gab es vielleicht Auffassungsunterschiede.

In puncto Auswechslungen? Ist es denn Sache eines Ausschusses, dem Trainer in Kernkompetenzen wie die Aufstellung zu reden?

Schardt: Was heißt Ausschuss? Der Vorstand, dazu gehören fünf Mitglieder . . .

. . ., die ihre Berufung darin sahen, dem Trainer vorzugeben, wie er auswechseln soll?

Schardt: . . . nicht vorzugeben, sondern Ratschläge zu geben. Wir dürfen doch als Vorstand zumindest einmal äußern, was nicht passt. Wir haben ja auch Verantwortung unseren Sponsoren und den anderen Mitgliedern gegenüber.

Aber ein Trainer tritt doch nicht deshalb zurück, weil er mal Ratschläge bei einer Auswechslung erhalten hat. Da geht es doch in der Regel um deutlich elementarere Dinge.

Schardt: Was heißt elementar? Wir haben versucht, aus der Situation das Beste zu machen. Ich bedaure, dass es so gekommen ist. Ich hatte zu Wolfgang Schneider ein gutes Verhältnis. Aber es hat eben nicht mehr funktioniert.

„Wer die sportliche Situation analysiert, und die Verantwortlichen kennen diese Fakten, müsste zu Mannschaft und Trainer halten.“ Das sind Wolfgang Schneiders Worte. Heißt das nicht umgekehrt, der Vorstand hielt nicht mehr zu Trainer und Team?

Schardt: Ach was, das stimmt überhaupt nicht. Wir im Vorstand haben immer zu der Mannschaft gehalten. Dass sie Pech hatte, dafür kann sie ja nichts.

Hat der Vorstand zu lange die Augen vor der Realität verschlossen und von Trainer und Mannschaft einfach zu viel erwartet?

Schardt: Uns haben vor der Saison Spieler verlassen, und wir haben versucht, die Lücken zu schließen. Aber das war nicht erfolgreich. Wolfgang Schneider meinte immer, es müsste reichen.

Es gibt den Vorwurf, dem Vorstand fehle es an fußballerischer Kompetenz. Trifft Sie das?

Schardt: Ach, wissen Sie, es gibt im-mer Kritiker, die meinen, der oder der könne es nicht. Aber ich glaube, dass wir hier im Team die Kompetenz mitbringen.

Sie glauben also, die Kompetenz reicht, um sich in die Aufstellung des Trainers zu mischen?

Schardt: Wir haben uns da neutral verhalten.

Vorhin sagten Sie doch noch etwas ganz anderes.

Schardt: Es geht hier nicht um den Trainer. Er hat seine Aufgabe sauber erledigt.

Worin bestehen denn dann die Differenzen? An irgendetwas muss es ja gelegen haben.

Schardt: Der Trainer hat zusammen mit Jan Hinrichs die Teamarbeit erledigt – und da waren vielleicht Differenzen.

Wie? Zwischen Jan Hinrichs und Wolfgang Schneider?

Schardt: Zwischen Vereinsführung und Herrn Hinrichs.

Also hat Jan Hinrichs die Erwartungen, die der Vorstand in ihn gesetzt hat, nicht erfüllt.

Schardt: Das können Sie so interpretieren.

Aber was hat das denn mit dem Rücktritt des Trainers zu tun? Dann hätte es doch gereicht, sich von Jan Hinrichs zu trennen, oder?

Schardt: Richtig. Ich hatte ja auch kein Problem mit Wolfgang Schneider. Ich schätze ihn in seiner ganzen Kompetenz. Er ist ja ein Bayern-Gewächs.

Um so mehr verwundern die deutlichen Worte Wolfgang Schneiders: etwa, dass die Differenzen zwischen Klubführung und Trainer die sportliche Entwicklung der Mannschaft „unmöglich“ gemacht hätten.

Schardt: Kann ich nicht sagen. Ich weiß auch nicht, ob das seine Worte sind.

Doch, doch, das sind schon seine Worte. Wo sehen Sie denn selbst die Perspektive der Mannschaft?

Schardt: Wenn wir jetzt neu die Ärmel hochkrempeln, haben wir auf jeden Fall eine Chance, in der Klasse zu bleiben. Wir müssen bis zum Winter schauen, dass wir von da unten rauskommen.

Aber die Probleme lösen sich doch nicht einfach auf – bloß weil der Trainer jetzt weg ist.

Schardt: Wir werden uns jetzt nach einem geeigneten Nachfolger umsehen und dann gemeinsam die Ärmel hochkrempeln, so wie wir es versprochen haben.

Der Trainer-Rücktritt ist ja nur eine von vielen Facetten in der jüngeren Vergangenheit. Eine andere sind die Vorstandswahlen im Frühjahr, als Robert Brandl und Gerhard Sauer nicht mehr gewählt wurden.

Schardt: Ich weiß nicht, was Sie da interpretieren: „nicht mehr gewählt wurden“.

Gut, sagen wir, nicht mehr angetreten sind.

Schardt: Ich weiß nicht, wer solche Märchen in die Welt setzt. Der Herr Brandl ist über siebzig und hat gesagt, er könne das nicht mehr. Er betreut aber nach wie vor unsere Sponsoren. Und Gerhard Sauer ist aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Dafür sind auf diesen beiden Positionen jetzt Thomas Schmid und Volker Steege.

Aber wollen Sie bestreiten, dass es Differenzen gab?

Schardt: Wer sagt denn das? Es gab keine Differenzen. Wo haben Sie das nur alles her?

Es gab in jüngster Zeit also keine Differenzen innerhalb der Führung des Vereins.

Schardt: Nein, wir hatten keinerlei Streit untereinander und auch keine Differenzen.

Aber Sie bestreiten nicht, dass der Verein gerade in einer tiefen sportlichen Krise steckt.

Schardt: Was die erste Mannschaft angeht, haben wir ein Problem – und zwar, dass wir vom letzten Tabellenplatz in der Landesliga wegkommen müssen. Aber sonst – haben wir kein Problem.

Sehen Sie denn einen Ausweg aus dieser Krise? Wir können ihn derzeit nicht erkennen.

Schardt: Ich weiß nicht, wo Sie eine Krise sehen. Wir haben fast zwanzig Mannschaften im Spielbetrieb – und bei allen anderen läuft es derzeit gut. Ich verstehe nicht, wo da eine Krise sein soll.

Es gibt doch nicht nur Schwierigkeiten in sportlicher, sondern auch in finanzieller Hinsicht.

Schardt: Wer sagt so etwas? Wissen Sie, wenn Sie solche Dinge über den Verein verbreiten, werde ich dagegen vorgehen . . .

. . . deswegen reden wir ja gerade miteinander . . .

Schardt: Lassen Sie mich bitte ausreden.

Entschuldigung!

Schardt: In den letzten fünf Jahren haben Robert Brandl, Gerhard Sauer und ich hier einen Schuldenberg von über 50 000 Euro abgebaut. Der Verein ist derzeit schuldenfrei. Ich weiß nicht, wo da noch eine Krise ist. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt, müssen sparen – und wir werfen das Geld nicht mit offenen Händen raus. Im Gegenteil. Es hieß immer, Bayern Kitzingen würde Spieler kaufen. Ich glaube, da müssen wir anderswohin schauen. Wir versuchen, sparsam zu sein und mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben – nicht mehr und nicht weniger. Von einer Krise weiß ich nichts. In der Ukraine haben wir eine Krise.

Die Rede war ja auch von einer sportlichen Krise . . .

Schardt: . . . erste Mannschaft! Von zwanzig Mannschaften. Die Frauenmannschaft hat sich wieder super gemacht, die zweite Mannschaft ist in der Kreisliga auf einem einstelligen Tabellenplatz. Die erste Mannschaft hat ein Problem – das verkennen wir nicht.

Die erste Mannschaft ist das Aushängeschild des Klubs.

Schardt: Sie ist ein Aushängeschild, richtig. Und da hat Wolfgang Schneider jetzt leider die Reißleine gezogen. Mir tut das leid. Ich kenne ihn seit 25 Jahren. Aber es war eben keine Basis mehr da.

Dass es unterschiedliche Ansichten zwischen Trainer und Vereinsspitze gibt, ist ein Stück weit normal. Aber diese Spannungen müssen insofern eskaliert sein, als dass . . .

Schardt: . . . meine Aufgabe als Vorsitzender ist auch, andere zu schützen, wenn auf dem Sportplatz Leute reinschreien „Raus“ und ungehalten sind.

Aber das ist doch auf jedem Sportplatz so. Die Leute haben bezahlt, also lassen Sie sie schreien. Wenn Sie auf jeden Zuruf von draußen reagieren, haben Sie viel zu tun.

Schardt: Wolfgang Schneider hat ja auch von sich aus aufgegeben, nicht weil wir gesagt haben: Du kannst in Urlaub.

Das hat doch auch keiner behauptet. Es gab aber doch Motive, die ihn dazu veranlasst haben, seinen Posten zur Verfügung zu stellen.

Schardt: Differenzen hat es nicht gegeben.

Dann hätte er auch nicht zurücktreten müssen . . .

Schardt: . . . Herr Schneider hat von sich aus gekündigt.

Ja, eben!

Schardt: Er hatte den Erfolg nicht mehr – und wenn sich einer im Fußball ein wenig auskennt, wird er wissen, dass man auch mal Pech haben kann.

Das Miteinander von Mannschaft und Wolfgang Schneider bei den Bayern war einwandfrei. Können wir uns zumindest darauf einigen?

Schardt: Ja, natürlich. Das war einwandfrei.

Dann gab es zwischen Trainer und Vorstand doch Gräben, die unüberbrückbar waren.

Schardt: Das stimmt doch so nicht. Behaupten Sie nicht wieder solchen Unfug.

Ja, aber warum ist er denn dann zurückgetreten?

Schardt: Weil er keinen Erfolg mehr hatte.

So hat er das aber ganz und gar nicht begründet.

Schardt: Ich muss jetzt auf Termin. Tut mir leid!