Etwa so mussten sich die Gallier fühlen, kurz bevor ihnen der Himmel auf den Kopf fiel. Blitze durchzuckten die Nacht, Donner erschütterten die Atmosphäre, und die 22 Irdischen, die in dieser gespenstischen Szenerie einem Ball hinterherhetzten, wurden zudem von heftigen Wassermassen attackiert. Dem regionalen Fernsehsender ist es zu verdanken, dass das unwirkliche Treiben für die Nachwelt festgehalten wurde. Das Video mit den besten Sequenzen des Landesliga-Spiels der FT Schweinfurt gegen TSV Sulzfeld hat Eduard Wellmann sich für sein Kuriositätenkabinett bewahrt. Hin und wieder schiebt er die verstaubte Kassette in den Rekorder. „Das verfolgt mich bis heute“, sagt er.

Sein Auftritt an diesem Abend wirkte unfreiwillig komisch, die ganze Handlung trug Züge des absurden Theaters. Sechs Treffer kassierte Wellmann als Torwart der FT Schweinfurt, genau wie sein Sulzfelder Gegenüber Mario Spendel. Es sah ein wenig wie Slapstick aus, als der von Spendel mit Wucht geschlagene Ball noch einmal am Boden aufsprang und dann über Wellmann hinweg ins Netz flog. „Das hat mich maßlos geärgert“, sagt Wellmann, der er es bloß ein Jahr bei der FTS hielt.

Heute, im Trikot der FSG Wiesentheid, erheitern ihn die schillernden Vorgänge rund um das von himmlischen Mächten umzürnte Schauspiel vom 11. April 2008 – und dieser veränderte Blickwinkel belegt auch den Wandel, den der Torhüter Wellmann in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Wenn der Jurastudent, der demnächst sein erstes Staatsexamen ablegen wird, für sich selbst plädiert, gibt er gerne zu, dass er nicht immer so locker über den Dingen stand – dass er häufig verkrampfte, sobald er seinen Platz zwischen den Pfosten einnahm.

Er hatte Ehrgeiz und exzellente Anlagen, er wollte seine Sache so gut machen wie nur möglich, aber er setzte sich zu sehr unter Druck. „Ich dachte an Situationen, die im Spiel zuvor abgelaufen waren“, sagt er. Das kostete ihn die Aufmerksamkeit für das, was sich im Moment abspielte. Zwischen prächtigen Paraden unterliefen ihm Fehler, die ihn für einen Stammplatz im Tor der Wiesentheider disqualifizierten. „Ich nahm das hin“, erzählt er heute entspannt, „es hatte ja seine Gründe.“

Wellmann musste kämpfen – eine Erfahrung, die neu war für ihn. Ihm, dem Wunderknaben, gelang einmal etwas nicht gleich auf Anhieb. In der Schule musste er sich den Stoff bloß anschauen, schon beherrschte er ihn. Beim Fußball war er in der Jugend gesetzt. Er musste sich nie groß quälen, um ans Ziel zu gelangen, vieles wirkte so leicht. Nun stand er vor einer Hürde, die nicht en passant zu überwinden war. Einige Male war er auf dem Sprung zur Nummer 1 – aber irgendwie spielte er immer auf Bewährung, im Zweifel setzten seine Trainer doch wieder auf die erfahreneren Konkurrenten. „Norbert Stenger war über 30 und hatte zehn Jahre mehr Erfahrung als ich“, sagt er. Als Stenger 2008 die Laufbahn beendet, springen Thomas Weigand, später Sebastian Solf, in die Bresche. Doch Wellmann wird um so ruhiger, je länger er auf einen Einsatz warten muss.

Nach dem Abstieg der FSG aus der Bezirksoberliga bekommt er im Sommer seine Chance, „nichts Weltbewegendes“, wie er in einer Ruhe sagt, die ihn zunehmend auch auf dem Rasen auszeichnet. Wellmann den Stammplatz im Tor anzutragen sieht Trainer Wolfgang Oddoy als Folge einer Entwicklung bei dem 27-Jährigen. „Vergangene Rückrunde hat bei ihm ein Schalter klick gemacht“, sagte Oddoy vor der Saison. Der Torwart selbst beschreibt den Wandel so: „Man ist fokussierter, nicht mehr so mit Nebenschauplätzen beschäftigt.“

Stärker als in der vorigen Saison verdichten sich die Brennpunkte im Spiel der FSG auf wenige Szenen, in denen Wellmann als Torwart hellwach sein muss. „Ob du die Situationen dann entschärfst, ist Glückssache.“ Die eigenen Stärken hervorzukehren ist nicht Wellmanns Sache, er hat es derzeit ohnehin nicht nötig, für sich zu werben, weil echte Alternativen nicht in Sicht sind. Sein Mitstreiter Sebastian Solf kommt beruflich bedingt kaum noch zum Trainieren, und Maximilian Schanz, der Dritte im Bund, wird sich demnächst erst einmal Richtung Australien verabschieden.

Auch Wellmanns Zukunft ist ungewiss. Die Saison, in der er endlich zur Nummer 1 gereift ist, könnte für ihn schon die letzte sein in Wiesentheid. Wenn er im März sein Staatsexamen abgelegt hat, beginnt die berufliche Qualifizierung. Noch ist nicht sicher, welche Richtung er einschlagen wird. Vielleicht reicht die Zeit, um die Mitspieler bei der FSG ein wenig von seiner unaufgeregten Sicht zu überzeugen. „Wir müssen alle etwas lockerer werden“, empfiehlt er als Rezept gegen den aufziehenden Herbst-Blues.

Spiele wie vergangene Woche in Bad Königshofen können einen schon ernüchtern. Nicht zum ersten Mal verspielte Wiesentheid kurz vor Schluss eine 2:0-Führung. Das 2:2 kam einer Niederlage gleich. „Wir haben auch die besseren Mannschaften im Griff, aber wir schaffen es nicht, diese zwei, drei Konter zu vermeiden, bei denen es immer gefährlich wird“, sagt Wellmann.

Das gehe nun seit anderthalb Jahren so, und der Torwart spricht lieber nicht von mangelnder Erfahrung im Team. „Wir haben mittlerweile fünf, sechs Spieler, die mit diesen Situationen umzugehen wissen.“ Es sei eher ein spezielles Wiesentheider Phänomen. Manche Dinge sind schwer zu erklären. Eduard Wellmann weiß das spätestens seit jenem 11. April 2008. als in Nürnberg ein Spiel der Fußball-Bundesliga abgebrochen wurde, während gut 80 Kilometer weiter westlich eine tosende Regenschlacht geschlagen wurde.