Mit dem Wurf einer Wasserbombe und von Metallteilen auf die Organisatorin endete im April 2020 eine kleine Reihe von Balkonkonzerten vor einer Seniorenwohnanlage im Landkreis. Nach diesen Würfen stellte eine 55-Jährige ihre Versuche ein, die Bewohner im coronabedingten ersten Lockdown mit deutschen Schlagern aus dem Auto heraus aufzuheitern.

Verantwortlich für das Ende der Konzerte soll ein Rentner gewesen sein. Der erhielt wegen der Würfe einen Strafbefehl. Der Vorwurf: versuchte gefährliche Körperverletzung. Er legte Einspruch ein. Mit Erfolg: Richterin Patricia Finkenberger stellte das Verfahren vor dem Amtsgericht Kitzingen ein. Die Würfe waren dem Mann nicht nachzuweisen.

Stimmungsaufhellung für Rentner

Die Idee zur Stimmungsaufhellung zu Beginn der Coroanzeit war der 55-Jährigen nach einem Besuch ihrer Schwiergermutter in der Wohnanlage gekommen. "Die Stimmung wurde nach den Einschränkungen immer schlechter", sagte sie vor Gericht. Offenbar inspiriert von den damals viel beklatschten Balkonkonzerten, vor allem im südlichen Europa, kam sie auf die Idee, die Senioren ebenfalls aufzuheitern.

Die Frau fuhr also mit ihrem Auto  vor die Wohnanlage und lockte mit deutschen Schlagern die Senioren auf ihre Balkone. "Sierra Madre und  Hansi Hinterseer kamen gut an", sagte sie aus. So gut, dass sie das Programm nach und nach ausbaute. Nicht nur am Morgen, sondern auch am Abend gab es bald darauf ein paar Schlager aus der Konserve. Später kamen zusammen mit einer Fitnesstrainerin Gymnastik-Einheiten dazu und am Sonntag "moderne christliche Lieder", wie sie erzählte. "Es waren immer 13 bis 14 Leute mit dabei", sagte die 55-Jährige. – Also eine gelungene Aktion?

Unterhaltung oder Radau?

Fast. Einem der Bewohner ging die Sache zu weit. Für ihn waren die  Schlager schlicht Lärmbeläsigung. Er schaltete die Polizei ein. "Ich habe gesagt, sie soll mit dem Radau aufhören", sagte der Mann, der nun als Angeklagter vor Gericht stand. Nach den Aussagen der Konzertorganisatorin sei der Ton entschieden härter gewesen: Beleidigungen habe es gegeben; der Mann sei "ausgeflippt und aggressiv" geworden.

In dieser Phase kam es zu den Würfen. Knapp neben dem Auto und den beiden Frauen, die die Senioren mit Musik zum Sport aufforderten, landete  zunächst eine Wasserbombe, also ein mit Wasser gefüllter Plastikbeutel, und dann noch ein Metallteil. Für die Frau war klar, die Wurfgeschosse kamen aus der Wohnung des Schlagergegners. Sie zeigte ihn an. "Die Schlageraktion habe ich ausklingen lassen. Das wurde mir zu aggressiv", sagte sie dem Gericht.

Dort hatte sich der beschuldigte Mann bestens auf seinen Auftritt vorbereitet. Seine Botschaft: "Ich habe mit der Sache nichts zu tun." Mit  Hilfe eines Online-Anwalts hatte er unter anderem ein Ballistik-Gutachten erstellen lassen. "Das beweist, dass ich die Dinge gar nicht geworfen haben kann", argumentierte der Rentner. Daneben hatte er einen eineinhalbseitigen Fragenkatalog an die Zeugin und Organisatorin der Konzerte vorbereitet.

Tat war nicht nachzuweisen

Beides kam, zur sichtbaren Erleichterung des Gerichts, nicht zum Einsatz. Nach der Zeugenaussage der Frau war nämlich bald klar, dass der Tatnachweis nicht zu führen war.  Die 55-Jährige hatte die Würfe nicht gesehen. Weil das Fenster in der Wohnung des Mannes dann geschlossen wurde, sei sie davon ausgegangen, dass die Wurfgeschosse von dort gekommen waren. Weitere Ermittlungen der Polizei gab es jedoch nicht, weitere Beweise oder Zeugen auch nicht.

"Wir können alle nach Hause gehen", sagte Richterin Finkenberger und schlug die Einstellung des Verfahrens vor. Die Staatsanwaltschaft machte mit, der Angeklagte auch, obwohl er gerne seine Unterlagen präsentiert hätte. Damit ist die Sache für ihn vom Tisch. Gegen die Frau läuft nach einer Anzeige des Rentners noch ein Verfahren wegen falscher Verdächtigung. Was daraus wird, blieb in der Verhandlung offen.