Wenn Sandra Malguth sich freut, funkeln ihre Augen wie Bernsteine im Sonnenlicht. "Alle sind aufgewacht! Endlich ist wieder Leben in der Station..." Die Bernsteine blitzen wie Diamanten. Der Grund sind 34 Landschildkröten, die mittlerweile die Winterstarre gegen Frühlingsgefühle getauscht haben - und die Schildkröten-Auffangstation in Hoheim mit quirligem (Liebes-) Leben füllen.
In roten, grünen und blauen Kisten hatten die Reptilien bei 4 bis 6 Grad Celsius in großen Schränken überwintert. Ganz starr lagen sie in Erde eingegraben und mit Laub zugedeckt. Ihr Herz schlug nur wenige Male pro Minute. "Gerade während des starken Februar-Frostes hab' ich ständig die Temperatur überwacht. Es darf nicht zu warm, aber auch nicht zu kalt sein", erklärt Stationsleiterin Sandra Malguth, die schon als Kind eine Leidenschaft für Schildkröten entwickelte. "Ich bin ein Kontroll-Freak."

Eine aufregende Zeit


Der Einsatz der Hoheimerin wurde belohnt. Mitte März, als sich die lang ersehnte Sonne öfter zeigte, ließ Malguth die Temperatur in den Winterschlafschränken Stück für Stück steigen. Vor etwa zwei Wochen öffneten die ersten ihrer Schützlinge wieder die Augen.
"Das ist eine sehr aufregende Zeit", schildert Sandra Malguth ihre Empfindungen. "Die ganze Familie und viele Freunde sind ganz heiß aufs große Erwachen. Es ist herrlich, wenn die Gehege wieder belebt sind. Ohne die Schildis fehlt uns wirklich was."
Daggy, Sandras Schildkrötenmann der ersten Stunde, war auch heuer der Schnellste. Daggy und Phillipp toben seit Tagen zwischen Kräutern, Gräsern und Steinen herum. "Grundsätzlich sind die Maurischen Landschildkröten nach der Starre gleich wieder aktiv und wollen an die Weibchen, während die Griechen sich Zeit lassen."
Apropos Zeit: Früh um halb sechs schwingt Sandra Malguth sich tagtäglich auf ihr Fahrrad und radelt zu einer eigens angelegten Kräuterwiese auf ihrem Grundstück am Ortsrand Hoheims. Dort erntet sie Delikatessen für ihre putzigen Panzerträger, zu denen auch einige Breitrand- und Vierzehen-Schildkröten zählen. Zurück in der Station, die auch als "Schildi-Hotel" bekannt ist, macht sie ihren ersten Rundgang. "Ich öffne die beheizten Schutzhäuser, mache die Wasserschalen sauber, gebe Futter in die Gehege." Danach geht sie in ihr eigenes Haus und weckt ihre beiden Kinder. Sind Mann und Kinder auf der Arbeit und in der Schule, geht die eigentliche Arbeit auf Station für die Leiterin erst richtig los.

"Tiere nie aussetzen!"


Misshandelte, kranke, falsch ernährte, beschlagnahmte und überzählige Schildkröten - sie alle werden in Hoheim von liebevollen und fachkundigen Händen aufgepäppelt. Als Vorsitzende eines mittlerweile 30 Mitglieder starken Vereins organisiert Sandra zudem Kräuterexkursionen, Info-Stände und Begehungen der Anlage. In Kindergärten und Schulen werden Vorträge gehalten. "Tierärzte unterstützen uns ebenso wie Schildkrötenfreunde und Experten der Auffangstationen in München und Dorsten. Außerdem engagieren sich viele Freunde, Vereinsmitglieder und meine ganze Familie ehrenamtlich." Auch die Zusammenarbeit mit Veterinäramt und Unterer Naturschutzbehörde "ist wirklich gut und wichtig", freut sich die 40-Jährige.
Trotz "immenser Tierarztkosten" arbeitet die Station kostendeckend - persönlicher Einsatz, Spenden, Pensionstiere und die Beiträge der Vereinsmitglieder machen´s möglich. Für aufgepäppelte Tiere sucht Sandra liebevolle, fachkundige Besitzer.
Sandra Malguth möchte die Station gern vergrößern und auch Wasser- und Sumpfschildkröten aufnehmen, denn "gerade solche Tiere sind lebendige Wegwerfware und werden oft an Gewässern einfach ausgesetzt", weiß die Fachfrau. "Das ist unverantwortliche Tierquälerei und geht auch zu Lasten der heimischen Natur, denn daraus entsteht Faunenverfälschung."
Jetzt blitzen die Bernsteine besonders leidenschaftlich: "Ich wünsche mir, dass alle Leute sich genau informieren, ob sie tatsächlich ein Tier haben wollen, das 90 Jahre alt werden kann und immens hohe Ansprüche an eine artgerechte Haltung stellt."