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Kitzingen

Pro und Contra: Braucht es ein Kitzinger Stadtmuseum?

Seit dem Stadtratsbeschluss, das Kitzinger Museum zu schließen, interessieren sich dafür so viele  wie lange nicht mehr. Ist das Aus gerechtfertigt? Das meinen unsere Autoren.
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Das Städtische Museum in der Landwehrstraße in Kitzingen wird laut Stadtratsbeschluss von Ende Juni 2020 geschlossen. Der Beschluss wird seitdem kontrovers diskutiert. Foto: Michael Mößlein
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Ganz gleich, wie man zur Zukunft des Kitzinger Stadtmuseums stehen mag, eines steht fest: Um das Thema kommt derzeit keiner herum, der sich für die Kitzinger Lokalpolitik interessiert. Das Thema beherrscht seit Tagen Leserbriefschreiber und Online-Kommentatoren. Lesen Sie hier, wie unsere beiden Autoren zum Aus des Museums stehen.

Pro: Ein Stadtmuseum wirkt über Generationen als Gedächtnis

Heimatmuseen sind Heimatmuseen. Im guten Sinn bedeutet der Satz: Hier wird bewahrt. Geordnet. Gesammelt. Hier hat die Heimat ihr Gedächtnis. Dagegen heißt die negative Sicht: Puh, mal kurz durchlaufen, aber eigentlich schnarch-langweilig. Zumal es heutzutage ja überall diese tollen Spezial- und Kunstmuseen gibt, denen ein Stadtmuseum niemals das Wasser reichen kann. Kritiker nennen das die Popularisierung der Museumslandschaft, die seit den 1990er Jahren zu beobachten und nicht unbedingt immer nur von Vorteil ist.

Natürlich ist es nicht verboten, mit netten Ideen auch ein Heimatmuseum attraktiv und zu einem Hingucker zu machen. Es muss nicht zwingend als bessere Rumpelkammern einer vergangenen Zeit daher kommen – man kann auch ein Sammel- und Bewahr-Museum zu einer sehenswerten Wunderkammer machen.

Heimatmuseen – das liegt in der Natur der Sache – bewahren alles und nichts. Wenn es sein muss auch zerbrochene Trinkbecher und verstaubte Wandteppiche. Schier unendliche Inventarlisten. Und es gibt auch noch so etwas wie einen Bildungsanspruch, was inzwischen gerne mal vergessen wird. Das alles ist tatsächlich nicht – naja, heute würde man sagen: sexy. Aber das macht auch nichts: Heimatmuseen sind anders aufgestellt. Sie setzen auf Zeit. Überstehen Trends. Sind einfach da. Von Natur aus sind sie die Spießer unter den Museen. Gestern-Einrichtungen. Niemals werden sie die hohe Strahlkraft und umwerfende Besucherzahlen haben. Und sie kosten natürlich Geld. Wahr ist aber auch: Nach einem Besuch ist man immer schlauer.

Ein Heimatmuseum muss man wollen. Über 100 Jahre wollte Kitzingen. Jetzt scheint das anders zu sein. Seit der Generalsanierung und dem Umzug in die Landwehrstraße stehen immer wieder zwei Dinge im Mittelpunkt: Besucherzahlen und der Bedarf an Zuschüssen. Dazu eine Museumsleiterin mit eigenem Kopf, die dem Zeitgeist, so sagen es ihre Krikiker, die Museumstür vor der Nase zuschlug.

Trotzdem wickelt man ein derartiges Heimatmuseum nicht einfach ab. Was der Kitzinger Stadtrat da mehrheitlich gemacht hat, geht so nicht. 125 Sammel- und Bewahr-Jahre tritt man nicht mal eben so in die Tonne. Ein Museum, das sollte ein Stadtrat eigentlich wissen, ist kein Spielball.

Heimatmuseen mögen mitunter ein wenig angestaubt und nicht ansatzweise sexy sein. Keinesfalls aber sind sie sinnlos. Im Gegenteil: Sie sind Sinn stiftend. Wer ein Gedächtnis hat, sollte es auch dringend behalten.

Contra: Ein Museum muss auf Höhe der Zeit sein

Der Name Kodak stand einmal für einen der bedeutendsten Hersteller von Filmen und Fotozubehör. Doch mit dem Vormarsch der digitalen Bilder geriet das Unternehmen immer weiter in Rückstand – bis es schließlich von der Pleite eingeholt wurde. Ein tragischer Absturz und der Beweis für die alte These: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Das Kitzinger Stadtmuseum ist auch so ein tragischer Fall. Zwei Jahre war es geschlossen, und kaum einer hatte es bemerkt. Nun ist es komplett dicht und der Aufschrei groß. Die Frage, die nun viele umtreibt, lautet: Ist das ein Verlust?

Der Stadtrat hatte gute Gründe, das Museum Geschichte sein zu lassen. Das Existenzminimum war schon lange erreicht. 1100 (zahlende) Besucher waren es von Januar 2018 bis zu seiner Schließung im September 2018 – Tendenz sinkend. Wie weit müssen Aufwand und Nutzen noch auseinanderklaffen? Auch wenn die Kultur zu den Bereichen gehört, die nicht nach streng marktwirtschaftlichen Maßstäben zu bemessen sind: Kultur ist keine Säulenheilige, die sich allen Gesetzen des Marktes entziehen kann. Auch ein Museum unterliegt in letzter Konsequenz dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, schließlich lebt es nicht von Luft und Liebe, sondern wird mit Geld des Steuerzahlers alimentiert.

Man wüsste gerne, wie viele derer, die am lautesten nach dem Fortbestand des Museums rufen, in den letzten Jahren selbst, mit ihren Kindern oder Enkeln dort waren. So viele können es nicht gewesen sein. Und selbst wenn, sollten auch sie erkennen: Das Gedächtnis einer Stadt lässt sich nicht in ein paar Tausend Quadratmeter umbauten Raums pressen. Geschichte erfährt und erlebt man am besten, wenn man sich bewusst und mit offenen Augen auf einen Ort einlässt. Man begegnet ihr auf Schritt und Tritt. Niemand, der nach Berlin reist, käme auf die Idee, dort ein Heimatmuseum zu besuchen, um Spuren der Vergangenheit zu begegnen.

Ein Museum muss sich – wenn es erfolgreich sein will – von Zeit zu Zeit neu erfinden. Ein digitales archäologisches Siedlungsmodell kann da nur der Anfang sein. Es genügt heute nicht mehr, ein paar dem Staub entrissene Scherben mit Bedeutung aufzuladen und sie als etwas Besonderes zu verkaufen. Der Besucher will im besten Fall unterhalten werden, und das Museum muss mit ihm kommunizieren, interaktiv sein, wie die Fachleute sagen. Die Mehrheit interessiert sich nicht für das Kitzinger Museum – weil sich das Museum nicht für die Menschen interessiert.