Ein Rockmusiker wie er im Buche steht: langer Bart, der langsam leicht ergraut, am ganzen Körper tätowiert. Marc Fischer sieht nach harter Musik aus, man denkt sofort an Gitarrenmusik und Schlagzeug, an Rock oder sogar an Metal . Doch Fischer ist mittlerweile 43 Jahre alt, hat fast 20 Jahre diese düstere Musik gemacht, langsam bewegt er sich in ein seichteres Genre. Den Bart trägt er noch, weil sich jeder daran gewöhnt hat, beim Schlürfen des Chai Latte stört er jedoch gewaltig. Abrasieren würde er ihn trotzdem nicht. "Der Bart gehört zu meinem Gesicht, ohne ihn würde man mich gar nicht mehr erkennen", sagt Fischer. 

Am Freitag erschien die erste Single "Loss" aus Fischers neuem Album. Seit zwei Jahren ist der Iphöfer praktisch Solo-Künstler, spielt die verschiedenen Instrumente selbst ein, Gesang gibt es nicht. "Six Days Of Calm" nennt er sich. Anfang des Jahres hat er einen Plattenvertrag beim Label Midsummerrecords unterschrieben, das Album "The Ocean's Lullaby"  ist fertig und erscheint im November, allerdings nur auf Vinyl und natürlich bei verschiedenen Streaming-Anbietern. "Post-Rock klingt auf Platte viel schöner, als auf CD", findet Fischer. Für ihn ist es sogar eine Premiere. Die erste LP auf Vinyl, und dann gleich als Doppel-LP mit eigener Illustration von einer Firma aus München. Vor dem Album im November kommen außerdem noch zwei weitere Single-Auskopplungen und ein Videodreh.

Alles selbst beigebracht

Post-Rock nennt sich die Musikrichtung, die Alternative und Indie mit Progressive Rock und dem Space Rock der 70er Jahre verbindet. "Post-Rock bedeutet für mich, dass es keinerlei Grenzen gibt, weil so viele Facetten reinströmen können", erklärt er. "Es ist ein sehr emotionales Genre. Die Menschen, die das hören, lieben es. Für die ist das wie eine Passion."

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Fischer hat sich alles selbst beigebracht, seit ihn sein Musiklehrer im Jahr 1992 mit 15 zum Bassisten der Schulband machte. Einer Silversteridee hat er seine erste Band zu verdanken. Mit seinen Kumpels aus der Nachbarschaft und aus der Schule gründete er Casket, zu deutsch Sarg. Der Name passt zu der düsteren Musik, die die jungen Männer aus Iphofen damals machten. "Das war damals richtiger Death-Metal, sehr harte Musik", schwelgt Fischer in Erinnerung. "Und es war gar nicht so gut", gibt er unumwunden zu.

Die Band coverte damals vor allem Gruppen wie Slayer und brachte sich damit ihre Instrumente eigentlich selbst bei. Noch heute profitiert Fischer davon, dass er nie richtigen Musikunterricht genießen durfte. Seine Musik sei dadurch intuitiver, findet er. Er probiert Dinge aus, bei denen gelernten Musikern die Haare zu Berge stünden. Für sein neues Album hörte er sogar einmal wochenlang nur klassische Musik, weil er sich für eines der Lieder einen Orchester-Part vorstellen konnte. Ein Orchester braucht Fischer dafür aber nicht. "Das geht heutzutage alles am Computer, aber man muss die Klassik natürlich verstanden haben. Man muss wissen, welche Instrumente was spielen", erklärt Fischer.

Berufsmusiker war nie sein Ziel

Die Veränderungen, die er in der Musik-Szene erlebt hat, haben ihn geprägt. "Heutzutage ist die Konkurrenz größer, weil man ohne großen Aufwand echt gute Musik aufnehmen kann", weiß Fischer. Eine Karriere als Berufsmusiker war deshalb nie sein Ziel. "Das schaffen so wenige und die Konkurrenz ist so hart." Stattdessen ist er froh, jeden Monat pünktlich sein Gehalt von seinem Arbeitgeber Knauf zu bekommen. "Ich brauche diese Sicherheit." Die Musik ist im Endeffekt ein Nullsummenspiel für ihn. Aktuell fehlen allerdings die Gagen von Live-Auftritten. 

All diese Dinge hat der gelernte Chemielaborant in seiner langen musikalischen Laufbahn gelernt. Mit seiner Jugendband Casket ging es steil bergauf. Die Band holte sich einen erfahrenen Gitarristen und dieser brachte Struktur in das wilde Spielen der Jungs. Durch Zufall lernten sie einen Produzenten kennen, der ein Studio eröffnete und noch Referenzen brauchte. Dort produzierte die Band ihr erstes Demo, damals noch eine Kassette mit sechs Songs. Die Fachzeitschriften in Deutschland waren begeistert. Von der "neuen deutschen Death-Metal-Nachwuchshoffnung" war die Rede. Schnell bekam die Band einen Agenten und natürlich den ersten Plattenvertrag.

Rockstar-Leben in Südtirol

"Wir standen damals neben Bands wie Rammstein in den Rockcharts", erzählt Fischer. "Das alles riecht nach der Band der nächsten Monate und Jahre", steht in einer Kritik des Portals metal.de des Casket-Albums Tomorrow, das im Jahr 1997 erschien. "Einmal hat uns unsere Plattenfirma zu einem Festival in Südtirol eingeladen und inklusive teurem Hotel alles bezahlt. Das war schon ein bisschen das Rockstar-Leben", erinnert sich Fischer. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt, auch wenn er vieles auch schon vergessen hat. 

"Das alles riecht nach der Band der nächsten Monate und Jahre."
Das Online-Magazin metal.de über Casket im Jahr 1997

Doch so schnell wie es bergauf ging, endete auch der Traum von der großen Welt der Rock-Musik. Die Plattenfirma wollte die Band kommerzialisieren, wollte immer softere Musik mit Elementen des Pop. Mainstream werden, also den Geschmack der kulturellen Mehrheit wiederspiegeln, das wollten sie mit Anfang 20 aber einfach nicht. Und so löste sich die Band im Jahr 2000 endgültig auf. Ihre letzte Single fanden sie so schlecht, dass sie der Plattenfirma alle CDs abkauften, damit der Song auf keinen Fall auf den Markt kommt. "Wir waren jung und kannten uns nicht richtig aus", erinnert sich Fischer.

Alle Instrumente verkauft

Der Frust über das Ende war groß. So groß, dass Fischer all seine Instrumente und sein Equipment verkaufte und das Musikmachen praktisch einstellte. Für ganze neun Jahre. Erst seine damalige Frau brachte ihn dazu, wieder anzufangen. Gemeinsam mit dem Gitarristen, der zu seiner ersten Band dazugestoßen war, gründete Fischer Watch Them Fade. Zwei Alben brachte die Gruppe heraus, spielte sogar auf dem berühmten Summerbreeze-Festival, das Jahr für Jahr 50 000 Besucher anlockt, dann lösten sie sich auf. Der gebürtige Neustädter wollte seinen Stil ändern, etwas machen, was ihm gefällt und zu ihm passt. Und deshalb gründete er Six Days Of Calm.

Als Nachwuchshoffnung würde Fischer heute wohl niemand mehr bezeichnen, selbst wenn er sich seinen Bart abrasieren würde. Sein Produzent Tim Masson findet aber, dass "The Ocean's Lullaby" eines der besten Post-Rock-Alben 2020 sein wird. Und darum geht es Fischer letztlich: Endlich wieder die Musik machen, auf die er Lust hat. 

Diese 10 Songs haben Marc Fischer geprägt

1.  Thrice – Words In Water
2. This Will Destroy You – Threads
3. Atreyu – The Theft
4. Blue October – Light You Up
5. Sigur Rós - Glósóli
6. Defeater – Brothers
7. Watch Them Fade – Emptiness
8. For Today – The Breaker´s Comission
9. Mono – Dream Odyssey
10. Pg.lost – Maquina
Quelle: tei