Wenn Emma Roßmark in ihrem Haus in Fröhstockheim die Türe zu zwei Nebenzimmern öffnet, dann blicken sie über 1000 Augen an. Die sind zwar aus Kunststoff oder Glas und sitzen in Köpfen, deren Körper in bunten Kleidchen und unter den urigsten Kopfbedeckungen stecken. Aber sie ist einfach eindrucksvoll, die Schar von über 600 Puppen, die Emma Roßmark ihr Eigen nennt. Und sie hat jede selbst eingekleidet. Das Ergebnis von mehreren Jahrzehnten Arbeit, in denen sich die 85-Jährige meistens die Zeit beim Fernsehschauen vertreiben wollte.

Nein, eine Barbie-Puppe ist nicht ihr Ding. Und unter den zwischen drei und 90 Zentimeter großen Puppen findet sich auch allenfalls eine, die weibliche Formen und ein elegantes Oberteil trägt. „Das war mal ein Versuch, ansonsten lasse ich mich gerne einfach treiben beim Stricken“, lacht die Mutter dreier Töchter, die mittlerweile auf sieben Enkel und acht Urenkel stolz ist.

Für die Kinder hat Emma Roßmark allerdings nicht mit dem Stricken, Häkeln und anderen Handarbeiten rund um die Puppenschar begonnen. Handarbeiten hätten sie schon immer fasziniert. Ihre Tante war Modistin, fertigte Kopfbedeckungen an und hatte ein feines Händchen für Stoffe und Details. Vielmehr habe sie mit der Arbeit an den Puppen begonnen, um sich abzulenken und zu entspannen. Das Leben auf ihrem Hof in Fröhstockheim sei ein arbeitsreiches gewesen. Nicht nur, was die Landwirtschaft angeht. Wenn sie früher strickte, dann in erster Linie Socken oder Schals für ihren Mann, die Kinder und natürlich sich.

Seit zehn Jahren ist Emma Roßmark Witwe, der Nachwuchs wohnt weitestgehend außerhalb und der Hof wird schon lange nicht mehr bewirtschaftet. Gerade in den Wintermonaten, wenn dann auch im Garten nicht mehr viel zu tun und die Hausarbeit erledigt ist, dann sitzt sie in der Stube und greift zu Stricknadel, Wolle und Faden. Dunkelhäutige Puppen gibt es zu sehen, die fantasievolle, bunte Kostüme mit Pailletten und Ornamenten tragen. Daneben authentische Trachtler mit selbst genähter Lederhose und Tirolerhut, eingedampft und verkleinert. Stolz strahlt eine Braut im weißen Hochzeitskleid, aus einem Rest Gardine angefertigt. Eine Puppe trägt sogar die Jacke des Männergesangvereins aus Fröhstockheim. Und ein Schalke-04-Fan hat sich auch unter die Gesellen gemischt.

Früher habe sie viele Puppen auf Flohmärkten gekauft und dann entsprechend verziert. Später hätten ihr auch Leute einfach welche gebracht, die nicht mehr gebraucht wurden. „Ich lasse mich inspirieren. Einer blonden und schlanken Puppe zieht man etwas anderes an als einer dunkelhaarigen und molligen“, sagt Emma Roßmark. Oft beginne sie einfach mit einer Arbeit und sei dann selbst überrascht, was am Ende heraus gekommen sei.

Dass im Lauf der Jahre über 600 Puppen von ihr herausgeputzt wurden, habe sie irgendwann selbst überrascht. Glücklicherweise habe sie genügend Platz im Haus, um alle unterzukriegen. Jedoch wird es in den zwei Zimmern mittlerweile schon sehr eng. Und Emma Roßmark hat Vorkehrungen getroffen, dass keine Motten ihre kleinen und großen Kunstwerke auffressen.

Für die Öffentlichkeit sind die Puppen nicht bestimmt. Allenfalls kommen mal Kindergarten- oder Schulkinder vorbei, um sich die Puppenpracht anzuschauen. „Heutzutage interessieren sich ja die Kinder mehr für Computerspiele und Plastikspielzeug“, sagt Emma Roßmark. Und viele weitere möchte sie auch nicht mehr produzieren. Zum einen, weil es ohnehin schon genügend sind, zum anderen, weil das Alter vielleicht langsam die feinen Handgriffe nicht mehr so zulässt. Man mag es Emma Roßmark aber kaum glauben, dass sie bald Stricknadeln und Wolle beiseite legt. Denn der nächste Winter kommt bestimmt.