Corona wirkt wie ein Brennglas: Probleme des Einzelhandels, die auch vorher schon bestanden, haben sich im Lockdown verschärft. Während die Online-Dienste profitieren, plagen die Inhaber lokaler Geschäfte Existenzsorgen. Das hat auch die Stadt Kitzingen erfahren.

Dazu kommen in der Innenstadt Themen, die schon lange schwelen: Generationswechsel, verbunden mit der Suche nach Nachfolgern oder Geschäftsaufgaben, Leerstände, die Frage der Mieten-Höhen, der Einzug von Filialketten, die Auswirkungen des großflächigen Einzelhandels auf die Innenstadt, das Damoklesschwert einer möglichen Norma-Schließung im Schwalbenhof. 

Gleichzeitig wandelt sich die Stadt selbst. Hatten Prognosen vergangener Jahre vorausgesagt, die Große Kreisstadt werde unter 20 000 Einwohner fallen, so sprach Oberbürgermeister Stefan Güntner im Kommunal-Wahlkampf 2020 davon, die Stadt in Richtung 28 000 Einwohner weiterentwickeln zu wollen. Tatsächlich wächst die Stadt. Derzeit: über 23 000 Einwohner.

Es geht um mehr als nur den Einzelhandel

Diese und weitere Themen haben die Stadtverwaltung bewogen, eine Fortschreibung ihres aus dem Jahr 2012 stammenden Einzelhandelskonzepts, auch Zentrenkonzept genannt, zu erwägen. Es soll den Ist-Zustand in Handel, Dienstleistung und Gastronomie analysieren, das Kaufkraft-Potenzial beziffern, Schwächen und Stärken des Angebots ermitteln. Dazu sollen die Bereiche Marshall Heights als kommender neuer Stadtteil, das Gewerbegebiet Bahnhof Etwashausen, der Schwalbenhof und das Dekanatszentrum in der Altstadt untersucht werden. 

Diese Analyse soll schließlich den Stadtpolitikern als Basis für kommende Entscheidungen dienen. So stehen zum Beispiel Beschlüsse über die Neuansiedlung von Märkten in Etwashausen und in den Marshall Heights mittelfristig zu Debatte. Der Handelsverband Bayern und der Kitzinger Stadtmarketingverein begrüßten das Vorhaben ausdrücklich und gaben Anregungen für weitere Untersuchungsschwerpunkte.

Im Kitzinger Stadtrat berichtete Stadtentwicklungsreferent Thomas Rank (CSU), dass sich der Stadtentwicklungsbeirat in einer vorangegangenen Sitzung nicht einig geworden sei. Deshalb verwies er das Thema an den Stadtrat. Und tatsächlich war auch der Rat uneins. Rank selbst sagte über ein mögliches neues Einzelhandelskonzept: "Ein Papier rettet nicht die Innenstadt." Man erhebe damit einen Haufen Daten – "aber was fangen wir damit an?"

Uwe Pfeiffle (FW-FBW) hielt den Zeitpunkt der Datenerhebung für falsch. Wegen der Pandemie und ihren Folgen wollte er die Erhebung erst zum Jahresende starten lassen. Die Stadtverwaltung hatte den Sommer vorgeschlagen, weil das Konzept sechs bis neun Monate bis zur Fertigstellung brauche. Außerdem erwartet Pfeiffle durch das Konzept viele Gebote, Verordnungen und Regelungen – "je mehr desto schlechter".

Pro und Contra Zentrenkonzept

Jens Pauluhn (ÖDP) sah in einem Konzept keinen Papiertiger, sondern eine wichtige Datenbasis für künftiges Handeln. Der Patient Handel liege auf der Intensivstation; man dürfe nicht warten, bis er tot sei.

Timo Markert (CSU) sah das Problem in den Umlandgemeinden, die immer mehr Marktansiedlungen zuließen. "Das können wir mit unserem Konzept für Kitzingen nicht verhindern." Er schlug vor, durch Veranstaltungen, attraktive Läden und Gastronomie Kaufkraft nach Kitzingen zu holen, egal an welchem Eck der Stadt.

Manfred Paul (SPD), bis Ende 2013 selbst Stadtmarketingverein-Vorsitzender, betonte die Notwendigkeit des Konzepts. Es werde etwa 20 000 Euro kosten, schätzte er, und eine Grundlage für die Stadtpolitik der nächsten fünf Jahre entwickeln. Der Stadtrat dürfe nicht nach Bauchgefühl entscheiden. Das wäre den Investoren und der heimischen Wirtschaft gegenüber nicht fair. Außerdem betonte er den psychologischen Effekt des Konzepts als Aufbruchsignal für den Einzelhandel. Es sei keine Behinderung, sondern eine Beförderung der Entwicklung in der Innenstadt und den Stadtteilen.

Als Gegner der "Gutachteritis" bezeichnete sich Geschäftsmann Georg Wittmann (FW-FBW), der seit längerem den Plan verfolgt, an der B 8 auf Höhe der Marshall Heights ein Einkaufszentrum zu verwirklichen. Geschäftsleute müssten sich etwas einfallen lassen, wenn sie ihren Laden vorwärts bringen wollen und keine Mauern bauen, lautete seine Überzeugung. Der Kunde sei dynamisch: "Bis wir etwas beschließen, ist es drei Mal überholt", behauptete Wittmann. 

Zwei Drittel wollen die Planungsgrundlage

Dem entgegnete Andreas Moser (CSU): Das Konzept werde nicht die Welt retten, aber daraus ließen sich Regeln generieren wie bei einer Straßenverkehrsordnung. Ansonsten würden die Starken die Schwachen überrollen. Er brach eine Lanze für die Geschäfte Kitzingens: "Der Einzelhandel ist sehr lebendig und individuell. Er investiert und ist aktiv." Im Gegensatz dazu habe die Stadt Kitzingen ihre Aufgaben in der Vergangenheit nicht gemacht, sagte Moser.

Andrea Schmidt (Grüne) verknüpfte ihr Plädoyer für das Konzept mit konkreten Fragen: Wie könne man die Nahversorgung sichern, und brauche es noch mehr Discounter?

Am Ende lehnte der Rat Pfeiffles Vorschlag, das Konzept zu verschieben, knapp mit 17:14 Stimmen ab. Für einen Start im Sommer sprach sich das Gremium mit 19:12 aus. Laut Vorlage der Verwaltung soll sich das Unternehmen Stadt und Handel mit Hauptsitz in Dortmund darum kümmern.