"Servus Rudi, wie geht´s?" - Handschlag - es herrscht eine lockere und legere Atmosphäre, wenn sich im Sommer jeden Mittwochabend Sportbegeisterte im Sickergrundstadion treffen, um bei Rudolf Kerkel und seinen Prüfern zu trainieren und die Leistungen für das Sportabzeichen abzulegen. Wer zusammengekniffene Gesichter erwartet, ist hier fehl am Platz. Es wird gescherzt, gelacht, fast nebenbei die Übungen absolviert. Familiär geht es zu, wenn meist rund 25 Männer wie Frauen zwei Stunden miteinander sporteln.
"Auf geht´s Leute", Kerkel, seines Zeichens Boss der Sportabzeichen-Prüfer, nimmt die Seinen mit auf die Bahn zum Aufwärmen. Eine Runde laufen alle. Anschließend gibt Barbara Kolb, Kerkels rechte Hand, den Takt an. Alle dehnen, strecken und verrenken sich. Im Hopserlauf geht es locker über die Bahn, auf dem benachbarten Rasen spielt die U11-Siedler-Jugend gegen Mainstockheim. Während auf dem angrenzenden Fußballplatz der Gäste-Trainer sich die Lunge aus dem Leib brüllt, herrscht bei den Sportabzeichlern Ruhe und Gemütlichkeit.
Augenfällig ist aber, dass es nur Sportler der etwas reiferen Generation sind, die im Sickergrund ihre Runden drehen, was sich auch in der Statistik ablesen lässt. Während die Zahlen bei den Erwachsenen ziemlich konstant sind (rund 180 Sportabzeichen), hat sich die Anzahl der in den letzten vier Jahren abgelegten Deutschen Jugendsportabzeichen beim Kitzinger Sportverband für Leibesübungen um rund 40 Prozent auf 25 reduziert. "Die Schulen beteiligen sich nicht mehr so wie in den früheren Jahren", weiß Kerkel. Es sei einfach eine andere Generation an Lehrern als in der Vergangenheit. Außerdem sei der Verwaltungsaufwand für die Schulen durch die neuen Vorschriften des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) enorm gestiegen, so der Prüfer. Der Rückgang an den Schulen sei schon gravierend.
Gemeinsam besprechen Kerkel - er betont, dass er nur ein Teil des Teams sei und im Hintergrund wirke - seine Prüfer und die Athleten, wer welche Übung trainieren und absolvieren will. Kurzstrecke, Langstrecke, Weit- und Hochsprung, Kugelstoßen und Schleuderball - all das steht im Sickergrund zur Auswahl. Das ist nur ein Teil, denn geschwommen und geradelt wird auch noch - aber sonntags.
Während sich bei den benachbarten Kickern plötzlich nach einer umstrittenen Szene ein Rudel bildet, geschieht das bei den Sportabzeichlern regelmäßig nach dem Lauf. Werner Beuschel, Manfred Klügl, Dieter Rasp und ihre Kollegen versammeln sich mit der Stoppuhr in der Hand um Barbara Kolb, die rittlings auf einer Bierbank sitzt. Mit dabei auch die Läufer, die ihre Zeiten wissen wollen. Zahlen schwirren durch die Luft, werden ausgetauscht und letztlich von Kolb notiert.
Wie auf dem Markt geht es auch beim Weitsprung zu: 1,97 - reicht das? - ja, es reicht. Aus dem Stand, ohne Anlauf, kann hier die Übung absolviert werden. Es geht aber auch anders: "Achtung, jetzt kommt eine Rakete", ruft Ralf Fischer. Mit einem Riesensatz springt er in die Grube, gemessen wird meist mit flapsigen Worten, es hat gepasst.
Zwischen Ende 30 und und weit über 70 Jahre erstreckt sich das Alter der Teilnehmer. Und wenn er schon nicht die Jugend zum Sportabzeichen bringen kann, will Rudolf Kerkel die Sportler anwerben, die mitten im Leben stehen. "Nach Schule, Ausbildung und Familie kommen die Leute wieder darauf, dass sie wieder etwas machen müssten. Da bietet sich das Sportabzeichen für die Breitensportler einfach perfekt an."
Immer wieder würden aus dieser Generation Akteure neu dazustoßen, sonst würde ja die Gruppe über kurz oder lang aussterben. In Kerkels Gruppe gehe es familiär und ohne Leistungsdruck zu: "Bei uns gibt es kein Konkurrenzdenken. Wir wollen die Idee des Sportabzeichens auf eine möglichst breite Basis stellen." Auch von anderen Gemeinden und Vereinen kämen gerne Sportler nach Kitzingen, um ihre Übungen abzulegen.
Gemütlich traben die Akteure zur nächsten Station - Hochsprung ist angesagt. Daneben übt Christine Henneberger mit ihren Jugendlichen von der TG Kitzingen für die Bayerischen Meisterschaften. "Früher haben bei uns die TGK-ler auch das Sportabzeichen abgelegt, aber irgendwie ist das eingeschlafen", sagt Kerkel. Und Christine Henneberger fügt hinzu: "Früher kamen die Prüfer freitags zu den Kleinen, den Schülern, ins Training. Das gab aber meist eine große Unruhe, wir sind zu nichts gekommen." Sie überlegt aber bereits, ob sie die Schüler wieder am Mittwoch in den Sickergrund schickt.
Vorerst aber bleiben die etwas reiferen Akteure auch beim Hochsprung unter sich, allerdings angefeuert von einigen Kids: "Hoch, hopp, hopp", jubeln sie, als Irmhilde Knorr-Wagenpfahl Anlauf nimmt, aber es im ersten Durchgang nicht schafft. Sie nimmt es gelassen und lacht. Gelassenheit zeichnet alle aus, die im Sickergrund üben, sowohl die Prüfer als auch die Absolventen, die aber auch schon mal ihre Rollen tauschen. Denn auch die Prüfer machen regelmäßig ihr Sportabzeichen.
Ballweitwurf, Kugelstoßen und 1000- und 3000-Meter-Lauf. Da legt selbst Rudolf Kerkel die Uhr mal aus der Hand und läuft die 3000 Meter, während Barbara Kolb mit der Stoppuhr die Runden zählt. Bis zur Abenddämmerung sollten aber alle wieder im Ziel sein, scherzt Kerkel.
Und dieses Ziel heißt nicht unbedingt, mit aller Gewalt zu siegen, sondern in einer sportlichen und familiären Gemeinschaft ohne jegliches Konkurrenzdenken Freude am Sport haben.
Leichtathletik-Termine im Kitzinger Sickergrund, jeweils mittwochs, von 18-20 Uhr: 4. Juli, 11. Juli, 18. Juli, 25. Juli, 1. August, 5. September, 12. September, 19. September, 26. September.
Schwimm-Termine im Aqua-Sole-Hallenbad, jeweils sonntags, 7.30 Uhr: 1. Juli; der 15. Juli entfällt; 2. September, 16. September, 23. September (Ersatztermin für 15. Juli).
Radfahr-Termine, Schwimmbad-Parkplatz, jeweils sonntags, 8 Uhr: 29. Juli, 26. August, 30. September.
Das Prüferteam: Werner Beuschel, Birgit Caspari, Eugen Gerhard, Rudolf Kerkel, Klaus Kirschbaum, Harald Klein, Manfred Klügl, Barbara Kolb, Peter Neuweg, Helmut Ott, Dieter Rasp, Georg Treutlein.