"Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort." Als Schauspieler Willy Millowitsch mit dem Karnevalslied von 1960 die närrischen Massen begeisterte, entstand in der Brennerei Gehring in Fahr schon 39 Jahre lang Hochprozentiges. 61 Jahre später hat Martha Gehring immer noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Die leidenschaftliche Brennerin feiert in ihrem Betrieb den 100. Geburtstag.

Herzstück der Brennerei ist ein alter Wasserbadkessel aus dem Jahre 1958. In ihm wird doppelt destilliert. Das ist etwas ganz Besonderes, denn in den neuen modernen Brennereien wird das Destillat in einem Vorgang erzeugt. "Maische rein, der Destilliervorgang beginnt, fertiger Schnaps kommt raus", beschreibt die Inhaberin das heutige Brennen.

In "Madda" Gehrings Brennerei wird noch "gleichstromdestilliert". In ihrem mit Holz befeuerten Kupferkessel wird die Maische destilliert. Den anfallenden Lutter unterzieht sie einem zweiten Brennvorgang. Von der Obsternte bis zum fertigen Schnaps vergehen heute etwa vier bis sechs Wochen.

Zollbeamte müssen immer Zutritt haben

An der Wand des Brennraums hängt eine alte hölzerne Tafel. 146 Liter Maische fasst der Wasserbadkessel, so der Eintrag von 1958 auf der Tafel. Diese Mengenangabe war die Basis für die Versteuerung des Schnapses. In ihren Unterlagen hat die Brennerin noch die Grundrissskizze des gesamten Grundstücks. In dem Plan ist exakt eingezeichnet, wo sich die Destille befindet und wo der Lagerraum für die Maische ist. "In diesen beiden Räumen müssen Zollbeamte immer Zutritt haben", erklärt Gehring. Ein zweiter alter Plan zeigt das Schema der Wasserbadbrennerei der Volkacher Firma Baptist Heilmann mit den genauen Maßen und dem Betriebsablauf.

Die Historie von Wein und Destillat in ihrer Heimat geht Martha Gehring über die Lippen wie aus der Pistole geschossen. Der erfahrenen Gästeführerin und Dozentin fließt das Wissen um Silvaner und Hochprozentiges quasi in den Adern. "Die Brennrechte in der Region wurden in den Jahren 1921 und 1922 vom Staat ausgegeben", blickt sie zurück. Eines der vielen Rechte für die Obstbauern bekam ihr Opa, Eugen Konrad. Nutznießer waren damals auch der Staat. "Man konnte sich entscheiden, ob man seine Steuerabgaben in Mark oder Schnaps zahlen wollte." Heute geht das nur noch in barer Münze.

Bei der Oma war die strengste Brennerschule

Im Zweiten Weltkrieg führte Eugens Frau Agnes die Brennerei. Nach seinem Tod brannte sie alleine weiter. Ihr Glück, dass mit Enkelin Martha Gehring ein Nachkomme im Ein-Frau-Unternehmen einstieg. "Ich war damals 17 Jahre alt", erinnert sich Martha. "Bei meiner Oma habe ich die strengste Brennerschule erlebt, die ich mir vorstellen kann", sagt sie.

Omas Qualitätsorientierung gab sie mit scharfem Auge weiter. Gebrannt wurde nur gesundes Obst, für faule und schmutzige Zwetschgen und Birnen war im Brennkessel kein Platz. "Wenn beim Pflücken keine Topqualität im Korb war, hat sie herumgemeckert", erinnert sich Gehring. Die Vergärung musste zügig vorangehen. "Das Obst durfte nicht lange herumstehen." Die Brennerei war für das Schulkind Martha oft Aufenthaltsort: "Ich habe darin sogar meine Hausaufgaben gemacht."

Schnaps ist heute zweites Standbein der Winzer

Im Laufe der Jahre tauschte sie die alten Holz- gegen Edelstahlfässer aus. Heute ist die Destillat- und Likörvielfalt im Betrieb in der Traubengasse 7 groß: Williams, Mirabelle, Zwetschge, Reneclaude, Apfel, Traube, Weinbrand, Pfirsich, Waldbeere und Johannisbeere lagern in Fässern und Flaschen. Alle zwei Jahre wird die alte Brennanlage überprüft und der Kundendienst durchgeführt.

In die Zukunft blickt Martha Gehring zuversichtlich. Bedingung für Erfolg sei "Qualität, Qualität, Qualität." Früher sei Schnaps eine Art Resteverwertung und Zusatzeingekommen gewesen. "Heute ist er das zweite Standbein der Winzer und ein wichtiger Bestandteil in den Restaurants."

Und wie sieht es mit der Zukunft der Brennerei der 58-Jährigen aus? Das Interesse bei Martha Gehrings erwachsenem Nachwuchs müsste erst noch geweckt werden. Aber vielleicht wird ja wieder ein Enkelkind zum Glücksfall für Gehrings Hochprozentiges.

An der Mainschleife gibt es 155 aktive Brennereien. Mittlerweile gibt es wieder Anträge auf neue Brennrechte, vor allem von jungen Leute, die kein Streuobst brennen, sondern Gin, Rum und Whiskey erzeugen.
Das Brennrecht heißt mittlerweile Brennerlaubnis. Brennen kann im Prinzip jeder, der die Voraussetzungen erfüllt.
Quelle: Hauptzollamt Schweinfurt