An Tagen wie diesen spürt Anika Höß die Vergangenheit. Gerade noch hing der Himmel voller schwerer Wolken, prasselte der Regen wie aus Pechkübeln darnieder, nun entfaltet die Sonne schon wieder ihre ganze kosmische Kraft, und vermutlich müsste Anika Höß nicht einmal aus dem Fenster schauen, um zu erkennen, dass das Wetter derzeit verrückt spielt. Sie müsste nur auf ihren Körper hören. Ein verlässliches Barometer trägt sie in sich – eines, das auf die Hochs und Tiefs äußerst sensibel reagiert. Ihr Barometer sind ihre Narben an Knien und Beinen. Beginnen sie zu zwicken, kündigt sich ziemlich sicher anderes Wetter an. Ganz sicher aber regt sich damit auch die Vergangenheit.

Anika Höß kann mit ihren Narben inzwischen ganz gut leben. Sie kann wieder Fußball spielen, zumindest in der Landesliga. Mit dem TSV Frickenhausen hat sie gerade ihre erste Runde als Spielertrainerin hinter sich gebracht, Abstiegskampf in der fünften Liga, nicht das, was sie sich vor zwei, drei Jahren erwartet hätte. Aber Anika Höß denkt derzeit eher in kleinen Schritten, nachdem sie im vergangenen Jahr diesen einen, diesen großen Schritt zurückgegangen ist. Sie hätte einen neuen Versuch starten können, doch sie folgte einer „Bauchentscheidung“, wie sie sagt.

Vielleicht war die Erinnerung zu frisch an das, was passiert war – an die vier Bänderrisse im Knie, die sie schon erlitten hatte, besonders aber an das zerfetzte Syndesmoseband, das Schien- und Wadenbein zusammenhält. Michael Ballack hatte die gleiche Verletzung nicht nur um die Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika gebracht, sie kostete ihn in letzter Konsequenz auch die Karriere.

Anika Höß ist jung, sie ist erst 22, vor ihr liegt noch das halbe Fußballerinnenleben, mindestens. Was macht es da, manchen Umweg einzubauen in einer Laufbahn, die vorher wie ein begradigter Bach im Betonbett dalag. Mit drei nahm ihr Vater sie mit zum Fußball in Lutzingen, einem 980-Einwohner-Kaff am Rande der Schwäbischen Alb. Mit vier spielte sie im Verein, umgeben von lauter Jungs, ab der B-Jugend dann bei den Mädchen in Nördlingen. Mit sechzehn wechselte sie zu Schwaben Augsburg, stieg mit den Frauen von der Bayernliga in die Regionalliga auf.

Mit siebzehn stand sie in der Bundesligamannschaft des TSV Crailsheim – und mit neunzehn war sie beim Hamburger SV, dem Verein von Uwe Seeler, einer großen Adresse im Männerfußball und mit Anika Höß auf dem Weg zu einer Größe im deutschen Frauenfußball. Auf Anhieb wurde sie mit dem HSV Meister in der zweiten Bundesliga Nord, und nebenbei stand sie auf dem Sprung in die Nationalmannschaft der U20-Juniorinnen. Eine Zeit der Narben, eine Zeit der Entbehrungen. Eine wundervolle Zeit.

Anika Höß hatte sich ihren Traum erfüllt, einen Traum aus Kindheitstagen, immer unterstützt und begleitet von der Familie – Vater, Mutter, Oma, Opa, sie alle gingen ein Stück des Weges mit ihr. Und sie alle waren auch da in dieser schweren Stunde des Abschieds, der ja nicht nur ein Abschied war aus Hamburg oder der Bundesliga, sondern ein Abschied von einem Traum. Das muss man wissen, um die Fallhöhe zu bemessen, die Anika Höß hinter sich hat. Wie Ballack verpasste auch sie die Weltmeisterschaft – weil ihr vor dem großen Ziel eine winzige Sehne zerfetzte. Die U20-Juniorinnen wurden später Weltmeister – im eigenen Land.

Vielleicht heilt die Zeit tatsächlich viele Wunden, vielleicht wächst über manche Dinge des Lebens Gras, aber nicht jede Wunde vergeht ohne Narben an der Seele. Sie kämpfte um ihre Genesung, aber sie sah auch, dass sie sehr lange brauchen würde, um wieder ganz die Alte auf dem Spielfeld zu werden, und Geduld gehört nicht gerade zu den hervorstechenden Eigenschaften eines Vereins in der Fußball-Bundesliga. „Es gibt im Fußball Pech mit Verletzungen. Da ist eben nichts zu machen“, sagt Anika Höß. „Du arbeitest dich hoch, fällst zwei Schritte zurück. Also musst du die Ziele nach unten schrauben.“ Das klingt so vernünftig, so rational, so nüchtern. Ein Schutzreflex vor allzu großer Enttäuschung?

Man merkt es ihr im normalen Gespräch gar nicht an. Anika Höß lacht das sympathische Lächeln einer unkomplizierten, lebenslustigen jungen Frau. Man muss schon tief schürfen, muss unter die Oberfläche gehen, um ein Zipfelchen der blanken Seele von ihr zu erwischen. „Wer mich kennt“, sagt sie dann, „der weiß, was der Fußball für mich bedeutet. Seit meinem elften Lebensjahr bin ich fast täglich auf dem Sportplatz.“ Es konnte stürmen, es konnte regnen – Anika Höß war immer da.

Kein Training, keinen Lehrgang in der DFB-Auswahl hat sie verpasst. „Natürlich denkt man noch ganz oft über diese Zeit nach, schaut sich Fotos an.“ Im Training versucht sie manchmal, das Spiel zu beschleunigen, den Ball „schnell zu machen“, wie sie sagt. Das sind jene Momente, in denen sie gedanklich noch in der Bundesliga ist. Aber dort, wo sie den Ball hinspielt, steht keine ihrer Mitspielerinnen.

Sie hätte vor einem Jahr auch beim ETSV Würzburg bleiben können, der sie auffing nach ihrer Zeit beim HSV. Sie hätte dort weiter zweite Bundesliga spielen können. Aber sie ließ sich auf etwas Neues ein, wie sie es immer getan hat in ihrem Leben. „Ich halte es nicht lange aus an einem Ort“, sagt sie. Nach einigem Zaudern nahm sie das Angebot der Frickenhäuser an. Sie reiste mit ihnen durch die fränkische Provinz, nach Hollfeld, Neusorg oder Bischofsheim, statt nach Köln, München oder Frankfurt, ist der Star ihrer Elf – obwohl sie „keine Ich-AG“ sein möchte, wie sie sagt.

Sie richtete sich in Würzburg ein, machte ihre Ausbildung in einer Zeitarbeitsfirma, in der sie als Accountmanagerin beschäftigt ist. Klingt wichtig. „Ist es auch“, sagt sie lächelnd. Sie schickt die Bewerber zum Kunden, muss gestalten, viel reden, wie auf dem Fußballplatz. Kann sein, dass sie sich hier erst einmal niederlässt.

Ob sie weitermacht in Frickenhausen, ist noch nicht klar. Das müssen die Gespräche zeigen. Der Traum, es noch einmal als Profispielerin zu versuchen, lebt fort in Anika Höß. „Dieser Traum“, so sagt sie, „wird nie aufhören.“