Das Thema Bau einer Salatzucht hat sich für dem Markt Wiesentheid offensichtlich erledigt. Das holländische Unternehmen Delissen hat nach eigener Aussage kein Interesse mehr an dem Projekt. "Wenn da so viele Leute dagegen sind, macht das keinen Sinn. Es ist schon ein bisschen frustrierend", bekundete Firmeninhaber Mark Delissen auf Nachfrage. Vor genau einem Jahr, im August 2019, hatte sein Unternehmen den Bauantrag zunächst einmal zurück gezogen. Seither herrschte Ruhe, wegen Corona, oder aus anderen Gründen. Im Rathaus wusste niemand, ob und wann das Unternehmen einen neuen Vorstoß machen würde. Nun ist das Ganze vom Tisch.

In Wiesentheid sei der Widerstand zu groß, um die Pläne weiter zu verfolgen. "Das hat keinen Sinn, das würde eh alles abgelehnt", sagte Delissen. Zumal seit Mai die Freien Wähler mit Klaus Köhler den  Bürgermeister stellen, ausgerechnet die Gruppierung, "die besonders dagegen war", wie es Delissen formuliert.

Sein Unternehmen habe dort zwar viel Geld in die Vorbereitungen gesteckt, nun habe man einen anderen Standort in Auge gefasst. "Wir kommen auch in Bayern zurück", versprach der Unternehmer. Wohin, das wolle er angesichts noch laufender Gespräche nicht bekannt geben.

"Wenn da so viele Leute dagegen sind, macht das keinen Sinn. Es ist schon ein bisschen frustrierend."
Firmeninhaber Mark Delissen

Das familiengeführtes Unternehmen aus Beesel in der niederländischen Provinz Limburg hatte in Wiesentheid Großes vor. Dort sollte auf einer Fläche von 17,4 Hektar eine Salatzucht unter Glas entstehen. Das Ganze sollte mit einem modernen Anbausystem ausgestattet werden, in dem laut Ankündigung von der Aussaat bis zur Endverpackung alles unter nachhaltigen Gesichtspunkten geschieht. In Gewächshäusern sollten dort im Endausbau im Sommer 100 000 Salatköpfe pro Tag geerntet werden, im Winter rund die Hälfte, um Supermärkte in Süddeutschland zu versorgen.

Für das etwa 24 Fußballfelder große Areal wurde zunächst eine Fläche im Osten Wiesentheids, unweit der Autobahnabfahrt, ins Visier genommen. Bereits 2017 richtete das Unternehmen eine Voranfrage an die Gemeinde, die es zunächst ablehnte. Im Januar 2019 kam das Ganze konkreter auf den Tisch, im Rathaus ging ein Bauantrag ein, die Gemeinde war gefordert, und suchte nach Möglichkeiten, das unliebsame Projekt abzuwenden.

Widerstand regte sich schnell

Zumal sich in Wiesentheid ziemlich schnell Widerstand gegen das Projekt regte. Man suchte nach  Gegenargumenten und fand diese. Der landwirtschaftliche Betrieb bringe der Gemeinde keine Steuereinnahmen, die bis zu 30 entstehenden Arbeitsplätze wären sowieso vor allem im Niedriglohnsektor. Das sei wenig Nutzen für die Gemeinde, die dafür große Gewächshäuser in freier Landschaft erhalte. Außerdem liege Wiesentheid in einer der niederschlagsärmsten Regionen Deutschlands.

Die Holländer schienen trotzdem an ihren Bauabsichten festzuhalten, was die Bürger verstärkt auf den Plan rief. Im Juni 2019 gründete sich ein Aktionsbündnis "Gegen die Salatfabrik", das wenig später zu einer Demonstration in der 4000-Einwohner-Gemeinde aufrief. Rund 500 Bürger beteiligten sich daran.

"Ich freue mich natürlich, dass dieses Großprojekt nicht verwirklicht wird. Wiesentheid halte ich sowieso für den falschen Standort dafür."
Harald Godron, Umweltreferent des Gemeinderats

Vor Ort wurde der Rückzug der Holländer eher erleichtert aufgenommen. "Das wird für die Wiesentheider kein Nachteil sein. Für mich ist die Absage neu, ich hatte davon keine Kenntnis. Wir hatten aber auch schon länger nichts mehr von der holländischen Firma gehört", sagte Bürgermeister Klaus Köhler (Freie Wähler) auf Nachfrage. Er ist seit Mai im Amt und hatte seither keinen Kontakt zu den Delissens, wie er bekundete.

Der Umweltreferent des Gemeinderats, Harald Godron (Bündnis 90/Die Grünen), äußerte sich mehr als zufrieden. "Ich freue mich natürlich, dass dieses Großprojekt nicht verwirklicht wird. Wiesentheid halte ich eh für den falschen Standort dafür." Godron gehörte im Vorjahr zu den Initiatoren des Bündnisses gegen das Projekt.

Einsatz hat sich gelohnt

Bei diesem mischte auch Michael Rückel (Bürgerblock) maßgeblich mit. "Ich bin heilfroh, dass dieser Kelch an uns vorüber geht. Das hätte nur Nachteile für die Gemeinde gehabt." Wenn Delissen einen Bogen um Wiesentheid mache, habe sich der Einsatz und der energische Widerstand gelohnt. Letzteren sieht Rückel als entscheidenden Punkt. Es habe zwar vieles gegen den Standort gesprochen, aber bei der Demonstration im Vorjahr habe der Bauwerber gesehen, dass er in Wiesentheid unerwünscht sei.

Nicht gerade überrascht vom Rückzug zeigte sich dagegen Otto Hünnerkopf (CSU). Für ihn sei schon länger  klar gewesen, "dass Delissen in Wiesentheid aufgegeben hat. Ich hatte aber den Eindruck, dass in Wiesentheid einige Gruppen und Personen das Thema gerne am Köcheln hielten, um ihre politischen Ziele bei der Kommunalwahl zu erreichen." Hünnerkopfs CSU hat wohl nicht zuletzt wegen der Kontroverse um die Salatfabrik den Bürgermeister-Posten verloren.

Chronologie

Mai 2017: Im Rathaus liegt die Voranfrage einer Firma Delissen, einer Großgärtnerei aus Holland vor. Diese will auf einem 17,4 Hektar großen Grundstück südöstlich von Wiesentheid ein Kulturgewächshaus mit Regenwasser-Auffangbecken und einem Wärmeenergiespeicher errichten.
Januar 2019: Ein Bauantrag zum Bau eines Salatgewächshauses mit Verladebereich und Wärmespeicher wird gestellt und im Gemeinderat vorgelegt. Die Pläne werden im Gemeinderat einstimmig abgelehnt.
Februar 2019: Fragen und Kritik in den Bürgerversammlungen zur Salatzucht; Unterschriftenaktion des Bürgerblocks gegen das Projekt, über 800 Bürger unterschreiben.
März 2019: Erstmals wird eine  neue Fläche am westlichen Ortsrand, in Nähe der Gärtnerei Lang ins Spiel gebracht.
Ende März 2019: Infoveranstaltung der holländischen Firma zu dem geplanten Projekt im Wiesentheider Pfarrheim.
Juni 2019: Der Gemeinderat beschließt die Ausweisung einer Konzentrationsfläche für Gewächshäuser am westlichen Ortsrand. Demo des Aktionsbündnisses.
August 2020: Die Firma Delissen zieht sich endgültig vom Standort Wiesentheid zurück.
Quelle: ast