Ortseinsichten standen auf der Agenda des Iphöfer Bau- und Umweltausschusses. Nichts Ungewöhnliches. Immer wieder nimmt Bürgermeister Josef Mend sein inzwischen auf zehn Mitglieder gewachsenes Gremium ins Schlepptau, um „vor Ort“ über Dinge zu entscheiden. Das klappt in der Regel ziemlich gut, aber an diesem Abend gleitet die Sache ab ins Absurde.

Erste Station: der Friedhof in Dornheim. Dorthin ist das Gremium, das auch noch den Zusatz „Umwelt“ im Titel trägt, mit etwa zehn Fahrzeugen gekommen. Nur der ehemalige Stadtrat Michael Klein kam mit dem Fahrrad, aber der wohnt ja auch in Dornheim. Die Autos rund um den Friedhof parken kreuz und quer – und damit ist das Problem, um das es geht, bereits ersichtlich. Parkplätze sollen hier für die Besucher geschaffen werden, am besten im Pfarrgarten. Dazu müsste die Mauer entlang der Straße weichen.

Eine Hecke soll als Abgrenzung zum Garten gepflanzt werden, sechs bis sieben Längsparkplätze könnten so entstehen, wie Stadtplaner Franz Ullrich sagt. Immerhin er ist beim Bürgermeister im Auto mitgefahren. In der aufziehenden Dämmerung sehen sich die Räte das Ganze noch von der Gartenseite aus an – und machen sich anschließend auf zur zweiten Station ihrer abendlichen Tour.

Vor einem abgetakelten Anwesen, in dem zuletzt eine ältere Frau gelebt haben soll, verharrt der Tross. Jetzt ist das Gebäude in der Altmannshäuser Straße 24 im Eigentum der Stadt Iphofen, die es vor acht Jahren gekauft hat, vielleicht ist es auch schon zehn Jahre her. Ein Fenster an der hinteren Seite ist zersplittert. Aber noch rüttelt Bürgermeister Mend im vorderen Bereich an einer Eisenkette, die das Eingangstor verschlossen hält. Nachdem es allen Versuchen widerstanden hat, es mit den zahlreichen Schlüsseln zu öffnen, begibt sich die Delegation zur Rückseite. Dort lässt sich wenigstens ein Bauzaun auf dem Grundstück zur Seite zerren. Ins Haus selbst kommen die Besucher nicht mehr. Der Augenschein reicht auch so, um es dem Abbruch zu weihen.

Da sie schon mal da sind, schauen sich die Stadträte noch etwas im Dorf um: die ausgefahrenen Grünstreifen und Wasserrinnen an den Fahrbahnrändern, die kaputten Fußwege, den sanierten Löschweiher. Dann geht es zurück zu den Autos. Es ist jetzt dunkel, aber noch steht ein Termin an. Das Anwesen in der Einersheimer Straße 9 in Iphofen wirkt gespenstisch. Auch dieses Haus gehört der Stadt, verlassen seit Jahren und in einem erbärmlichen Zustand. Schon einmal war der Bauausschuss da, im Sommer 2015 – doch damals war die Flüchtlingslage noch eine andere.

Der Ausschuss war sich mit Bürgermeister Mend einig: Das Haus zu sanieren lohnt sich nicht. Es hat nicht einmal eine Heizung. Also: abreißen und Platz für Bauland schaffen. Dann aber hatte Stadtrat Rupert Maier eine andere Idee. Die Substanz sei zu wertvoll für einen Abbruch. Warum nicht Flüchtlinge darin unterbringen? Der Bürgermeister bestellte die Räte noch einmal zu einer Ortseinsicht. Sollen sie doch selbst sehen, wie marode das alles ist, so die Hoffnung des Bürgermeisters.

Im diffusen Schein von Handydisplays und Taschenlampen steht ein Trupp dunkler Gestalten vor der Tür des Abbruchhauses. Mend hat wieder den Schlüsselbund zur Hand, nestelt an der Tür. Aber keiner der Schlüssel passt. Einer aus der Gruppe hat einen Blitzgedanken: einfach mal klingeln. Vielleicht öffne ja jemand.

Der Bürgermeister flucht leise. Dann greift er zum Handy und wählt die Nummer des Bauhof-Leiters. Was denn da zum Teufel los sei, will er wissen. „Hat von euch einer die Schlösser ausgewechselt?“ Ach, sagt der andere, das habe er ganz vergessen zu erwähnen: Tags zuvor habe hier die Feuerwehr geübt und das Schloss tatsächlich erneuert. Mend schnauft tief durch – und bläst zum Rückzug: ab ins Rathaus. Könnte sein, dass es bald eine neue Ortseinsicht gibt.