Ein Schuss knallt. Die Vorderbeine des Wildschweins knicken ein. Es überschlägt sich und bleibt auf der Wiese liegen. Tot. Doch das Schwein hat Schwein gehabt. Es ist nur den Leinwandtod gestorben – im Schießkino Hubertus in Herrnsheim. 

Was sich für Nicht-Jäger seltsam anhört, ist für Waidmänner gang und gäbe. Statt in den Wald geht es ins Kino. Oder wie Hubertus von Crailsheim sagt: "In unser Wohnzimmer." Er hatte die Idee. Anfang des Jahres übernahm der 43-Jährige die Herrnsheimer Firma Hiller Landtechnik Metallbau und hatte Platz. Oder  besser gesagt einen Raum, den er nicht nutzte. Wie viele Jäger ging auch von Crailsheim immer wieder ins Schweinfurter Schießkino und ärgerte sich oft, dass er keinen Platz bekam. Warum also nicht ein Schießkino in Herrnsheim eröffnen? Sessel, Couch und Küche sorgen für das heimelige Gefühl, während ein Beamer die Jagdszene auf eine weiße Wand projiziert.

Luftballons vor Südseekulisse

Doch erstmal machte Corona den Besuch unmöglich. Seit Ende September ist das Kino nun eröffnet und nicht nur Jäger kommen. "Ich hatte auch schon eine Gruppe Frauen da", sagt von Crailsheim. Denn: Wer ins Schießkino möchte, braucht keinen Waffenschein und kein eigenes Gewehr. Auch auf Tiere muss nicht geschossen werden. Luftballons, Dosen oder Biathlonscheiben können auch ausgewählt werden. Dazu noch den Szenenhintergrund, den der Schütze gerne hätte. Luftballonschießen in der Südsee ist ebenso möglich wie Biathlonschießen im eigenen Garten oder die Wildschweinjagd auf dem Schwanberg.

Die Technik und Stephan Drobek machen es möglich. "Ich bin der Szenendesigner", sagt er lachend. Im Grunde genommen braucht er für den Hintergrund ein querformatiges Foto und kann es dann mit der gewollten Schießszene kombinieren. Den Schlosspark auf dem Schwanberg, die Gaibacher Konstitutionssäule oder den Schießgrund in Iphofen hat er schon eingespielt. "Wir schießen lokal", sagt er und grinst. 

Andreas Hiller und Frank Eyßelein, beide Jäger, sind zum ersten Mal im Herrnsheimer Schießkino. Die klassischen Kinos, mit einem Film, einer Papierwand und echter Munition kennen sie. Aber das nur mit einer hochauflösenden Kamera am Gewehr geschossen wird, ist ihnen neu. "Kein Laser", wie von Crailsheim betont. Wer möchte, kann sein eigenes Gewehr mitbringen. Die Kamera wird an den Gewehrlauf angeschraubt und ist über ein Kabel mit einem Computer verbunden. Auf die Wand wird neben der Jagdsituation auch ein extrem engmaschiges Gitternetz geworfen. Schießt der Schütze mit dem Gewehr auf das Ziel, erkennt die Kamera genau das Einschussloch. Und: Sie erkennt auch die Bewegung, wie der Schütze das Ziel erfasst hat und wo genau das Tier getroffen wurde. 

Kostengünstig Verantwortung lernen

"Du musst das Gewehr einen Ticken höher halten", sagt von Crailsheim zu Frank Eyßelein. Der Hirsch wäre zwar tot, aber er hätte ihn besser treffen können. Das zeigt die Analyse. Auf einem Hirsch-Bild ist rot die Zone eingezeichnet, in der ein Schuss auf jeden Fall tödlich ist. 

"Wir Jäger haben eine Mega-Verantwortung. Wir schießen auf ein Lebewesen", sagt von Crailsheim. "Das sollte man nicht im Wald üben." Mit dem Simulator lernen die Jäger genauer zu schießen und Fehler abzustellen. "Diese detailgetreue Analyse ist im klassischen Schießkino nicht möglich", erklärt er nur einen Vorteil dieser Technik. Etwa 20 gewerbliche Schießkinos gibt es in Deutschland. Der andere Vorteil seien die Kosten, die für den Schützen nicht entstehen. In Herrnsheim wird keine echte Munition verschossen. Rechne man etwa einen Euro pro Schuss, spare der Schütze richtig viel Geld. Von Crailsheim rechnet vor, dass ein Nachmittag, bei dem auf Tontauben geschossen wird, locker 500 Euro kosten könne.

Aber war ist mit dem fehlenden Rückstoß? Wie kann mit einer Kamera ein realer Schuss simuliert werden? Dieses Argument lässt von Crailsheim nicht zählen. Der Rückstoß schmerze und mit der Zeit erinnerten sich Muskeln an den Schmerz. Auf der Jagd verkrampfe sich der Körper kurz vorm Abdrücken. Augenblicke, die den perfekten Schuss verhindern können – und von Crailsheim zufolge ausgeglichen werden durch das Training im Simulator. 

Entspannung im Wald, Wärme im Kino

Andreas Hiller vermisst den Rückstoß nicht. Von der Schussauswertung ist er begeistert. "Das bringt richtig viel", sagt der 38-Jährige, der seit elf Jahren auf die Jagd geht. Sein Problem: Der Vorhalt, also der Punkt, auf den er zielen soll, da das Tier weiter rennt. Da kann er im Hernsheimer Schießkino richtig viel üben. Wird nämlich mit Munition geschossen, sind etwa 160 Schuss in einer Stunde möglich. "Dann ist der Schütze aber fix und fertig", erklärt von Crailsheim. Hiller und Eyßelein nicken. In seinem Kino hatte von Crailsheim schon Jägergruppen, die in zwei Stunden 1700 Schuss abfeuerten. 

Ein weiterer Vorteil für Hiller und Eyßelein: Sie können schnell etwas für ihre Schießfertigkeit tun. "Wegen einer Stunde geht man nicht in den Wald", sagt Eyßelein, der seit fünf Jahren Jäger ist.  "Außerdem ist es hier warm und trocken", sagt er und lacht. Hiller grinst. Mit dem Wald ist das Schießkino trotz Realitätsnähe nicht vergleichbar. "Die Ruhe, im Wald sein, das ist einfach entspannend", sagt Eyßelein. Das sehen Hirsche, Wildschweine und Hasen sicherlich anders.

Das Schießkino Hubertus ist ein systemrelevanter Schießstand für Jäger. Unter Einhaltung der Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen dürfen Jäger auch während des Lockdowns in das Schießkino. Für Nicht-Jäger ist das Kino aktuell geschlossen. Die Autorin besuchte das Schießkino noch vor dem Lockdown.

Mein erstes Mal im Schießkino

"Keine Straßennamen, aber ein Kino",  dachte ich, als ich vom Schießkino Hubertus in Herrnsheim gehört habe. Wer geht denn da hin? Wird da nur drauf losgeballert? Mit einem "Du musst aber auch schießen", schickten mich die Kollegen los. Meine Schießerfahrung: Die Bescheinigung eines Soldaten bei einem Bundeswehr-Kennenlerntag, ich soll das mit dem Schießen doch lieber lassen.
Aber ich war für einen zweiten Versuch offen. Und es hat Spaß gemacht. Ich zielte auf Luftballons, Dosen und Biathlonscheiben. Und ich war gut. Fast alles habe ich getroffen. Das fühlte sich spitze an, machte Spaß und man will mehr. Ok, die Ziele waren relativ nah da, die Geschwindigkeit war für einen erfahrenen Schützen sehr langsam, aber immerhin. 
Gemerkt habe ich, wie schwer es ist, die Konzentration und vor allem auch das etwa 3,5 Kilo schwere Gewehr ruhig zu halten. Da zitterten am Ende schon die Arme. Schießen mache ich jetzt nicht zu meinem Hobby und auch Jägerin will ich nicht werden, aber ab und zu ins Schießkino, kann ich mir schon vorstellen.
Quelle: jul