Es war im Sommer 2004, als Trainer Raimo Wilde den TV Marktsteft verließ. Nach einigen Jahren in der ersten und zweiten Bundesliga mit Stationen bei Klubs wie TV Großwallstadt, Bergischer HC oder HSC Coburg folgten sieben Jahre Auszeit als Übungsleiter. Bei der TG Würzburg wirkte er zwischenzeitlich als Sportleiter. Zur neuen Runde kehrt Wilde zu seiner „alten Liebe“ zurück. Dort wird der 53-Jährige auf der Trainerbank der Männer Platz nehmen. Wilde, beruflich als Dachdecker selbstständig tätig, verriet im Gespräch, warum ihn die Rückkehr nach Marktsteft reizt, was er sich dort erwartet und wie er den aktuellen Handball beurteilt.

Frage: Sie steigen nach sieben Jahren Pause wieder als Handball-Trainer ein, allerdings einige Etagen tiefer in der Bezirksoberliga. Wie ergab sich Ihre Rückkehr zum TV Marktsteft?

Raimo Wilde: Eines Tages meldete sich Sebastian Schneider bei mir telefonisch. Ihn kenne ich gut. Ich habe Sebastian lange trainiert, er war Spielführer bei mir in der damaligen Jugendmannschaft. Er ist jetzt im Vorstand, rief mich an und fragte, ob ich mir das in Marktsteft vorstellen könne.

Das war der Grund?

Wilde: Nicht nur. Es war mir zu wenig, nur ab und zu auf Lehrgänge zu fahren, um die Trainerscheine verlängern zu lassen. Außerdem besteht noch eine besondere Verbundenheit zum TV Marktsteft. Der Günther Seitz (Anm. d. Red.: Marktstefts „Mister Handball“) sagte immer zu mir: „Wenn du mal fertig bist mit der Bundesliga, dann wirst du wieder Trainer in Marktsteft.“ Das habe ich ihm versprochen. Jetzt erreichte mich die Anfrage. Ich brauchte keine lange Bedenkzeit.

Sie waren zuletzt sechseinhalb Jahre weg vom Handball-Trainergeschäft. Eine ungewöhnlich lange Zeit für Sie ohne den Handball? Was ist das für ein Gefühl?

Wilde: Na ja, man ist ja nicht völlig weg. Ich habe Showtrainings gemacht, alle zwei Jahre muss ich die A-Lizenz verlängern. Ich bin 2011 weg aus der Bundesliga, fast sieben Jahre sind das. Zuletzt mischte ich bei der TG Würzburg mit. Das Projekt, den Verein nach vorne zu bringen, haben wir ja angekurbelt, es läuft, sie machen Jugendarbeit. Es ist nicht so, dass ich es permanent betreuen muss. So etwas braucht unheimlich viel Zeit. In Marktsteft war das auch so. Wir haben 1988 dort begonnen, es folgten 15 Jahre, in denen sich Vieles entwickelt hat, auch im Umfeld. Die Voraussetzungen sind gut und vorhanden.

Sind Sie in Würzburg noch tätig?

Wilde: Nein! Dort habe ich mich ausgeklinkt.

Vermissten Sie den Handball? Die Anspannung, wenn sie nicht mehr jede Woche in der Halle, jedes Wochenende unter Strom, stehen?

Wilde: Zunächst einmal war ich nach den acht Jahren Bundesliga kaputt. Das lag daran, dass ich immer bei Klubs arbeitete, bei denen es keine Ruhe gab. In Großwallstadt mussten wir den Europapokal erreichen, sonst wären die Sponsoren abgesprungen. Beim Bergischen HC musste ich sofort aufsteigen, sonst wäre der Geldgeber weg gewesen. In Coburg waren wir Letzter, als ich hin kam, wir durften nicht absteigen. Das schafften wir auch, aber es war permanent Stress. Es gab nie Zeit, um zu sagen, ich baue mal über Jahre etwas auf. In Coburg merkte ich, dass ich eine Pause brauchte. Aber das Kribbeln bleibt immer.

Zum Zuschauen sind Sie bestimmt ab und zu in die Halle, oder?

Wilde: Ich bin häufiger zu Bundesligaspielen gegangen, auch mal bei der Champions League. Hier in der Umgebung schaute ich ein, zweimal bei Rimpar zu, mehr nicht.

Jetzt geht es wieder regelmäßig in die Bezirksoberliga. Ein Rückschritt?

Wilde: Das ist spannend, finde ich. Ich habe mir vorher angeschaut, auf was ich mich in Marktsteft einlasse und war wirklich positiv überrascht. Sie spielen einen guten Ball, etwas unsortiert vielleicht, aber das ist eine Aufgabe, die mich reizt. Es ist etwas ganz anderes auf einem niedrigeren Level. Trotzdem finde ich es spannend, vor allem in Marktsteft.

Kennen Sie dort noch einige aktuelle Spieler?

Wilde: Die Spieler nicht, aber ihre Väter. Vielleicht ist es gut, dass mal jemand kommt, der keinen kennt. Da ist man nicht voreingenommen.

Müssen Sie selbst Ihre Erwartungen zurück schrauben, sich umstellen?

Wilde: Das mit dem Umstellen ist nicht so einfach. Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer ehrgeizig bin. Das ändert sich nicht. Man muss unterscheiden, auf welchem Level man etwas macht. Das Training in der Bezirksoberliga wird sicher anders aufgebaut als in der Bundesliga. Da werde ich mich schnell wieder rein finden.

Müssen sich die Marktstefter auf mehr und intensiveres Training einstellen?

Wilde: Wir hatten kürzlich eine Besprechung, bei der ich die Trainingspläne vorstellte. Viele meinten, dass es etwas anders wäre, als sonst.

Wäre es für Sie reizvoller gewesen, wenn Marktsteft Landesliga spielen würde?

Wilde: Ob ich es mache, oder nicht, das hing ja nicht von der Liga ab.

Sie sind 2003 vom TV Marktsteft weg gegangen. Trotzdem spüren Sie immer noch eine Verbindung dort hin?

Wilde: Ja, das liegt vor allem an Günther Seitz. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken. Ohne ihn wäre ich nicht das, was ich heute bin. Er holte mich nach Marktsteft, war mein bester Freund. Er ist auch der Pate meines vierjährigen Sohnes. Sein Tod hat uns alle tief getroffen. Das bin ich ihm auch irgendwo schuldig. Es ärgert mich, dass ich es nicht früher gemacht habe. Ich brauchte Zeit. Jetzt kribbelt es wieder, es macht wieder Spaß.

Wie sehen Sie generell die Entwicklung im Handball im Umkreis? Es gehen immer weniger junge Leute zum Handball. Macht Ihnen das Sorgen?

Wilde: Damit hat nicht nur der Handball zu kämpfen. Wir leben eben in einer so schnelllebigen Zeit, in der man sich für Mannschaftssport keine Zeit mehr nimmt. Da kommen erst einmal ganz viele private Interessen. Im Mannschaftssport hat man ja wieder Pflichten. In Marktsteft habe ich beim ersten Treffen gesagt, was ich mir erwarte, darüber sollte jeder nachdenken. Zur zweiten Sitzung kamen 22 Spieler. Man merkt, dass die Truppe eine sehr gute Eigendynamik hat. Sie kommunzieren offen und ehrlich miteinander. Die Basis ist auf jeden Fall da.

Im Kitzinger Raum blieb keine Mannschaft übrig, die sich höherklassig hielt.

Wilde: Kein Wunder. Ich sagte früher schon, dass wir ein Zentrum bilden sollten für die besten Spieler. Sonst geht irgendwann nichts mehr. 15 Jahre später ist es so. Rödelsee hat es anfangs gut gemacht, dann haben sie sich wohl etwas übernommen. Es ist schwierig, es wird auch für Rimpar schwierig, weil sich die Würzburger auf Dauer nicht mit ihnen identifizieren. Mit der Zeit fehlen ihnen die Eigengewächse.

Wann beginnt in Marktsteft das Training für die neue Runde?

Wilde: Die Spieler haben zwei Wochen nach einem individuellen Trainingsplan an den Grundlagen zu arbeiten. Ich werde es nicht kontrollieren. Spätestens beim ersten Test in einigen Tagen werde ich es sehen.

Haben Sie sich im Vorfeld informiert, wie es im Vorjahr in der Landesliga lief?

Wilde: Nein. Ich bin nur zum letzten Spiel nach Münchberg gefahren, um ihnen meine Entscheidung mitzuteilen. Ich war total positiv überrascht. Da hat mein Vorgänger Vilo Vitkovic gute Arbeit geleistet.

Erleben wir die alten Marktstefter Zeiten wieder, als die Halle rappelvoll bei den Spielen war?

Wilde: Ich hoffe es! Zumindest werden einige Ältere in die Halle kommen, um mich wieder zu sehen.

Welches Ziel setzen sich Sie und der Verein für die kommende Runde?

Wilde: Wir haben klar gesagt, dass wir uns nach dem Abstieg erst einmal neu finden müssen. Die meisten waren etwas enttäuscht. Ziel des Vereins ist, dass wir die fünf, sechs jungen Spieler mit in die Mannschaft einbauen. Sie sollen A-Jugend spielen und je nach Bedarf Spielpraxis bei den Männern bekommen.