Im Dienst der Wissenschaft machen die Forscher mitunter seltsame Sachen. So kommt es vor, dass sie beispielsweise des Nachts durch den Wald laufen. Immer in der Hoffnung, etwas Spannendes zu entdecken. Dass etwas ihren Weg kreuzt, das es so noch nicht gab und deshalb im Idealfall bald schon den Namen seines Entdeckers trägt. 

So gesehen muss es nicht weiter verwundern, dass vergangenen Sommer eine Frau durch finstere Eichenwälder bei Wiesentheid streifte. Dabei handelte es sich um die Doktorandin Sophia Hochrein, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, heimischen Insekten auf den Zahn zu fühlen. 

Der nächtliche Streifzug durchs Kitzinger Land sollte sich lohnen. Was der Wissenschaftlerin da in Form eines Nachtfalters ins Netz gegangen war, darf man getrost als Kostbarkeit bezeichnen. Manche sprechen sogar von einem kleinen Wunder, einer Sensation. Das Sensations-Wunder trägt den wunderschönen Namen Helle Pfeifengras-Grasbüscheleule, wobei Fachleute von Pabulatrix pabulatricula sprechen.

Nächtlicher Streifzug

Einer dieser Kenner ist Hermann Hacker von der Ökologischen Station der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Der Schmetterlings-Experte staunte nicht schlecht, als er die Beute des nächtlichen Streifzugs sah: Pabulatrix pabulatricula gilt in Mitteleuropa seit Jahrzehnten als ausgestorben und ist auch anderswo auf der Welt kaum verbreitet. Vereinfacht gesagt: Bis auf Hermann Hacker und seine Doktorandin kennen höchstens noch eine Handvoll Leute die Helle Pfeifengras-Grasbüscheleule.

Die Wiederkehrerin lebt in lichten, alten Eichenwäldern, gerne mit größeren Beständen an Immergrün. Ihre Raupen fressen ausschließlich Pfeifengras, was dem Falter auch seinen klangvollen Namen gab. Wie sehr Pabulatrix eine Rarität in der einheimischen Nachtfalterfauna ist, zeigt laut JMU-Zoologen, dass er zu einer ganzen Anzahl bemerkenswerter Arten gehört, die schon vor 100 bis 150 Jahren aus den mitteleuropäischen Wäldern verschwanden. 

Nach dem ersten überraschenden Fund eines Pabulatrix-Exemplars im Juli 2019 machten sich Fachleute der JMU in diesem Sommer erneut auf die Suche. Und siehe da: Totgesagte leben tatsächlich länger. Diesmal wurden gleich mehrere Exemplare des seltenen Falters nachgewiesen. Das Ganze läuft sogar als großes Forschungsprojekt, das die JMU und die Technische Universität München zusammen mit der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft durchführen. In dem Projekt wird die Massenvermehrung von Schwammspinnern in Unter- und Mittelfranken untersucht. Der Schwammspinner gehört ebenfalls zu den Nachtfaltern.

Wiederauftauchen eine absolute Ausnahme

Wie und warum es zu dem Wiederauftauchen kam und warum das in einem Waldstück bei Wiesentheid passierte, muss noch erforscht werden. Bekannt ist immerhin, dass Arten über Jahrzehnte unter der Nachweisschwelle überleben können und dann plötzlich mit einem freundlichen "Hallo, da bin ich wieder!" die Fachwelt in Verzückung geraten lassen. Wobei Hermann Hacker schon deshalb verzückt ist, weil für eine Wiederkehr einiges stimmen muss: So braucht jede Art eine Fläche mit einer bestimmten Mindestgröße, die wiederum eine Mindestgröße der Population garantieren kann. 

Ein Hoch auf die Waldbewirtschaftung

In einer Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg – aus der wir hier berichten – kommt zur Wiederkehr-Meldung noch der Dank. An die verantwortlichen Förster, an Forstbetriebsleiter Christoph Riegert vom Forstbetrieb Arnstein und an seinen Kollegen Klaus Behr vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kitzingen. Sie dürfen in der Meldung darauf hinweisen, "welch wertvolle Wälder durch die Bayerischen Staatsforsten betreut werden". Letztlich sichere "umsichtige und naturnahe Waldbewirtschaftung seltenen Arten den Lebensraum". Die Helle Pfeifengras-Grasbüscheleule dürfte sich dieser Meinung vorbehaltlos anschließen.