Wie viele seltsame Wandlungen hat dieser Mann hinter sich? Wie oft in seinem Leben hat er die Identität gewechselt? Er war Gottlieb Wendehals und der eine Teil der Wildecker Herzbuben, er war Clown und Indianer, er war ein Rosenkavalier und der Engel Aloisius. Häufig war er auch der Nikolaus, und wenn die Kinder später bei ihm zu Hause anriefen und er sich meldete, zuckten sie am Telefon zusammen – jedenfalls glaubte er das immer gespürt zu haben. Manche Rollen hat er schon vergessen, es waren einfach zu viele. Mit den Kostümen, die auf seinem Dachboden lagern, ließe sich zu Fasching eine ganze Hundertschaft ausstatten. Nie aber hat er sich wohler gefühlt in seiner Haut als im azurfarbenen Hemd seines Heimatklubs. Es war die Rolle seines Lebens, sie war ihm auf den Leib geschneidert, er musste sich nicht einmal verstellen.

Als Hannes Müller neulich im blauen Trainingsanzug auf dem Weg ins Dorf war, stand am Eingang zum Friedhof eine Schar Kinder. Er hörte, wie zwei von ihnen flüsterten: „Das ist der Mann vom Sportplatz!“ Da war er stolz und ergriffen. In der Rolle des „Sportsmanns“ kennt man Müller in Sulzfeld immer noch am besten. Als solcher wird er in Erinnerung bleiben: den Alten sowieso – mit ihnen spielte er gemeinsam Fußball –, aber auch den Jungen, die noch nicht einmal geboren waren, als er auf seinen Posten kam.

Er ist ihr Vorsitzender, so wie Helmut Kohl nach sechzehn Jahren im Amt ihr Kanzler war. Sie kannten keinen anderen, und viele glaubten damals schon, der Mann sei das Amt. So ist das auch bei Hannes Müller. Seit 1989 führt er den TSV Sulzfeld als Vorsitzender, aber er dient dem Verein schon weitaus länger. Er durchlief seit 1965 die klassische Funktionärslaufbahn, war Presse- und Vergnügungswart, Kassenrevisor, Schriftführer, Jugendleiter oder stellvertretender Vorsitzender.

Entschluss der Vernunft

Jetzt ist er 68 und irgendwie leer. Vergangenen Freitag, auf der Jahresversammlung des Klubs, hat er seinen Platz an der Spitze geräumt. Der Mann, der zeit seines Lebens aus der Emotionalität heraus handelte, hat einen Entschluss der Vernunft getroffen. „Irgendwann muss es sein“, sagt er. Aber man spürt in seiner Stimme, dass dieses Irgendwann ruhig noch etwas weiter in der Zukunft hätte liegen können. Er hat gebrannt für diesen Klub, der für ihn immer mehr war als die Summe seiner 510 Einzelpersonen. Ihm, als Mitglied Nummer 157, wohnte ein rastloser, kaum zähmbarer Geist inne, der nicht eher Ruhe gab, bis alles perfekt war. Auf die Dauer konnte das ganz schön ermüdend sein.

Harmonie und Gemeinsinn zu stiften war ihm mit das größte Anliegen. „Die Stimmung musste passen“, sagt Sulzfelds Bürgermeister Gerhard Schenkel, „das war ihm wichtig, und das schaffte er wie neben ihm kein Zweiter.“ Hannes Müller besitzt die Gabe, eine Gesellschaft im Handumdrehen für sich zu gewinnen. Manchmal genügen schon einige Akkorde auf seinem Schifferklavier. Wenn die Leute schunkelten und sich selig in den Armen lagen, dann konnte er der glücklichste Mensch sein. Von diesen Momenten schwärmt er, bis heute. „Ich hatte immer Spaß in diesem Trubel“, sagt er. „Wenn du alles zu ernst nimmst, ist das Leben nichts.“

An guten Tagen konnte er hell strahlen wie die Sonne, und die Leute kreisten wie Planeten in seiner Umlaufbahn, rieben sich an ihm. Er versorgte sie mit Wärme und Wonne. Ging er voran, folgte ihm die Pilgerschar. Als vor mehr als drei Jahrzehnten der erste Faschingszug durch Sulzfeld wallte, hatte Hannes Müller sich das Akkordeon umgeschnallt. Schallend zog er durch die engen Gassen, im Schlepptau eine fröhliche Kinderschar. Sein Frohsinn konnte mitreißend sein. Wo er war, war die Musik – da war das pralle Leben.

Woher kam diese ausgelassene Freude, diese Geselligkeit? Hannes Müller ist sich sicher, diesen Wesenszug von seiner Mutter geerbt zu haben, einer Tschechin. „Sie war eine lustige Frau“, sagt er. Aber es gab auch eine schwere, schicksalhafte Zeit in ihrem Leben. 1947 mit dem dreijährigen Sohn aus der sudetendeutschen Heimat vertrieben, ihr Mann, ein Deutscher, in den Wirren des Krieges verschollen. Das Rote Kreuz macht ihn ausfindig – in Kitzingen, gefangen gehalten von den Amerikanern. Dort findet er später Arbeit als Schneider.

In Sulzfeld bezieht die wiedervereinte Familie eine Mietswohnung. Eine kleine Idylle, ein neues Glück, wie es scheint. Drei Monate später der Schock: Der Vater ertrinkt im Main bei Kitzingen, ein Badeunfall. Später heißt es, ein Bombentrichter am Flussgrund habe den Sog ausgelöst. Tragik umweht die Familie wie Parfum.

Im Café Schmitt ging alles los

Mutter und Sohn müssen sich von nun an selbst helfen. Das Leben als alleinerziehende Flüchtlingsfrau in einem konservativen fränkischen Bauerndorf ist nicht leicht. Aber zurück in die alte Heimat, wo die Deutschen als Dämonen gegeißelt werden, kann (und will) sie nicht. Sie will am Grab ihres verstorbenen Mannes bleiben und arrangiert sich mit der Situation im Dorf. Für Sohn Hannes wird der örtliche Turn- und Sportverein in den Jahren danach mehr und mehr zur Ersatzfamilie. Er geht zum Fußball, findet seine Rolle als linker Verteidiger, kein Großer seiner Zunft, aber darauf kommt es nicht an.

Worauf es ankommt, kann man im Café Schmitt in der Pointgasse erleben, einem Hort der Geselligkeit und für die Jugend ein zweites Zuhause. „Da fühlten wir uns wohl, dort ging alles los“, sagt Hannes Müller über die wilde Sturm-und-Drang-Zeit. Er macht eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann, arbeitet erst in Kitzingen, später in Würzburg – und beginnt parallel die Laufbahn im Verein. „Ich war ja immer am Ort“, sagt er.

Heute gehen die Jungen fürs Studium nach Frankfurt und zum Arbeiten nach München. „Sie sind nicht mehr so ortsgebunden“, sagt Hannes Müller – und er blickt mit Sorge auf diese Entwicklung. Denn wer seinen Lebensmittelpunkt ein paar hundert Kilometer von Sulzfeld entfernt hat, ist für den Verein so gut wie verloren. Der bleibt allenfalls als passives Mitglied erhalten, das jährlich seinen Beitrag entrichtet und sich zu passender Gelegenheit seine Ehrenurkunde für langjährige Treue abholt. Dabei sind die Vereine heutzutage mehr denn je auf Leute angewiesen, die aktiv für sie einstehen.

Wie eine Löwenmutter gewacht

Hannes Müller wachte über den Verein wie eine Löwenmutter über ihre Jungen. Griff ihn einer an oder wollte ihm jemand Arges, fuhr er die Krallen aus. Von der Leidenschaft gepackt, stürmte er schon mal in die Redaktion, wutschnaubend, wild wedelnd mit dem Artikel, in dem er den Verein diffamiert sah. Man musste ihn reden lassen, um ihn herunterzukühlen, wie einen brodelnden Reaktor, der zu überhitzen droht. Manchmal war nicht klar, ob es gelingen würde, den Druck im Inneren zu mindern. Aber wenn man nach zwei, drei Stunden auseinanderging, war der Dampf in aller Regel entwichen und der Super-Gau gebannt. Traf man Hannes Müller wenig später wieder, war der Ärger verraucht. Nachtragend war er nie.

Sein Temperament und seine Leidenschaft konnten verzehrend sein, wie bei vielen Menschen, die sich einer Sache mit Haut und Haaren verschreiben; die berauscht sind von den eigenen Gefühlen und vom eigenen Pathos; die Erfolge als Triumphe und Niederlagen als Katastrophen erleben. Dieser Vorsitzende litt deutlich öfters unter Stimmungsschwankungen als andere seiner Kollegen. Enttäuschungen nahm er sich mehr zu Herzen, das kostete Kraft. Besser einmal über den Dingen zu stehen, kühle Rationalität walten zu lassen – das konnte er nur bedingt.

Den Mitgliedern war bewusst, dass sie da keinen präsidialen Vorsitzenden wählten. Hannes Müller gab sich alle Mühe, ein guter Diplomat zu sein, aber wenn es darauf ankam, gingen doch die Gäule mit ihm durch. Er war nicht eitel, nie ging es ihm um sich selbst. Es ging ihm um den Fußball, um den Verein, um die Menschen, die Spieler, den Nachwuchs – es ging ihm immer um die anderen.

Dass der ehemalige Trainer der ersten Fußballmannschaft, Jürgen Walter, ihm und dem Verein vorhielt, zum Abschied nur einen leeren Bocksbeutel erhalten zu haben, traf Hannes Müller hart. Die Geschichte ist lange her, beruhte ohnehin auf einem Missverständnis, aber sie hat Kultstatus erreicht. Walter gilt in Sulzfeld als Ikone genau wie Matthias Schneider – mit den beiden verbindet sich sportlich die erfolgreichste Zeit des TSV, eine Zeit, von der Hannes Müller noch immer mit leuchtenden Augen spricht.

1999 zog der Verein in die Landesliga ein, das kleine Sulzfeld auf Augenhöhe mit geschrumpften Fußballgrößen wie dem Würzburger FV und der SpVgg Bayreuth. Die Mannschaft trat in Arenen auf wie der in Weismain, mit Platz für 17 000 Besucher und einer Tribüne aus Naturstein. „Dass man sich als TSV Sulzfeld dort aufhalten durfte – nicht weil man zahlte, sondern weil man sportlich dazugehörte –, das hatte etwas“, sagt Hannes Müller.

Keine Abenteuer und Risiken

Weismain steht heute für diverse Auswüchse und den Größenwahn im Amateurfußball. Der Klub, dessen Mäzen, ein Baulöwe, zu Höherem neigte, ging 2004 in die Insolvenz und wurde liquidiert. In Sulzfeld plagten Hannes Müller schon wegen weitaus geringerer Summen „schlaflose Nächte“. Der Verein spielt inzwischen zwei Klassen tiefer, in der Bezirksliga, und Hannes Müller sagt: „Die Zeit in der Landesliga war schön, aber es ging mir mehr um die Kameradschaft. Da war die Spielklasse zweitrangig.“

Nicht jeder im Verein mag diese Einstellung teilen. Für Hannes Müller war sie immer ein Leitsatz seiner Politik. Er liebt den Fußball, ist fasziniert vom unberechenbaren Flug der Lederkugel, aber ein Hasardeur ist er nicht. Mit seiner Bodenständigkeit hat er den Verein vor unkalkulierbaren Abenteuern und Risiken bewahrt.

Nun ist die Zeit des Abschieds gekommen. Sein Nachfolger Hartwig Zobel wird in ein solides, wohlbestelltes Haus ziehen, so wie er selbst 1989 die Schlüssel von Adolf Schenkel, seinem Schwager und „Vorbild“ im Amt, übernommen hat. Hannes Müller wird – auch ohne Amt – dem TSV im Herzen verbunden bleiben. „Ich werde mich aufregen, mich freuen, einfach dabei sein. Ich bin ja nicht aus der Welt“, sagt er. Er und seine Frau Reinhilde werden sich weiterhin engagieren, Theken- und Küchendienste im Sportheim schieben. Aber die Freizeit des Rentners wird nicht mehr wie bisher zu siebzig Prozent für den TSV Sulzfeld draufgehen.

Er wird sich um die Enkel kümmern, siebzehn Jahre und ein halbes Jahr alt, wird Eigenheim und Garten pflegen und Samstagnachmittag vereinzelt Ausflüge in den Steigerwald unternehmen: auf seiner Harley. Den Führerschein dazu hat er sich selbst geschenkt, zum sechzigsten Geburtstag. In der Fahrschule saß er neben lauter Teenagern. „Für die war ich der Opa“, sagt er.

Bürgermeister zieht den Hut

So ähnlich kam sich Hannes Müller zuletzt auch in seinem Amt als Vorsitzender vor. Die Weggefährten von früher – abgetreten, manche verstorben. Ohne die alte Clique wurde es im Vorstand zunehmend einsam um ihn. Mancher ist da gewesen am vergangenen Freitag, hat ihm Blumen gebracht, ihm Girlanden geflochten und ihm Respekt und Achtung bezeugt, wie Gerhard Schenkel, der Bürgermeister: „Vor so einer Lebensleistung ziehe ich den Hut.“ Und Hannes Müller ist noch einmal sentimental geworden in einer Rolle, für die er eine Idealbesetzung war und für die es trotzdem keinen Oscar gibt.