Ein Ständer voller bunter Schneeschaufeln erinnert vor dem Supermarkt daran, dass sich die Menschen gerade in diesem Winter über etwas weiße Pracht freuen würden. Nicht die beste Jahreszeit für einsame Herzen. Während der Corona-Pandemie schon  gar nicht, so ganz ohne Gruppenkuscheln mit Glühwein, ohne Kneipen, Bars und Tanzflächen. Bleibt zum Kennenlernen also nur die Online-Variante, bei der sich angeblich alle elf Minuten ein Single verliebt? Mutiger ist es, sich bei Edeka Kolb in Volkach ein Herz auf die Brust zu kleben. Dort ist Freitagabend nämlich seit zwei Jahren Single-Shopping.

Also vorbei an den Schneeschaufeln und rein in den Supermarkt, in dessen Vorraum rote und weiße Luftballons auf die Aktion hinweisen. Steven Schellhorn, stellvertretender Marktleiter, erklärt, wie es funktioniert. Jeder Herz-Aufkleber hat eine Nummer. Einmal angeheftet, kann man damit einkaufen gehen und nach anderen Herzen Ausschau halten. Bei Interesse muss man sich nur die Nummer merken und den Zettel ausfüllen, der schon Vorschläge bereithält wie: "Ich würde mich freuen, Dich bei einem Spaziergang am Mainufer besser kennzulernen." Oder, wenn die Abstandsregeln das wieder zulassen: "Ich würde mich freuen, Dich auf einen Orangensaft in der Obstabteilung zu treffen." Ein Mitarbeiter ruft dann die Nummer aus und übergibt die Nachricht.

Es ist kurz nach sechs. Bleiben also zwei Stunden für die Mutigen, die ihren Saft in Zukunft nicht mehr alleine trinken wollen. Ob die Pop-Art-Bilder über den Bananen und Äpfeln zu einer anregenden Unterhaltung führen? In einem räkelt sich eine Frau auf einer Schale "Banana Split", so auch der Titel des berühmten Pop-Art-Bildes von Mel Ramos. Ganz nackt ist sie dabei in Volkach allerdings nicht mehr, zwei Smileys bedecken ihre Brüste. Als sexistisch hätten manche die Kunstdrucke empfunden, klärt Steven Schellhorn auf. Es sehe das aber gelassen: "Manche finden es cool, andere regen sich auf."

Zudem sollen künftig Bilder leicht bekleideter Männer für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit sorgen. Schellhorn lacht. An gewagten Ideen mangelt es dem jungen Team nicht. Es besteht aus 65 Mitarbeitern in Voll- und Teilzeit, inklusive fünf Auszubildenden. "Wir können uns hier alle kreativ austoben", sagt der 22-Jährige. Vom Erfolg dieser Strategie zeugen die vielen Auszeichnungen, die der Markt bei Wettbewerben geholt hat: "Beste Obst- und Gemüseabteilung", "Ausbilder des Jahres" oder "Supermarkt des Jahres" (siehe Infokasten) ist auf den Urkunden zu lesen.

Doch eigentlich soll es ja an diesem Abend um gewonnene Herzen gehen. Also vorbei am Gratis-Obst für Kinder, an der Deko-Schneeeule, die über den Wiener Würsten thront und schnell Richtung Fischtheke: Einmal anbeißen bitte! Doch rote Aufkleber sind hier nicht zu sehen. Auch die drei Mini-Porsches stehen einsam und verlassen vor den Antipasti. Kein Wunder angesichts des fortgeschrittenen Abends. Es ist 19 Uhr, Zeit für einen Gang in die – ebenfalls prämierte – Weinabteilung. Vielleicht ist dort der Platz für Menschen auf der Suche nach jemandem zum Anstoßen? Unter Kronleuchtern und zwischen goldenen Wänden könnte man fast vergessen, dass man seinen Einkaufskorb füllen wollte. Doch auch hier ist kein Herz zu sehen.

"Ich würde schon sagen, dass wir ein verrückter Laden sind."
Steven Schellhorn, stellvertretender Marktleiter

Dafür entdeckt man auf dem Weg dorthin Wunscherfüller-Zettel, in die ein Witzbold neben Karamalz auch Gras eingetragen hat, läuft durch Gänge, die mit "Am Schrebergarten" (bei den Dosenerbsen) oder "Wildpark" (mit ausgestopftem Fasan) beschildert sind und entspannt kurz auf dem Autosofa neben den Zeitschriften. Steven Schellhorn fasst zusammen: "Ich würde schon sagen, dass wir ein verrückter Laden sind."

Ihm folgend geht es Richtung Lager und Büro. Darin lümmelt Samuel Osayi vor dem Rechner, er schneidet das neueste Video. Der Student kümmert sich zusammen mit Azubi Niklas Schmidt um die Digitalisierung und den Online-Auftritt von Edeka Kolb. Bald 3000 Abonnenten haben sie bei Instagram, die Videos von "DanTV" bei Youtube brachten Mitarbeiter Dan Kramer Fans ein. "We had this probiert und es ist gut gelaufen", sagt der 56-Jährige mit amerikanischem Slang. In seinen Auftritten stellt der frühere Army-Soldat neue Angebote vor und erklärt auch schon mal die Corona-Regeln. Alles mit einem Augenzwinkern. Mittlerweile gibt es eigene Dan-Werbeartikel zu kaufen. "Es kommen Leute hierher, um ein Foto mit ihm zu machen", hat der stellvertretende Marktleiter Schellhorn erlebt. 

Nur fürs Single-Shopping ist ausgerechnet an diesem Freitagabend niemand in den Volkacher Supermarkt gekommen. Sonst sehe er öfters mal jemanden mit Herzchen herumlaufen, sagt Schellhorn. Die Idee stamme vom Chef Christoph Kolb selbst und komme ganz gut an. Er selbst jedoch sei in festen Händen: "Ich kriege Ärger, wenn ich das teste."

Es ist kurz vor 20 Uhr. Die letzten Kunden zahlen ihren Einkauf an der Kasse. Dan Kramer dreht seine Runde mit der Putzmaschine. Und die Schneeschaufeln vor der Tür werden gerade verräumt. Sie erinnern an den veralberten Werbespruch einer Partnervermittlung : "Ich paarschippe jetzt". An dem Abend hat allerdings niemand einen Partner zum Schneeschaufeln gefunden. Doch Mutige können sich ja an einem anderen Freitagabend in Volkach ein Herz anheften. Der Corona-Winter ist noch lang.

Wettbewerb "Supermarkt des Jahres"

Der Volkacher Edeka von Christoph Kolb zählt zur Kategorie „Selbstständige unter 2000 Quadratmeter“ und war "Supermarkt des Jahres 2017" und unter den Top 3 im Wettbewerb 2020.
Der Wettbewerb „Supermarkt des Jahres“ wird vom Lebensmittelpraxis-Verlag in Kooperation mit der Publikumszeitschrift „Meine Familie und ich“ durchgeführt. Eine Fachjury begutachtet alle Bewerbungen. Es folgen unangemeldete Besuche und Kunden können den Markt in punkto Service, Vielfalt, Frische oder Kundenfreundlichkeit bewerten.
Der Preis wird seit 1993 verliehen und ist nach Verlagsangaben die "Krone für Lebensmittelhändler". Es dabei mehrmals unter die Top 3 zu schaffen wie der Volkacher Edeka Kolb ist laut Heidrun Mittler von der Redaktion der Fachzeitschrift Lebensmittelpraxis  "die große Ausnahme und hat es in unserem Wettbewerb nur selten gegeben". Stefanie Schmitt von Edeka Nordbayern lobt den Ideenreichtum von Christoph Kolb, der zu der jungen Edeka-Kaufmanns-Generation gehöre. Branchenpreise wie der "Supermarkt des Jahres" seien für Edeka ein wichtiges Aushängeschild.
Quelle: bh