Der Anruf kam vor zwei Wochen, und der Mann am anderen Ende der Leitung redete nicht lange um den heißen Brei herum. Auf Trainersuche sei sein Verein, sagte er – da musste sein Gegenüber das erste Mal schlucken. Ob er interessiert sei, Trainer in Abtswind zu werden, fragte der Mann. Da musste sein Gegenüber ein zweites Mal schlucken. Auf alles war Thorsten Götzelmann gefasst, als er die ihm bekannte Stimme des Abtswinder Klubmanagers Christoph Mix durchs Telefon hörte, aber nicht auf diese Frage. Und deshalb ließ er sich mit der Antwort erst einmal ein paar Tage Zeit.

Eigentlich war das ja alles nicht geplant. Götzelmann hatte den Kitzinger Bayern vor Monaten sein Wort gegeben, Co-Trainer an der Seite Wolfgang Schneiders zu bleiben. Etwa zur gleichen Zeit im Winter hatte Jochen Seuling in Abtswind für ein weiteres Jahr als Trainer zugesagt. Alles schien geregelt. Die Abtswinder waren drauf und dran, der Konkurrenz in der Landesliga zu enteilen. Mitte November hatten sie die Kluft auf neun Punkte vergrößert.

Aber dann passierten ein paar seltsame Dinge. Seuling sah sich zu einer Art Klarstellung genötigt. In einer Phase wachsenden Erfolges begann er seine Mannschaft kleinzureden. Trotz des üppigen Kaders sprach er mit Blick auf die Personalsituation von einer „kleinen Katastrophe“, und mancher erkannte darin den Versuch des Trainers, sich für Rückschläge zu wappnen.

Rätselhafte Symptome

Den lauen Winter nutzten Seuling und seine Schützlinge zu einem Programm, das Mut machte für den Wiederbeginn im März. Sonderbarerweise litt Abtswind dann zunächst unter den selben rätselhaften Symptomen von Frühjahrsmüdigkeit wie ein Jahr zuvor. Ein 0:0, ein 1:1, jeweils bei Abstiegsanwärtern, der Vorsprung zeitweilig bis auf einen Punkt geschmolzen. Seuling ließ sich mit den Worten zitieren: „Wir machen uns nicht verrückt. “ Es folgten zwei rasante Spiele mit 9:2 Toren – und ein Auftritt beim Rivalen Ansbach, den der nicht mehr ganz so gelassene Trainer über weite Strecken „erbärmlich“ fand. Ein neuerlicher Schwächeanfall, der in einer herben 0:3-Niederlage seiner Elf endete.

In diesem rasch wechselnden Klima aus begeisternden und befremdlichen Momenten fasste Seuling einen Entschluss, den der Klub in einer Erklärung vom vergangenen Sonntag, 17.02 Uhr, so auf den Punkt brachte: „Der TSV Abtswind kommt der Bitte seines Trainers nach, ihn aus beruflichen und privaten Gründen von seiner Zusage für die nächste Spielzeit zu befreien.“ Seuling ist zumindest eines gelungen: Er hat mal wieder alle verblüfft mit seiner Eigenwilligkeit. „Ich hätte nie gedacht, dass dort in dieser späten Saisonphase noch ein Trainerwechsel zustande kommt“, sagt Götzelmann. Längst hatte er am Bayernplatz für ein Jahr verlängert, und das war nun das Problem, als Christoph Mix völlig unvorhergesehen bei ihm in der Leitung hing: Er musste Abtswinds Macher und Manager erst mal vertrösten.

Götzelmann ist ein Mann mit Vorsätzen und Prinzipien. Und er ist ein Trainer, den das Schwierige, das Unbekannte reizt. Das waren die keineswegs widersprüchlichen Punkte, mit denen er sich konfrontiert sah. In seinem Fall lösten sie einen Gewissenskonflikt aus: Ein solches Angebot wie das aus Abtswind, das wusste er, werde so schnell nicht wieder kommen. Doch wie sollte er den Kitzingern begreiflich machen, dass er – entgegen aller Beteuerungen – nun doch gehen werde im Sommer? Und dann galt es auch an seiner Arbeitsstelle noch einiges zu klären. Götzelmann ist Ausbilder bei der Polizei. Seines Jobs wegen hat er seinerzeit schon in Kitzingen abgelehnt, mehr zu sein als bloß Co-Trainer.

Bei den Bayern besprach er sich zunächst mit Vertrauten wie Wolfgang Schneider, mit dem er seit eineinhalb Jahren den Trainerstab der Landesliga-Mannschaft bildet. „Ich wollte sehen, wie er reagiert. Immerhin hatten wir vereinbart, dass wir zusammen in die neue Saison gehen“, erzählt Götzelmann. Schneider machte ihm die emotional geladene Entscheidung, in Kitzingen die Zelte abzubrechen, ein bisschen leichter. „Er sagte, aus Trainersicht sei das nachvollziehbar.“ An seiner Dienststelle wurden die Dinge rationaler entschieden. Götzelmann bekam zumindest für zwei Jahre grünes Licht. Damit waren die „größten Baustellen“, wie er sagt, abgearbeitet. Der Weg war frei für das bisher größte Abenteuer seiner Fußballer- und Trainerlaufbahn.

„Ich bin ein Typ, der neugierig ist, wenn einer sagt: Schaffst du das? Genau dieses Risiko ist das Reizvolle für mich“, sagt Götzelmann. Noch kann keiner sagen, ob es der lange Zeit unangefochtenen Mannschaft unter Jochen Seuling gelingen wird, Kurs zu halten und als Meister durchs Ziel zu gehen. Für Götzelmann spielt das aus Trainersicht nicht die große Rolle. Er weiß, dass es in der nächsten Saison so oder so diffizil werden wird. Steigt das Team auf, muss er in einer für ihn unbekannten Klasse ein Konzept und eine Spielidee entwickeln, um rasch Anschluss zu finden. Verpasst es den Aufstieg, wird der Druck enorm sein, den Sprung im dritten Anlauf zu vollziehen.

Als Älterer abgestempelt

Anders als vor Jahren in Wiesentheid und nun am Bayernplatz wird es Götzelmann beim TSV Abtswind verstärkt mit fertigen Spielern zu tun bekommen. Er vergleicht das mit seiner Aufgabe als Betreuer der bayerischen Polizeiauswahl. Dort trainiert er Fußballer von der Bezirksliga bis zur Regionalliga, „junge willige Spieler und ältere erfahrene. Genau das macht es aus“, sagt er. Was es heißt, als älterer Spieler abgestempelt zu werden, hat der Rüdenhäuser gerade am eigenen Leib erfahren. Im Umfeld der Bayern war kritisch gesehen worden, dass er als 41-Jähriger den Einsatz von Nachwuchskräften verhindere. „Natürlich hat mich diese Kritik berührt – weil es mir nicht gefällt, dass man jemanden auf sein Alter reduziert statt auf seine Leistung.“ Mit seiner Kompromisslosigkeit gegenüber sich und dem Gegner verkörperte er genau jenen Typus Fußballer, den die Bayern gebraucht hatten in ihrer verzwickten Situation. Götzelmann erlebte als Offensivgeist seinen zweiten Frühling und erzielte manch wichtigen Treffer für die Kitzinger.

Künftig wird er die drei Kilometer nach Abtswind mit dem Fahrrad zurücklegen können. Sohn Patrick kickt dort bereits im U9-Jahrgang. Ganz so neu wird das also alles nicht sein für ihn. „Ich habe schon ein bisschen in den Verein reingeschnuppert. Was da gemacht und wie ganzheitlich da gedacht wird, gefällt mir. Das war nicht immer so.“