"Mit 63 verstehe ich Schach und kann viel besser spielen als vor zehn, 20 Jahren", sagt Konstantin Kunz. Er hat sich in Schweinfurt den unterfränkischen Einzelmeister-Titel geholt und so die letzten wichtigen Zähler, um beim Weltschachbund FIDE den Titel eines FM-Meisters beantragen zu können - der dritthöchste nach Großmeister und Internationaler Meister.
"Ich habe mich entschlossen, mein Spiel zu spielen", lautet sein Erfolgsgeheimnis. Durch seinen dritten Rang bei den Leipzig Open, die als Vorbereitung auf die "Unterfränkische" dienten, und den Bezirkstitel im April übersprang er die magische Grenze von 2300 Elo-Punkten (Arpad Elo entwickelte das internationale Wertungssystem). 2315 Zähler beträgt sein aktuelles Ranking zum 1. Mai.
Konstantin Kunz, seine Eltern sind Wolga-Deutsche, er selbst lebte lange in Moskau und Kasachstan, ist seit frühester Kindheit dem Schachspiel verfallen. Mit sieben Jahren hat ihm sein Vater das königliche Spiel beigebracht: "Als Kind spielte ich schon gegen seine Arbeitskollegen." So habe er Erfahrung gesammelt. Mit Daumen und Zeigefinger beschreibt er die Dicke des Buches, das ihm in seiner Jugend endgültig in den Bann gezogen hat: "Meine 100 besten Partien" von Paul Keres (einer der stärksten Spieler des 20. Jahrhunderts). "Danach konnte ich ohne Schach nicht mehr leben", sagt er. Ihm gefalle es, dass es ein sehr logisches Spiel ist, mit faszinierenden Kombinationen von starken Spielern. Man müsse analysieren und vorausschauen können. Schon als Jugendlicher hat er im Club gegen Erwachsene gespielt. Diese auch geschlagen.
Kunz erinnert sich an seine erste Partie gegen einen Großmeister, Klaus Bischoff (deutscher Rekordsieger bei den nationalen Blitzmeisterschaften): "Ich war sehr stolz, dass er mir ein Remis angeboten hat. Zug um Zug wurde meine Stellung immer besser, das hat er nicht mehr ausgehalten."

Vielseitige Interessen


Wer denkt, dass Konstantin Kunz, der 1994 nach Deutschland kam und seit 1996 in Kitzingen lebt, nur dem Schachspiel frönt, irrt gewaltig: "Ich bin vielseitig, ich treibe immer Sport - Schwimmen, Radfahren, Tischtennis, Gymnastik, Jogging", betont der drahtige
63-Jährige. In Russland wirkte er nach seinem Studium als Schul-, Sport- und Arbeitslehrer. In Deutschland war er zuletzt bei einem Kfz-Hersteller in Brot und Lohn: "Anderthalb Jahre habe ich fast gar keine Turniere absolviert, da ich drei Schichten und Akkord gearbeitet habe. Das hat mir gereicht." Aber er habe sich gedacht: "Ich arbeite jetzt und danach kann ich wieder Schach spielen". Im März ging er in den Ruhestand.
Sein Credo ist ein gesunder Lebenstil, kein Rauchen, kein Alkohol, eine weitgehend gesunde Ernährung. Ein Leben ohne Musik könne er sich aber nicht vorstellen - eines ohne Schach schon. "Einerseits bin ich süchtig auf Schach, andererseits wäre es nicht schlimm, ohne diesen Sport zu leben, da ich viele andere Interessen habe."
Sich nur auf eine Sache zu fixieren, sei nicht gut. Dennoch konstatiert Kunz: "Schach ist das beste Spiel auf der ganzen Welt". Dieses betrieb er auf der "Unterfränkischen" mit großem Erfolg. "Da hatte ich mich im Griff", beschreibt er. Manchmal sei er zu impulsiv, mache zu schnelle und schlechte Züge.
Als Schlüsselspiel bezeichnete er die Partie gegen Tobias Kuhn: "Selbst in großer Zeitnot habe ich die Ruhe bewahrt. Ich stand im Endspiel auf Verlust, machte aber in Zeitnot den Gewinnzug." Ungeschlagen erreichte er mit fünf Siegen und vier Remis den Titel, den er schon einmal verpasst hatte. "Ich war sehr froh, dass ich ein sehr starkes Turnier gewonnen habe. 2010 in Kitzingen war es unglücklich. In der entscheidenden Partie hatte meine Brille verloren, dadurch unwohl gefühlt und gegen FM-Meister Hans-Joachim Hofstetter eine schon gewonnene Stellung vermasselt", weist der Kitzinger auf den großen Einfluss von Äußerlichkeiten auf sein Spiel hin. "Im modernen Schach darf man nicht passiv spielen, nur die Stellung aufzubauen und auf die Fehler des Gegners zu warten, ist zu wenig", sagt Kunz, der für den Kitzinger Schachclub in der Regionalliga antritt. Man müsse die richtige Balance zwischen aktiv und nicht zu rasch zu spielen finden. Früher habe er die Stellung kompliziert, und das war öfters falsch. Er eröffnet gerne mit den weißen Figuren, sein Lieblingszug ist Bauer d4. "Wer mit Weiß spielt, kann von Anfang an seine Angriffstellung aufbauen."
Vorbilder habe er einige: Adolf Anderssen (einer der stärksten Schachspieler des 19. Jahrhunderts), Alexander Aljechin (der vierte Schachweltmeister in der Geschichte), Garri Kasparow (1985-1993 Weltmeister) - die hätten ihn fasziniert. "Mehr Stil habe ich aber von Anatoli Karpow (1975-1985 und 1993-1999 Weltmeister)", sagt Kunz.
Seine Ziele sind bescheidener, aber ambitioniert. "Ich will an der Senioren-Einzel-WM im November in Griechenland teilnehmen. Wer das zwölftägige Turnier gewinnt, erhält den Titel Großmeister", Konstantin Kunz lacht etwas verschmitzt: "Das ist ziemlich schwer, aber vielleicht auch möglich." Seine schachliche Zukunft lässt er offen: Vielleicht werde ich noch spielen, um den Titel des Internationalen Meisters zu erreichen". Dazu benötigt er eine Elo-Zahl von 2400. "Ich kenne einen Schachspieler, der dies erst mit 70 geschafft hat." Er wolle es aber nicht übertreiben.
Kunz blickt auch in eine andere Richtung. Er werde für die SPD für den nächsten Kitzinger Stadtrat kandidieren. Möglicherweise auch unter die Autoren gehen. "Vielleicht werde ich ein Büchlein schreiben, aber nicht über Schach, sondern über richtige Ernährung und Lebensweise." Schließlich habe er in Deutschland auch eine Ausbildung als Gesundheitsberater und Bewegungstherapeut absolviert. Vielseitig will er auch in der Zukunft bleiben - mit dem richtigen Zug sein Spiel spielen.