Was sich gerade bis Weihnachten am Oberen Mainkai in Kitzingen abspielt, sieht auch Bauingenieur Tobias Haupt nicht alle Tage. Gebannt schaut er in den Himmel. An einem Kran hängt ein riesiges Metallteil, etwa zehn Meter lang, eine gute Tonne schwer. Es schwebt durch die Luft und wird vorsichtig vom Kranführer auf den Boden gelegt. Es war ein Element des Spundwandkastens, der den trockenen und sicheren Bau der neuen Kaimauer ermöglicht hat. Gut zwei Meter durch das Wasser und fünf Meter tief wurden die Metalldielen auf 200 Meter Länge in den Fels gerammt. Auch auf der Landseite war eine ebenso lange Spundwand nötig, um das Grundwasser fernzuhalten. „Da bei dieser Maßnahme zusätzlich ringsherum Wasser ansteht, vom Main und durch das Grundwasser, musste eine wasserdichte Baugrube hergestellt werden“ , erklärt Haupt das aufwändige und teure Verfahren. Gut vier Millionen Euro kostet nur der Bau der neuen Kaimauer. "Wasser ist immer ein Zeit- und Kostenfaktor“, sagt der Projektverantwortliche.

Im April 2019 haben die Arbeiten angefangen, aber bereits seit 2013 war der Obere Mainkai gesperrt. Aus Sicherheitsgründen. Bei einer Kontrolle wurde festgestellt, dass die alte Kaimauer komplett unterspült ist. Das Risiko, dass das Vorland in den Main bricht, wenn Fußgänger dort laufen oder Autos parken, war zu groß. 2014 schaute sich ein Taucher die Mauer unter Wasser an. Er tauchte mit schlechten Nachrichten wieder auf. Ohne große Mühe konnte er einzelne Steine aus der Mauer ziehen.

Jetzt musste entschieden werden, was geschieht: Sanieren oder neu bauen? Gutachter kamen und lieferten Berichte ab, Sanierungspläne wurden erstellt und berechnet und schließlich die Entscheidung. Da ein Neubau nur unwesentlich teurer kam als eine Sanierung, entschloss sich die Stadt für eine neue Mauer. Das Wie stand nun fest, jetzt kamen die Stadtplaner ins Spiel. Denn: Wenn schon die Mauer neugebaut wird, dann soll der gesamte Mainkai aufgewertet werden.

Sechs Jahre gingen ins Land, bis die Baumaschinen am Mainufer aufgestellt wurden. "Von den ganzen Arbeiten im Hintergrund bekommt der Bürger ja nichts mit", sagt Haupt und versteht, wenn sich die Bürger wundern, dass nichts vorangeht. "Ausschreibungen, Wartefristen, Förderanträge und so weiter dauern einfach", sagt der Projektleiter. 

Bis Weihnachten sollen alle Spundwände entfernt sein und das Mainwasser stößt wieder ungehindert ans Ufer. Fertig ist der Obere Mainkai damit aber noch nicht. Er bleibt weiterhin gesperrt, um "hübsch gemacht" zu werden. Ab Sommer 2022 können die Kitzinger dann auf zwei Balkonen über dem Main entspannen, laden Sitzstufen ein, die Füße im Wasser baumeln zu lassen oder leicht ins Kanu oder auf ein Stand-up-paddle-Board zu steigen.

Von diesem Freizeitvergnügen wussten die Menschen 1857 noch nichts. Archiv-Aufzeichnungen zeigen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die alte Mauer gebaut wurde. Auch Spundwände kannten sie damals noch nicht. "Das Mainufer war viel flacher. Deswegen ging das", erklärt Haupt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Main aufgestaut und so besser schiffbar gemacht. "Der Wellenschlag an der alten Kaimauer hat nach und nach dazu geführt, dass der Mörtel aus den Fugen ausgespült wurde", erklärt Haupt. Er schaut nachdenklich auf den Main: "Ich hoffe, dass die neue Mauer genauso lange hält.“