Er könne nicht mit Frauen umgehen und sei im Bett ein Versager: Mit solchen provozierenden Sätzen soll der 59 Jahre alte Horst L. wenige Tage vor seinem gewaltsamen Tod seinen Bruder Siegfried (54) auf die Palme gebracht und in dem Zusammenhang auch Fälle von Unzucht mit Schweinen erwähnt haben.
Da der auch noch damit drohte, dass man ihn vom Hof verjagen werde und er dann unter einer Brücke schlafen könne, sei ihm am Abend des 27. Januar 2011 "der Kragen geplatzt". Die angestaute Wut habe sich "entladen", so Siegfried L. gestern, am fünften Verhandlungstag im Dettelbacher Brudermord-Prozess vor dem Schwurgericht.

Verteidiger verliest Geständnis


Das Geständnis des Angeklagten hat sein Verteidiger Hanjo Schrepfer, "um nichts anbrennen zu lassen" , selbst vorgelesen und die Beantwortung von Zusatzfragen durch Gericht und Staatsanwaltschaft abgelehnt. Ausführlich wurde auf die jahrzehntelangen Spannungen zwischen den beiden Brüdern als Vorgeschichte des Verbrechens hingewiesen, das Geständnis unmittelbar beschränkte sich auf "erschlagen und in einem großen Weintank versteckt".
Ausgerechnet einer, der sein Leben lang mehr getrunken als gearbeitet hat, so das schriftliche Geständnis von Anwalt und Mandant, habe dem Angeklagten unter Anspielung auf die Eigentumsverhältnisse damit gedroht, dass man ihm vom Hof jagen werde. Das habe er einem gesagt, der immer hart gearbeitet hat. Die explosive Auseinandersetzung mit einige Tage später tödlichen Folgen war dadurch ausgelöst worden, dass der Angeklagte seinem Bruder unterstellte, ihm wieder einmal eine Beziehung kaputt gemacht zu haben. Deswegen hatte er ihn mit einem Knüppel attackiert und dabei an den Beinen verletzt. Der Bruder revanchierte sich mit einer Anzeige bei der Kitzinger Polizei.
Nach zwei Ehen, für deren Scheitern der Angeklagte seinen, "wenn es um das Thema Sex ging", hemmungslosen Bruder verantwortlich machte, war im Januar 2011 bei ihm auf seinem Hof wieder eine Frau eingezogen. Die hatte sich kurzfristig in einem Ortsteil von ihrem Lebensgefährten getrennt, "stand auf der Straße" und hörte von einem Bekannten, dass der Dettelbacher Winzer angeblich eine Wohnung zu vermieten habe.

Nur 13 Tage auf dem Hof


Nach telefonischem Kontakt kam die 51 Jahre alte Reinigungskraft auf den Hof und wurde leicht geschockt: Vermieten wolle er nicht, er suche eine Frau. Nach zehn Minuten Bedenkzeit, "draußen war es bitterkalt", so die Zeugin gestern vor dem Schwurgericht, sagte sie zu. Geschlafen wurde getrennt, sie im Schlafzimmer, er im Wohnzimmer, aber da habe er sich nicht daran gehalten. In den ersten zwei Nächten habe sie, was er wollte, über sich ergehen lassen, dann habe sie ihm gesagt, dass sie an Sex mit ihm nicht interessiert sei und daran habe der Mann sich dann auch gehalten. Nach 13 Tagen war sie allerdings zum ehemaligen Lebensgefährten zurückgekehrt, mit dem später Getöteten habe sie überhaupt keinen Kontakt gehabt, schon gar nicht intimen.

Tote Ratte vor die Haustüre gelegt


Der Angeklagte soll, nachdem er erneut mit seinem damals sieben Jahre alten Sohn allein war, Telefon-Terror veranstaltet und der nach Hause zurückgekehrten Frau angekündigt haben, dass sie das noch bereuen werde. In der ersten Nacht, die sie wieder bei ihrem Lebensgefährten verbrachte, wurde dort eine tote Ratte vor der Haustüre abgelegt, das Glas der Haustüre eingeschlagen und ein Motorroller der Frau aus der Garage entwendet.
Ihr Lebensgefährte wurde durch Lärm in der Nacht geweckt, sah den jetzt Angeklagten, einen seiner polnischen Helfer und einen unbekannten dritten Mann vor dem Haus, hatte aber vor allem vor dem Winzer Angst und blieb deswegen im Haus.
Als die Frau am nächsten Tag am Telefon die Rückgabe ihres Fahrzeugs forderte, das sie für die Fahrt zur Arbeit benötige, soll der Angeklagte gesagt haben, dass sie es in Polen holen könne. Die Bekannte für 13 Tage hat die Justizvollzugsanstalt in Würzburg angefleht, keine Post des Angeklagten mehr an sie weiterzuleiten, da sie vor ihm Angst habe. Die Kleider der Frau soll der Angeklagte nach ihrer Flucht aus seinem Haus in einem Ofen im Keller verbrannt haben .

Opfer nur betrunken gekannt


Als Zeugen kamen gestern auch Männer zu Wort, die mit dem später Getöteten oft und vor allem viel in dessen Behausung in einer Kelterhalle, neben dem Wohnhaus des Angeklagten, getrunken hatten. Auf die Frage eines Richters, wie Horst L. nüchtern war und wie unter Alkohol, erklärte einer der Zeugen, das könne er nicht sagen, weil er den Mann nie nüchtern erlebt habe. Zur Sprache kam, dass die beiden Brüder früher einmal gemeinsam zwecks Geschlechtsverkehr s eine der Ehefrauen des Angeklagten in ein Weinfass geschoben und sich dann über sie hergemacht hätten. Horst L. soll, wenn er Gäste zu Trinkgelagen in seiner Behausung hatte, nie zur Toilette , sondern immer nur ans Waschbecken gegangen sein. Und der Angeklagte soll eine seiner Ehefrauen einmal aus erzieherischen Gründen, weil sie seiner Meinung nach ein bisschen zu viel Alkohol konsumierte, bestraft haben, indem er ihr die Hände fesselte, ihr ein Fass über den Kopf stülpte und dann gegen ihren Willen mit ihr sexuell verkehrte.

Ex-Frau bat um ein mildes Urteil


Dramatisch verlief gegen Abend die Vernehmung der zweiten ehemaligen Ehefrau des Angeklagten. Die wollte aussagen, plädierte dafür, dass ihr Ex nicht zu hart bestraft wird, und versuchte, die Ehe mit ihm als gar nicht so schlimm, wie das Gericht meint, zu beschreiben.
Der Angeklagte sei kein schlechter Mensch, sei fleißig gewesen, habe Wein oft mit Wasser verdünnt. Er sei mal laut geworden, habe immer Recht haben wollen, und habe sie auch mal geschüttelt, "wie es halt in einer Ehe so üblich ist", übersetzte der Dolmetscher aus dem Polnischen. Geschlagen habe der Angeklagte sie in zehn Jahren höchstens dreimal, einmal davon heftig. Auf gezielte Fragen aufgrund aktenkundig gewordener Vorfälle sagte die Zeugin, sie sei selbst schuld und allein gewesen, als sie auf einer Treppe nach unten stürzte. Auf die Frage, ob sie mal zusammengeschlagen und auch noch getreten wurde, antwortete sie: "Nie". Auf bohrendes Nachfragen von Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen: "Ja", einmal habe der Angeklagte, als sie schlief, eine Zigarette auf ihrer Hand ausgedrückt. "Ja", einmal habe er ihr das Nasenbein gebrochen.
Der Oberstaatsanwalt bezeichnete die Vernehmung als einen über einstündigen "Unsinn", den er sich anhören musste. In der Kehrtwendung der Ex-Frau gegenüber früheren, den Angeklagten belastenden Aussagen sah er den Versuch der Frau, wieder an den gemeinsamen Sohn heranzukommen, der derzeit bei einer Schwester des Angeklagten lebt.
Die Verhandlung wird heute fortgesetzt.