Zuerst: Finsternis. Dann wird der Theatervorhang angeleuchtet. Musik von Richard Wagner erklingt und langsam öffnet sich der Vorhang. Doch es stehen keine Menschen auf der Bühne, keine Schauspieler, keine Opernsänger. Denn das hier ist keine Oper, keine normale Theateraufführung - das hier ist Papiertheater. Auf dieser Bühne gibt es keine Menschen, es gibt nur Papierfiguren, sogenannte Figurinen.

Helga Kelber und Gabriele Brunsch führen auf Kelbers Papierbühne "Anderwelt" bereits seit zehn Jahren regelmäßig Theaterstücke auf. Mindestens zwei Aufführungen gibt es im Monat. Die Figuren aus Papier bewegt Helga Kelber dabei mit dünnen Stangen an den Fußenden. Dazu kommen aber noch weitere Aufgaben auf die beiden zu: Kelber und Brunsch müssen sich um das Licht, den Umbau der Kulissen während der Pausen und vieles mehr kümmern. Damit alles reibungslos klappt, wird häufig geprobt.
Weil die beiden aber hinter der Bühne stehen und dadurch nicht mitbekommen, wie das Stück auf die Besucher wirkt, nehmen sie es mit der Kamera auf und suchen beim Anschauen des Films, wo Verbesserung nötig wäre.

"Zuerst einmal sind die Zuschauer verwundert - und dann tauchen sie auf einmal ab", erklärt Brunsch. Viele Besucher sind von dieser besonderen Form des Theater so begeistert, dass Kelber und Brunsch immer wieder Anfragen bekommen, ob man nicht auch beim Theater mitmachen könne.

Theater nach Hause holen

Der Aufstieg des Papiertheaters begann um das Jahr 1810, da die bürgerlichen Familien sich in der Regel keinen Besuch im echten Theater leisten konnten - das konnte nur die privilegiertere Oberschicht. Die kleinen Leute hingegen zogen sich in ihr Zuhause zurück und bastelten sich ihr eigenes Theater. "Man holte sich das Theater, die Kunst und die große Dramatik nach Hause", erklärt Gabriele Brunsch. Und das taten viele: 1830 gab es das Papiertheater millionenfach in Europa, in fast jeder bürgerlichen Familie, so Brunsch.

Stoffe für das Theater lieferten die großen Dramatiker - Goethe, Schiller und andere. Also naturgemäß nichts für die Kleinen. Das Papiertheater war ganz klar eine Kunst für Erwachsene. Das änderte sich erst 1860/1870, als auch extra für Kinder Märchen und leichtere Stoffe für das Papiertheater übernommen wurden. Doch egal, ob große Dramatik oder leichte Unterhaltung: In Deutschland gab es fast 20 Verlage, die die Theater-begeisterten Familien mit Papierbögen, unterschiedlichen Motiven und Dramenfassungen versorgten. Das Material wurde in verschiedener Qualität angeboten, somit konnten sich die meisten Haushalte ein Papiertheater leisten. Genauso gab es auch Unterschiede in der künstlerischen Qualität der bemalten Figuren. Es gab unterschiedliche Fassungen der Theaterstücke in Textbüchern zu kaufen. Und diese gekürzten Versionen der Dramen waren notwendig, schließlich wollte man dem Zuschauer kein Stück mit einer Spieldauer von drei Stunden zumuten. Stattdessen dauerte eine Papiertheateraufführung fast nie länger als eine Stunde.

Schluss mit dem Papiertheater?

Klar, dass es dabei zu kleinen Konkurrenzkämpfen zwischen den einzelnen Familien kam. Wie so mancher heutzutage versucht, mit dem größten, dem
bestauflösenden Fernseher seine Freunde mit nach Hause zu locken, so wollten die Familien so viele Freunde und Bekannte wie möglich von ihrem persönlichen Papiertheater begeistern. Dabei verließen sich die Gastgeber nicht allein auf die Beschaffenheit ihres Miniaturtheaters. Damals konnte in fast jeder bürgerlichen Familie mindestens eine Person ein Instrument spielen. Also brachte jeder im Haus sein Talent mit ein, um das kleine Theater immer weiter zu verbessern.

Doch so sehr man sich auch anstrengte, irgendwann waren auch die Grenzen des Papiertheaters erreicht und ausgereizt. Spätestens mit der Geburt des Films fand diese Theaterkunst ihr sicheres Ende. Den sich schnell bewegenden Menschen in den anfangs noch tonlosen, aber neuartigen und daher viel interessanteren Filmaufnahmen in den sich verbreitenden Lichtspielhäusern konnten die starren Figurinen des Miniaturtheater nichts entgegen setzen. Dem Stummfilm folgten der Tonfilm, der Farbfilm und das Fernsehen - dagegen konnte sich die Kunst des kleinen hauseigenen Theaters nicht behaupten. Das Papiertheater geriet in Vergessenheit.

Die Wiedergeburt der Miniaturen

Nur noch in wenigen Familien blieb das Theater erhalten. Lediglich Sammlerkreise hatten von dem kleinen Theater noch eine Ahnung. Langsam bildete sich eine richtige Papiertheatergemeinschaft. "Das Papiertheater erlebt eine richtige Renaissance", stellt Gabriele Brunsch fest. Das Netzwerk der Freunde des Papiertheaters besteht zur einen Hälfte aus Sammlern der alten Figuren und Bühnen, zur anderen aus begeisterten Spielern. Zu denen gehören eben auch Helga Kelber und Gabriele Brunsch.

Zwei Premieren zum Jubiläum

Bereits seit zehn Jahren führen die beiden Frauen ihre Versionen bekannter Dramen und Stoffe auf den Miniaturbühnen in der Garbkirchgasse 4 in Kitzingen auf. Dieses Jahr feiern sie das Jubiläum ihres Theaters mit zwei Premieren in einem Jahr. Als erstes wird an diesem und nächsten Wochenende Helga Kelbers Version des Lohengrin, einer Oper Richard Wagners, aufgeführt. Die Theateradaption der antiken Liebesgeschichte von Dido und Aeneas von Gabriele Brunsch wird Anfang Oktober Premiere auf Brunschs Papierbühne "Der blaue Schleier" feiern.

Beide Frauen haben lange an ihrem Drama getüftelt. Jede arbeitet bei der Entstehungsphase eines Stückes für sich alleine und fertigt auch alleine die Figuren an, denn die beiden haben einfach zu unterschiedliche Arbeitsmethoden und zudem verschiedene Stile beim Bemalen der Figurinen.

Helga Kelber brauchte etwa zwei Jahre für ihren Lohengrin. Dabei musste sie nicht nur die Figuren aus Papier planen, ausschneiden und bemalen, die Bühnenkulisse gestalten, sondern auch die fast vierstündige Wagneroper kürzen. Denn so lange auf ein kleines Rechteck zu starren, das will Kelber ihren Zuschauern nicht zumuten Sie musste die Oper also kürzen, so weit es ging, ohne dass der Zusammenhang, der Plot darunter leiden.
Aber eines stellt Kelber klar: Es ist keine Kinderversion des Wagnerstoffes entstanden. Obwohl viele beim Wort Papiertheater oft sofort an Kasperletheater denken - das Papiertheater wird vorwiegend für Erwachsene gemacht. Natürlich können Kinder auch das Papiertheater in der Grabkirchgasse besuchen, doch das Stück ist nicht extra für Kinder angelegt. Besonders bei der Wagnerschen Sprache könnten sie Verständnisprobleme haben, kann sich Helga Kelber vorstellen.

Zugleich ein Hörspiel

Die gemeinsame Arbeit begann, nachdem Helga Kelber ihrer guten Freundin das Stück vorgespielt hat. Dann begannen die Proben. Eine Stunde und eine Minute - so lange dauert Kelber Lohengrin. Daran wird sich auch nichts ändern. Der Zeitplan ist endgültig festgesetzt. Die beiden Theaterfreundinnen müssen nämlich für jedes ihrer Stücke zugleich ein Hörspiel erstellen, auf der Musik, Geräusche und die Stimmen der Charaktere aufgenommen werden. Denn würden Gabriele Brunsch und ihre gute Freundin live sprechen, während sie die Figuren bewegen, die Bühnenkulisse verändern, würde die Aufführung darunter leiden. Da sind sich die beiden Frauen sicher. Den beiden bedeutet das Papiertheater einfach viel zu viel, als dass sie so etwas zulassen würden. Für sie ist das Papiertheater mehr als ein Hobby. Das Wort Hobby wollen sie in dem Zusammenhang gar nicht wirklich hören. "Das Papiertheater ist eine Leidenschaft", bringt es Gabriele Brunsch auf den Punkt.

Ob man sich von dieser Leidenschaft anstecken lässt, kann man dieses und nächstes Wochenende ganz einfach überprüfen, indem man dem Papiertheater Kitzingen und Gabriele Brunsch und Helga Kelber einen Besuch abstattet.

Termine: Helga Kelbers Lohengrin wird am 1., 2., 8. und
9. Juni um jeweils 17 Uhr im
Papiertheater Kitzingen in der Grabkirchgasse 4 aufgeführt. Karten gibt es unter der Telefonnummer 09321/37894. Weitere Informationen unter: www.papiertheater-kitzingen.de

Das Stück: Lohengrin ist eine Oper des Komponisten Richard Wagner, der dieses Jahr seinen 200. Geburtstag gefeiert hätte. Helga Kelber hat die Oper für das Theater bearbeitet. Der Plot bleibt der gleiche: Elsa wird von einem strahlenden Ritter gerettet, woraufhin sich beide gegen bösartige Intrigen behaupten müssen.