Als Herbert Müller, Mitarbeiter in der Verwaltung der Kitzinger Tafel , zu seinem Wagen kommt, fällt ihm ein Umschlag auf, der unter die Scheibenwischer an der Windschutzscheibe gesteckt ist. Der 74-Jährige öffnet den Umschlag – und ihn trifft fast der Schlag: Darin befindet sich eine herausgerissene Zeitungsseite vom Vortag, auf der die Beerdigungen angekündigt werden.

Mit einem schwarzen Stift hat jemand die Worte "Vorsicht Muler" draufgeschrieben. Offensichtlich eine Drohung an Müller, der von den meisten Tafelkunden Muler genannt wird: "Als soll ich der Nächste sein, der einen Termin für eine Beerdigung braucht." Der Tafel-Mitarbeiter bringt den Umschlag noch am Donnerstag direkt zur Polizeiinspektion Kitzingen.

Die Beamten hätten die Ermittlungen zu den Hintergründen aufgenommen, heißt es am Montag von der Pressestelle der Polizei Unterfranken nur. Man könne deshalb keine weitere Stellung nehmen. "Das Ergebnis der Ermittlungen bleibt abzuwarten."  

Ärger mit Kunden, die sich nicht an Regeln halten

Manfred Seigner, 1. Vorsitzender des Vereins Kitzinger Tafel, glaubt nicht, dass dabei etwas herauskommt. Möglicherweise sei der Täter ein Kunde der Tafel, der sich mittwochs oder samstags bei der Essensausgabe etwas abholt. "Dort gab es in den letzten Wochen mehrfach Stress", sagt Seigner. Immer wieder hätten die Mitarbeiter Kunden, die sich dort nicht an die Regeln halten, ermahnen müssen.

Seine Frau, die bei der Essensausgabe mithilft, berichtet, dass die Tafel-Mitarbeiter nicht ernst genommen würden: "Die lachen über uns und tun so, als würden sie uns nicht verstehen."

Von der Polizei im Stich gelassen?

Die Verantwortlichen der Tafel wünschen sich mehr Präsenz der Polizei. Von der fühlten sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter nämlich im Stich gelassen. Er habe mehrmals um Hilfe gebeten, sagt Seigner. Die Polizei in Kitzingen will sich dazu aktuell nicht äußern, betont aber, dass im aktuellen Fall ermittelt und die  konkrete Gefahrenlage geprüft werde. Man gehe auf die Verantwortlichen der Tafel zu. 

Herbert Müller ist auch für die Ausweise zuständig, die dazu berechtigen, zur Tafel zu kommen. Nur wenn jemand Personalausweis, Meldebescheinigung sowie einen Bescheid über die Zahlung von Arbeitslosengeld oder einen Einkunftsnachweis vorlegt, erhält er als Bedürftiger eine solche Berechtigung. Auch hierüber komme es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Kunden, berichten die Tafel-Verantwortlichen.

Wird die Tafel jetzt geschlossen?

"Wir möchten die Tafel nicht schließen, weil ein Großteil unserer Kunden vernünftig ist und auf das Essen angewiesen ist", erklärt Seigner. Aber eine Drohung wie diese bringt auch ihn, der seit 20 Jahren bei der Tafel ist, zum Nachdenken. In Kitzingen versorgen rund 50 ehrenamtliche Mitarbeiter fast 400 Erwachsene und 200 Kinder. Als die Tafel während des Lockdowns wegen der Corona-Pandemie geschlossen war, hätten viele Bedürftige bereits Probleme bekommen, so Seigner.