Stellt man sich den Kitzinger Keglerverein als Wohnhaus vor, ist es darin in den vergangenen Jahren ziemlich einsam geworden. Fünf Klubs waren noch bis Anfang dieses Jahrtausends unter dessen Dach einquartiert, dann aber zog einer nach dem anderen aus, und heute steht das Haus völlig verwaist und ausgeräumt da. Nur die leere Hülle existiert noch von einem Gebäude, in dem einst blühendes Leben herrschte.

Gerhard Schwarzer, Sportwart bei PSW 21 Kitzingen und eine Art Hausverwalter, sagt: "Es gibt eigentlich keine Perspektive mehr." Vor wenigen Monaten ist auch noch der letzte Mieter ausgezogen.

Früher gab es mehrere Kegelklubs in Kitzingen

Die Krise des einst lebhaften Kitzinger Kegelsports begann 2002, als der PSW 21 aus den ehemals drei Klubs Post SV, Schwarz-Weiß und KK 21  hervorging; und sie spitzte sich zu, als Jahre später auch noch Victoria Kitzingen aufgab. Bereits zum Jahrtausendwechsel hatte sich Germania Marktbreit vom Kitzinger Keglerverein abgespalten und sich selbstständig gemacht – ausgerechnet jener Klub, unter dessen Dach PSW 21 jetzt eine neue Bleibe gefunden hat.

Als sich der Keglerverein Kitzingen 1957 gründete, hatte die Bundesrepublik unter Kanzler Adenauer gerade wieder ihren Platz in der Weltgemeinschaft gefunden und war dabei, sich von den Schrecken eines verheerenden Krieges zu erholen. Kegeln wurde zum Freizeitprogramm des Wirtschaftswunders und darüber hinaus zum Volkssport.

Kegeln erlebte einst einen beispiellosen Boom

Die 1960er- und 1970er- Jahre bescherten dem Sport einen beispiellosen Boom. Keine Kneipe ohne Kegelbahn, keine Feier ohne Kegeln. In Kitzingen entstand nicht weit vom Mainufer entfernt, im Kolosseum, die Arena der hiesigen Kegler: Spiel- und Gaststätte zugleich. Sie hängt dem Verein mit seinen nur noch 30 Mitgliedern heute wie ein gewaltiger Klotz am Bein.

Die Glanzzeiten sind längst vorbei. Dass die Szene ausblutet, nicht nur in Kitzingen, zeigt sich Jahr für Jahr an den Zahlen in Unterfranken. Der Aderlass ist gewaltig. Allein in den vergangenen zwölf Jahren kehrten den Vereinen im Bezirk 1400 Mitglieder den Rücken. Aktuell sind es noch 1700, die in den 84 Klubs der Region eine gepflegte Kugel schieben, Tendenz weiter sinkend.

Leere Kasse, fixe Kosten und noch Schulden

Auch bei PSW 21 Kitzingen ist der Durchschnittskegler inzwischen 40 Jahre alt, und somit immerhin noch zehn Jahre jünger als im bundesdeutschen Schnitt. Nachwuchs bekam der Klub zuletzt nur noch aus der Familie der aktiven Spieler.

Im Juli rief der Verein seine verbliebenen Mitglieder zur Krisensitzung  zusammen. In der Vereinsgaststätte stand Vorsitzender Ewald Greif und sandte einen Hilferuf. Man habe nur noch 3800 Euro in der Kasse und monatliche Fixkosten von 1200 Euro. Auf dem Klubheim lasten – vom Ausbau in den 1980er-Jahren – immer noch Schulden. Greif erwirkte bei der Sparkasse, dass die Tilgung des Kredits für ein halbes Jahr ausgesetzt wurde. Aber was dann? Seit Jahren versucht der Klub, wieder mehr Leben in die Gaststätte zu bringen. Ohne Erfolg.

Nun kam auch noch Corona dazu. Der Verein müsste, um die Hygieneauflagen zu erfüllen, jedes Mal den kompletten Bereich durchwischen. "350 Quadratmeter", wie Schwarzer sagt. Und das, wo sich sowieso kaum noch helfende Hände finden.

Räume verkaufen scheint die einzige Lösung

Nicht nur bei Schwarzer ist eine "gewisse Erschöpfung" eingekehrt. Auch den Mitgliedern ist während der Sitzung im Sommer klar geworden: Die Party ist vorbei! Ein Verkauf der Räume, die laut Schwarzer rund ein Drittel des "Kolosseums" ausmachen, scheint mittlerweile die einzige Lösung, um größeren Schaden vom klammen Verein abzuwenden.

Zumal in der nächsten Zeit wohl auch Investitionen ins Dach und in die Heizungsanlage anstehen. Der Tanzclub, der im Erdgeschoss des Gebäudes sein Domizil hat, hat sein Interesse bekundet, Flächen zu übernehmen, ebenso der nebenan tätige Gastwirt. Über den Stand der Verhandlungen wollte sich Schwarzer gegenüber der Redaktion nicht äußern.

Die noch aktiven Kegler von PSW 21 haben das Kolosseum schon im Sommer verlassen. Der Aufwand sei zu groß gewesen, den Spielbetrieb dort zu halten, sagt Schwarzer. Sie spielen jetzt auf der Anlage von Germania Marktbreit – ein gewagter Schritt, wenn man weiß, dass gerade beim Kegeln der Heimvorteil manchmal von unschätzbarer Bedeutung ist. Die vertrauten Bahnen mit ihren Macken und Eigenheiten, sie treiben Gegner zuweilen zur Verzweiflung.

Kegler wollen sportlich eigenständig bleiben

Für Schwarzer ist das alles im Moment noch "schwer zu beurteilen", weil er und seine Kameraden erst zwei Verbandsspiele auf der Marktbreiter Anlage ausgetragen haben und gerade wieder in einer Corona-Zwangspause sind. Als die Saison im Frühjahr zwei Spieltage vor Schluss wegen der Pandemie abgebrochen wurde, standen die Kitzinger als Absteiger aus der Landesliga fest. Schwarzer sagt: "Wir hätten den Klassenverbleib noch schaffen können."

Damit PSW 21 weiter als eigenständiger Klub in Marktbreit antreten kann, kommt es nun darauf an, den Kitzinger Keglerverein zumindest auf dem Papier zu erhalten. Darauf haben sich auch die Mitglieder bei ihrem außerordentlichen Treffen im Sommer verständigt, während sie dem Verkauf ihres Vereinsheims schweren Herzens zustimmten.

Glaubt man Schwarzer, dann ist das Anbandeln mit der befreundeten Germania in Marktbreit nicht bloß ein kurzer Flirt – und der Auszug aus dem eigenen Haus gut überlegt: "Für uns ist das eine Dauerlösung, es gibt keine Alternativen."